Die DNS-Jäger "Engmaschig wie eine Feinstrumpfhose"

Die enorme Erfolgsquote von Gen-Tests ermutigt Polizisten, die Jagd nach DNS-Proben zu verschärfen. Wissenschaftler in aller Welt arbeiten daran, die letzten Geheimnisse des Zellkerns in den Dienst der Fahndung zu stellen.

Von Jochen Bölsche


Laborangestellte: Mit Hilfe von gesammelten Gendaten frühere oder künftige Straftaten zuordnen
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Laborangestellte: Mit Hilfe von gesammelten Gendaten frühere oder künftige Straftaten zuordnen

Fast ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit sich Gisela Dutzi der Roten Armee Fraktion (RAF) anschloss. Im Jahre 1984 wurde sie angeklagt wegen "Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung und anderer Straftaten". Ihre Haftstrafe von über acht Jahren saß sie ab bis zum letzten Tag.

Zehn Jahre nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis interessierte sich die Polizei erneut für die RAF-Veteranin. Bei einem Besuch im Frankfurter Arbeitsamt, so berichtete sie ihren Freunden, sei sie von fünf Polizisten abgefangen und aufgefordert worden, sofort "freiwillig" eine Speichelprobe abzugeben oder aber mit aufs Präsidium zu kommen; dort würde ihr dann "mit Gewalt eine Blutprobe" abgenommen, "'was schmerzlich wird' (wörtlich zitiert).

An Händen und Füßen zum Gentest geschleppt

Als sie sich weigerte, wurde Dutzi, die zwei Wochen zuvor eine schriftliche Aufforderung zur Speichelentnahme im Polizeirevier ignoriert hatte, nach eigener Darstellung "an Händen und Füßen zum Auto geschleppt" und in die Gerichtsmedizin transportiert, wo ihr "mit Gewalt - Arme nach hinten verdreht und fixiert - Blut abgenommen wurde".

Vorlagen für Phantombilder: Vieles von dem, was kürzlich Fiction war, ist mittlerweile Science

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Die Polizeiaktion, der sich die Ex-Terroristin ausgesetzt sah, heißt unter Strafverfolgern "retrograde Erfassung". In Ausnahmefällen gewaltsam, meistens aber gewaltfrei werden seit Jahren Blut- oder Speichelproben von verurteilten (oder lediglich wegen Schuldunfähigkeit nicht verurteilten) Schwerkriminellen eingesammelt, sofern sie ein Richter als Rückfall gefährdet einschätzt.

Mit Hilfe des zusammengetragenen Genmaterials und per Abgleich mit Tatortspuren wollen die Fahnder den registrierten Delinquenten frühere oder künftige Straftaten zuordnen. Das Kalkül geht auf: Während die Länderpolizeien ihre Altfälle aufarbeiteten und die Gen-Datei des BKA fütterten, wuchs in den letzten Jahren kontinuierlich die Chance, nicht nur neue Verbrechen, sondern auch lange zurückliegende Straftaten aufzuklären.

Jeder 300. Deutsche in der DNS-Datei

"Dank DNS", sagt Wolfgang Bauch, Sprecher des Kripo-Bundes BDK, sei "das Netz, mit dem wir Täter fischen, so engmaschig wie eine Feinstrumpfhose". Bereits jetzt verfügt Deutschland mit den DNS-Profilen von bald einer Viertelmillion Menschen - also fast jedem 300. Bürger - über die zweitgrößte Kripo-Gendatenbank der Welt. Üppiger bestückt ist nur Großbritannien, wo der genetische Fingerabdruck erfunden wurde und wo schon jeder 30. Einwohner erfasst ist.

Humanprobenbank: Aus Hautpartikeln auf den dazu gehörenden Menschen schließen
DPA

Humanprobenbank: Aus Hautpartikeln auf den dazu gehörenden Menschen schließen

Nicht nur die zunehmende Speicherung von Genprofilen ermöglicht immer wieder verblüffende Aufklärungserfolge, auch die Fortschritte der Kriminaltechnik tragen dazu bei. So kann Erbgut seit wenigen Jahren nicht nur in frischen Haarwurzeln aufgespürt werden, sondern auch in Haaren, die vor langer Zeit ausgefallen oder ausgerissen worden sind.

Das Haar in der schwarzen Baskenmütze

So ist es BKA-Wissenschaftlern zum Beispiel gelungen, einen schon 1988 begangenen Sprengstoffanschlag in Spanien dem RAF-Terroristen Horst Ludwig Meyer zuzuordnen: Ein Haar, damals gefunden in einer schwarzen Baskenmütze, lieferte mehr als ein Dutzend Jahre nach der Tat ein "vollständiges Profil" der DNS-Merkmale Meyers. Der mutmaßliche Täter konnte allerdings nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden; Meyer war 1999 in Wien bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet worden.

Brauchbare DNS-Spuren lassen sich heute selbst noch in den winzigen Hautresten sichern, die sich in den Drehkranz-Rillen einer Armbanduhr festsetzen, die jemand am Tatort zurücklässt. Hautpartikel an einem Rucksack überführten einen 18-jährigen, der in Leipzig einen zwei Jahre jüngeren Schüler erstochen hatte.

Der DNS-Code des notorischen Schlägers war den Fahndern bereits bekannt. "Im Polizeicomputer fanden sich zum Tatverdächtigen bereits 20 Einträge wegen Körperverletzung und Diebstahls", erklärte der Leipziger Kripo-Chef Uwe Matthias den raschen Erfolg.

Eine Cola-Dose verriet die Computer-Diebe

In den meisten Fällen sind es allerdings Seriendiebe, die in die Gen-Falle tappen. Einem Münchner Laubeneinbrecher wurde zum Verhängnis, dass er in den geknackten Gartenhäusern hin und wieder gegessen und Krümel hinterlassen hatte. In Hessen führten Speichelreste an einer zurückgelassenen Cola-Dose die Ermittler auf die Spuren einer Clique junger Computerdiebe.

Die Kette der Fahndungserfolge beflügelt manch einen Ermittler, nicht nur auf den Abbau jener juristischen Hürden zu drängen, die einem Massentest auf Vorrat noch im Wege stehen. In kleinem Kreis diskutieren Kriminalisten und Kriminologen bereits über die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten würden, wenn sie auch die vom Gesetzgeber gesperrten "codierenden" DNS-Zonen ausforschen dürften.

Horst Ludwig Meyer: Ein Haar in der Baskenmütze
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Horst Ludwig Meyer: Ein Haar in der Baskenmütze

"Das kriminalistische Interesse auch an diesem Bereich liegt auf der Hand", hieß es vor fünf Jahren noch ganz unverblümt in einer BDK-Stellungnahme: "Bei einem entsprechenden wissenschaftlichen Stand könnten dann allein aus aufgefundenen Körperzellen Rückschlüsse auf die Hautfarbe, die Haar- und Augenfarbe, die Statur usw. gezogen werden. Dies wäre bei Straftaten unbekannter Täter eine wertvolle Fahndungshilfe... Die Diskussion hierüber sollte nicht tabuisiert werden."

Science fiction? Vieles von dem, was vor fünf Jahren noch Fiction war, ist mittlerweile Science.

Speichelreste lassen auf die Haarfarbe schließen

In Großbritannien haben sich Wissenschaftler bereits an die schwierige Aufgabe gemacht, mit Hilfe der "codierenden" Daten aus Barthaaren oder Hautpartikeln Phantombilder der dazu gehörenden Menschen zu erstellen. Dass mit Spermien oder Speichelresten die Haut- oder Haarfarbe eines Verdächtigen ermittelt werden kann, scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Ob jemand rote Haare hat, lasse sich bereits jetzt mit 80-prozentiger Sicherheit erkennen, resümiert Kriminalbiologe Benecke den Forschungsstand. Und seit einem Jahr existiere auch ein Test der kalifornischen Firma DNSPrint Genomics, der verspricht, aus DNS-Proben die Augenfarbe herauszulesen.

Schon heute zeigten Vergleiche von DNS-Spuren aus aller Welt überdies, "welche Abschnitte etwa in Asien, Afrika oder Westeuropa besonders häufig sind" - Folge, so Benecke: Auch die ethnische Zugehörigkeit lasse sich "bereits mit einiger Sicherheit aus den Genen herauslesen".

Weil zu erwarten ist, dass Wissenschaftler aus den Genen zunehmend auch Rückschlüsse auf Eigenschaften wie Aggressionspotential oder Trunksuchtneigung ziehen können, beharren deutsche Datenschützer auf einer strikten Reglementierung der DNS-Fahndung.

"Durchsichtig bis auf den Zellkern"

"Die Gefahr, den 'Gläsernen Menschen' mit Hilfe von Persönlichkeits- und Risikoprofilen aus DNS-Analysen zu schaffen, schwebt über den Methoden der modernen medizin- und computergestützten Kriminalistik wie ein Damoklesschwert", warnte schon in den Anfangstagen der Genfahndung der niedersächsische Jurist und Grünen-Berater Rolf Gössner. Die neuen Methoden seien "geeignet, in die intimste Persönlichkeitssphäre des Menschen einzudringen, sie bis auf den Zellkern durchsichtig zu machen, sie zu kategorisieren und gegebenenfalls nach bestimmten Rastern zu 'selektieren'".

Ob der juristische Schutzwall um den "codierenden" Intimbereich der DNS auf Dauer halten wird, ist ungewiss. Dass Datenschutz-Dämme schnell brechen können, haben Bürgerrechtler immer wieder beobachten müssen. Als in Belgien der Fall des Kindermörders Dutroux die Massen erregte, wurde die nationale DNS-Gesetzgebung binnen 24 Stunden geändert.

Verbesserung des kriminaltechnischen Werkzeugkastens

Bereits im vorigen Jahr haben die Niederlande als erster europäischer Staat das letzte Tabu angekratzt, das den Griff nach den Geheimnissen im Zellkern noch schützt: Holländische Fahnder dürfen aus Tatortspuren nun auch auf Körpermerkmale wie Haar- oder Hautfarbe schließen - eine "logische und sehr nützliche Verbesserung des kriminaltechnischen Werkzeugkastens", wie ein holländischer Gerichtsmediziner rühmt.

Bankräuber: Nur noch mit Strumpfmasken
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Bankräuber: Nur noch mit Strumpfmasken

Polizeifunktionäre, die der Kriminalbiologe Benecke nach ihrer Meinung zum niederländischen Modell befragte, verweigerten eine Stellungnahme - aus Furcht, sie könnten "falsch interpretiert" werden. Die Kriminalisten wollen offenbar die aktuelle politische Debatte über die von ihnen gewünschte Ausweitung der "Kleinen Gen-Analyse" nicht mit verfrühten Forderungen nach einer "Großen Gen-Analyse" belasten, die im rot-grünen Spektrum nur neue Ängste wecken würde.

An der größten anzunehmenden Gen-Analyse, einer Komplett-Ausforschung der in Deutschland tabuisierten DNS-Areale, hindert die Holländer nur noch eine einzige Gesetzesklausel: Lediglich äußerlich wahrnehmbare Merkmale wie etwa die Augenfarbe dürfen dort, falls erforderlich, aus den Problemzonen der Gene herausgelesen werden.

Wenn die letzte Sperre fällt

Doch auch diese Sperre, fürchten Kritiker, könnte entfallen, wenn dramatische Terrorakte oder Sexualdelikte die Nation erschüttern und Kriminalpolitiker die letzten Reservate öffnen.

"Selbstverständlich hilft es bei der Strafverfolgung, wenn man etwas über die Krankheiten des Täters weiß", räumt Experte Benecke ein. So werde eine "Trisomie 21 - die zum Down-Syndrom führt - in Holland derzeit als nicht bedeutsam für die Verbrecherjagd erachtet", aber "zweifelsohne würde es den möglichen Täterkreis erheblich einschränken, wenn man wüsste, ob der Gesuchte unter diesem genetischen Defekt leide". Und "selbst das Wissen um ein erhöhtes Darmkrebsrisiko könnte der Polizei den Täter womöglich eines Tages in die Arme treiben".

Frauenleichen ohne Finger

Die kriminelle Szene hat bereits begonnen, auf die neuen Fahndungsmethoden zu reagieren - so wie Bankräuber sich seit langem mit Strumpfmasken gegen die Videoüberwachung und Einbrecher sich mit Handschuhen gegen die Fingerabdruckfahnder wappnen.

Neuerdings findet die Polizei, wie die Hamburger "Zeit" meldete, schon mal verstümmelte Frauenleichen, denen "die Finger abgehackt und die Vagina herausgeschnitten wurden". Was die Fahnder zunächst als grausige Satanisten-Tat einschätzen, erweise sich gelegentlich als Verdunklungstat eines Sexualmörders, der versucht hat, seine DNS-Spuren zu tilgen.



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