Die Katastrophe von Lissabon "Zerstreuter Gliederstaub, vom Marmorstein zerhauen"

Zerstörung, Weltuntergang, die Strafe Gottes: Vor fast 250 Jahren verwüstete ein gewaltiges Erdbeben mit anschließendem Tsunami die portugiesische Hafenstadt Lissabon. Gemälde, Kupferstiche, Gedichte und Oratorien bezeugen den Schrecken der gewaltigen Naturkatastrophe.

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Zeitgenössisches Flugblatt vom Erdbeben in Lissabon 1755

Zeitgenössisches Flugblatt vom Erdbeben in Lissabon 1755

Hamburg - Nach den erschreckenden Aufnahmen aus dem Katastrophengebiet in Südasien scheinen die Bilder aus vergangenen Zeiten eigenartig vertraut: Häuser, die in Wassermassen versinken, rauchende Ruinen, verzweifelte Menschen in Todesangst. Dutzende von Bildern - zeitgenössische oder aus späteren Jahrhunderten - zeigen das damalige Geschehen.

Kurz vor zehn Uhr am 1. November 1755 erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die Stadt Lissabon. Nach heutigen Schätzungen hatte das Beben eine Stärke von 9,0. Es dauerte sieben Minuten. Das Epizentrum lag im Atlantik, mehrere hundert Kilometer von der portugiesischen Hauptstadt entfernt.


Darstellung der Stadt am Tag des Unglücks (aus dem Jahr 1887): Gewaltige Wellen treffen die Stadt. Häuser stürzen ein, Menschen laufen um ihr Leben, um den Wassermassen zu entkommen Lissabon in Trümmern (Holzstich aus Paris, 1882): Schiffe sinken in der Flut, im Hintergrund brennen Gebäude, Kirchtürme brechen zusammen Der 1. November 1755 auf einem Kupferstich (Prag, 1820-22): Blick von Süden auf die verwüstete Stadt. Ganze Häuserzeilen werden von der Flut oder vom Feuer verschlungen, selbst große Schiffe werden von der Wucht der Wellen umgeworfen
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auf die Bilder.

Die meisten der streng katholischen Bewohner feierten zu dieser Stunde in Kirchen und Kathedralen das Allerheiligenfest. Die Türme der Stadt bogen sich einem Augenzeugenbericht zufolge "wie ein Getreidefeld im Winde". Gebäude stürzten ein wie Kartenhäuser, Feuer brachen aus. Sie brannten fünf Tage lang. Es gab zwei Nachbeben, noch stärker als das erste. Die Kraft der Erdstöße war so stark, dass in Luxemburg eine Kaserne einstürzte und 500 Soldaten unter sich begrub - 1700 Kilometer von Lissabon entfernt.

Als die Erde sich wieder beruhigt hatte, zog sich das Wasser weit zurück. Viele Einwohner waren aus der Stadt ans Ufer des Flusses Tejo geflohen. Auf dem damals neu gebauten Kai aus Marmor fühlten sie sich sicher - ein fataler Irrtum. Einige hatten sich auch auf Boote gerettet, die dort vor Anker lagen. Diese Menschen wurden als Erste von den bis zu 15 Meter hohen Flutwellen erfasst, die 45 Minuten nach dem Beben über die Stadt hereinbrachen. Vom Meer aus kommend bahnte sich die Welle, der zwei weitere folgten, ihren Weg in den Mündungsbereich des Flusses. Kurz darauf war die Unterstadt völlig geflutet.

Die Flutwellen trafen nicht nur Lissabon. Sie wüteten an der portugiesischen und der spanischen Küste, eine zehn Meter hohe Welle überflutete den spanischen Hafen Cadiz. Vier Stunden nach dem Erdbeben erreichten die Tsunamis die Küsten Frankreichs, Englands,Irlands und Hollands. Im Hafen von Kinsale an der Südküste Irlands wurden zwei vertäute Schiffe von der Wucht der Wellen losgerissen. Auswirkungen des Tsunamis wurden auch in Marokko, Algerien, auf den Azoren, auf Madeira und den Kleinen Antillen auf der anderen Seite des Atlantiks registriert.

Wie viele Menschen damals im Wasser, im Feuer oder unter Trümmern starben, ist nicht geklärt. Zeitgenössische Quellen sprechen von bis zu 60.000 Todesopfer allein in Lissabon. Der französische Philosoph Voltaire soll angesichts des Schreckens seinen Glauben verloren haben. Merklich erschüttert verfasste er in Genf sein religionskritisches Gedicht über die Katastrophe (Poème sur le désastre de Lisbonne). Darin schrieb er:

"Du ewiges Geschehen nutzloser Katastrophen! Ihr ruft: 'Alles ist gut!' Getäuschte Philosophen, kommt her und schaut euch an: entsetzliche Ruinen, die Scherben und der Schutt, von Asche die Lawinen, und Schicht auf Schicht gehäuft die Kinder und die Frauen, zerstreuter Gliederstaub, vom Marmorstein zerhauen."

Nach der Katastrophe entzündete sich eine heftige Diskussion um das Warum. Wie konnte Gott das zulassen, fragten sich die verzweifelten Opfer. Die katholische Kirche interpretierte das Geschehen als Strafe Gottes für die Lasterhaftigkeit der Menschen. Britische Protestanten hingegen waren der Meinung, Gott missbillige katholische Verbrechen. Deutsche Protestanten sahen gar den Untergang des Katholizismus gekommen.

Den Komponisten Georg Philipp Telemann inspirierte das Beben zu einem Oratorium. Der Titel: "Tag des Gerichts".



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