Die DNS-Jäger "Nur ein Lecken am Holzstab"

In Berlin bahnt sich ein Quantensprung in der Kriminalpolitik an. Innenminister Otto Schily plant eine Ausweitung der Gen-Tests. Sein Genosse Erwin Sellering, Justizminister in Schwerin, plädiert sogar für die Speicherung der DNS-Werte aller Neugeborenen.

Von Jochen Bölsche


Wangenschleimhautabstrich: "Zum Schutz der Allgemeinheit"
DPA

Wangenschleimhautabstrich: "Zum Schutz der Allgemeinheit"

Ein roter Pullover und ein altes Mieder, ein künstliches Gebiss und ein verstaubter grauer Flokati - der triste Nachlass einer 1985 geschändeten und erwürgten 76-jährigen Witwe aus Bremen gammelte anderthalb Jahrzehnte lang in einem Keller der Hamburger Rechtsmedizin vor sich hin.

Als die Asservatensammlung vor zwei Jahren aufgelöst werden sollte, fragten die Hamburger bei der Bremer Kripo an, ob die Beamten an dem Material noch interessiert seien. Und ob sie's waren. Der fast in Vergessenheit geratene Krempel führte die Ermittler auf die Spur des Witwenmörders.

Der Täter wurde sozusagen in flokati ertappt: Auf dem griechischen Hirtenteppich aus der Hinterlassenschaft des Mordopfers fand sich eingetrocknetes Sperma.

Der daraufhin gefertigte genetische Fingerabdruck wies auf einen Insassen der Justizvollzugsanstalt im niedersächsischen Celle. Wegen zweier früherer Morde waren dessen Gen-Daten beim Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden gespeichert worden.

"Der Arm des Gesetzes ist lang"

Sachverständige erklärten, dass angesichts des DNS-Codes, der im Tatort-Sperma analysiert worden war, eine Wahrscheinlichkeit von 25 Milliarden zu 1 für die Täterschaft des Verdächtigen spreche. Aufgrund des Indizienbeweises wurde der 47-Jährige - der frühere Ehemann der Enkelin des Mordopfers - im August dieses Jahres "zum Schutz der Allgemeinheit" zu unbegrenzter Sicherheitsverwahrung verurteilt.

Der Dreifachmörder, der seine dritte Untat bis zuletzt bestritten hatte, klagte nach dem Urteilsspruch, nun werde er "lebendig begraben". Der Staatsanwalt frohlockte: "Der Arm des Gesetzes ist lang." Die Medien bejubelten den neuesten Erfolg von "Kommissar DNS".

Kaum eine Woche vergeht in Deutschland, in der nicht mit Hilfe der Desoxyribonukleinsäure (DNS) Straftäter ermittelt und überführt werden. So viele positive Erfahrungen sind seit der Einrichtung einer zentralen DNS-Analyse-Datei im Jahre 1998 gesammelt worden, dass manch ein Polizist am liebsten nur noch mit dieser Wunderwaffe arbeiten würde. Mit dem Wunsch nach nahezu unbegrenzter Anwendung findet die Polizei-Lobby zunehmend offene Ohren bei Politikern aller Couleur.

Ein Datenschützer bekommt "Herzflimmern"

Seit Monaten versuchen die Sicherheitsexperten der Parteien, mit der Forderung nach immer umfangreicheren Gen-Analysen einander auszustechen. Der DNS-Rummel veranlasste bereits den Rechtsexperten der CDU/CSU-Fraktion, Norbert Röttgen, vor einem "parteipolitischen Überbietungswettbewerb" zu warnen.

Im Wettlauf um die Gunst von Polizei und Publikum liegt ein Sozialdemokrat ganz weit vorn. Erwin Sellering, Justizminister in Mecklenburg-Vorpommern, scheint nicht zu stoppen und zu toppen: Der SPD-Mann träumt von einer Speicherung des DNS-Codes "eines jeden Neugeborenen".

"Herzflimmern" hingegen befällt Bürgerrechtler wie den Stuttgarter Datenschutzbeauftragten Peter Zimmermann, wenn sie nur daran denken, welche Missbrauchsmöglichkeiten die massenhafte Vorratsspeicherung des unverwechselbaren Gen-Codes von Millionen Menschen birgt.

Auf der Jagd nach Blut, Schweiß und Tränen

Denn in Blut, Schweiß und Tränen, in Urin, Hautschuppen und Bartstoppeln finden sich Informationen, die nicht nur der Identifizierung dienen, sondern zum Beispiel auch über Abstammung und Erbkrankheiten Aufschluss geben können.

Eine komplette DNS-Datei sämtlicher Bürger, mit der bei Bedarf all die Mikrospuren abgeglichen werden könnten, die ein Mensch mit jedem ausgefallenen Haar, mit jeder abgeschilferten Schuppe hinterlässt - bei Datenschützern ruft diese Vision den Albtraum vom allumfassenden Überwachungsstaat hervor, der seine Bürger im Wortsinne mit Haut und Haaren vereinnahmt.

"Richter Gnadenlos" und die blinden Passagiere

Sicherheitspolitiker wie der Mecklenburger SPD-Mann Sellering träumen indessen einen ganz anderen Traum - den von einer Welt ohne ungesühnte Verbrechen.

Ihre Vision: Wenn erst einmal allen Bürgern per Holz- oder Wattestäbchen ein "Wangenschleimhautabstrich" entnommen ist, dann führt jede Mikrospur an einem Tatort schnurstracks zum Täter - sei es ein Hautfetzen unter dem Fingernagel einer Vergewaltigten, sei es der Handschweiß am Lenkrad eines gestohlenen Autos, sei es der Speichelrest unter der Briefmarke eines Erpresserschreibens.

Doppelhelix des menschlichen DNS-Codes: Einsatz im Kampf gegen Kinder, die ihre Mitschüler abzocken
DPA

Doppelhelix des menschlichen DNS-Codes: Einsatz im Kampf gegen Kinder, die ihre Mitschüler abzocken

Forciert worden ist die Forderung, "möglichst viele Leute in der DNS-Datei" zu speichern, im Sommer dieses Jahres zuerst von dem - mittlerweile entlassenen - Hamburger Innensenator Ronald Schill. Mit seinem Vorstoß, auch Ladendieben und Schwarzfahrern künftig Speichelproben zu entnehmen, weckte der stramm rechte Jurist ("Richter Gnadenlos") und Parteigründer den Widerspruch seines Koalitionspartners FDP, aber auch der Gewerkschaft der Polizei. Das "Hamburger Abendblatt" zeigte sich befremdet: "Speichern Fahrkartenkontrolleure bald das Erbgut von Schwarzfahrern?"

"Wie einen normalen Fingerabdruck behandeln"

Schills Nachfolger (und Parteifreund) Dirk Nockemann verzichtete zunächst auf die Forderung nach einer DNS-Erfassung von blinden Bus- und Bahn-Passagieren, sprach sich aber dafür aus, den nur im Ausnahmefall zulässigen Gentest künftig zum "gängigen Mittel" der Polizeiarbeit zu machen - zum Beispiel im Kampf gegen 14-Jährige, die ihre Mitschüler abzocken.

Nockemann scheint mit seinem Kurs nicht mehr auf allzu viel Widerstand zu stoßen. Denn in den letzten Wochen und Monaten hat sich in Sachen DNS-Fahndung ein Quantensprung angebahnt - bis hinauf in die Reihen der rot-grünen Bundesregierung und in die Spitze der SPD-Fraktion.

Forscher mit Auszug aus der Genomdatenbank: "Wie einen normalen Fingerabdruck zu behandeln"
DPA

Forscher mit Auszug aus der Genomdatenbank: "Wie einen normalen Fingerabdruck zu behandeln"

Nachdem eine Bund/Länder-Arbeitsgruppe der Justizministerkonferenz (Insider-Kürzel: "Jumiko") im September mit einer "ganz breiten Mehrheit" dafür plädiert hatte, "den Anwendungsbereich der DNS-Analyse auszudehnen", schloss sich Innenminister Otto Schily (SPD) der Forderung an. Und auch SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz hält es für richtig, das DNS-Profil künftig "wie einen normalen Fingerabdruck zu behandeln", der zu jeder erkennungsdienstlichen Behandlung ebenso gehört wie das Polizeifoto oder das Messen der Körpergröße.

Drei Hürden auf dem Weg zur Baby-Datei

Um die DNS-Datei im Bundeskriminalamt (derzeit an die 250.000 Genprofile) langfristig auf das Volumen der Fingerabdruckdatei (mehr als 2,5 Millionen) zu bringen, müssten allerdings, wie der Schweriner Sellering weiß, drei "sehr hohe Hürden" eingerissen werden, mit denen Gesetzgeber und Verfassungsrichter einen Missbrauch dieses Mittels verhindern wollten.

Erste Hürde: der "Richtervorbehalt". Die Vorschrift der Strafprozessordnung, dass eine DNS-Analyse jeweils richterlich angeordnet werden muss, halten Sellering und seine Mitstreiter für "sehr umständlich" - die Schutzbestimmung, kritisiert auch der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), verursache einen "Papiermarathon ohnegleichen".

Zweite Hürde: der "Tatschwerevorbehalt". Die gesetzlich vorgeschriebene Beschränkung von DNS-Analysen auf Kriminelle wie Mörder, Sexualverbrecher und Serientäter wollen die Neuerer entweder ersatzlos aufheben oder radikal reduzieren.

Dritte Hürde: die "Negativprognose". Die Vorschrift, dass die Gen-Daten eines Menschen zur Zeit nur erfasst werden dürfen, wenn die Strafverfolger den Richter davon überzeugen können, dass Wiederholungsgefahr besteht, stört Politiker wie Sellering, weil sie "schwer zu handhaben" sei.

Um die drei Hürden zu beseitigen, die den Weg zu einer massenhaften Speichelentnahme - bis hin zum obligatorischen Neugeborenen-Test - blockieren, werden die Kritiker nicht müde zu beteuern, wie harmlos die DNS-Analyse sei.

"Praktisch keine Mißbrauchsmöglichkeit"

Verlangt werde vom Bürger doch "nur ein Lecken am Holzstab", versucht Bayerns Innenminister Günther Beckstein misstrauische Gemüter zu beruhigen. Die Gefahr des Missbrauchs sei "noch geringer als bei der klassischen Blutprobe", beteuert sein Unionsfreund Christean Wagner, Justizminister in Hessen. Auch SPD-Experte Wiefelspütz, der die DNS-Fahndung für eine "geniale Methode" hält, gibt Entwarnung: "Praktisch keine Missbrauchsmöglichkeit."

Sollten sich die Skeptiker, die seit Jahren für eine strikte gesetzliche Regulierung der Gen-Fahndung kämpfen, allesamt geirrt haben?

Lesen Sie morgen im 2. Teil der SPIEGEL-ONLINE-Serie "Die DNS-Jäger": Das Blut am Messer des Verdächtigen



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.