Diffamierungs-Vorwürfe Kardinal Meisner bedauert "Missverständnisse"

Erst verteidigte Kardinal Meisner seine Wortwahl, jetzt spricht er von "Missverständnissen". Der 73-Jährige bedauert, in seiner Predigt von "entarteter Kultur" gesprochen zu haben. Die Reue kommt spät.


Köln - In einem Beitrag für die morgen erscheinende "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt Meisner, das von ihm gebrauchte Wort "entartet" habe "in der verkürzten Form des aus dem Zusammenhang gelösten Zitats Anlass zu Missverständnissen gegeben". Dies bedauere er. Für die Substanz seiner Aussage sei der Begriff "entartet" nicht notwendig gewesen.

Kardinal Joachim Meisner: "Pervertierung des Menschen"
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Kardinal Joachim Meisner: "Pervertierung des Menschen"

In seinem Beitrag schreibt der 73-Jährige, es sei eine "Pervertierung" des Menschen, wenn er seine "Identifikation auf Gott hin vergisst und dadurch zum Ohne-Gott oder gar zum Antigott wird, wie wir es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa in grausamster Weise erleben mussten".

In diesem Zusammenhang habe er den von den Nationalsozialisten missbrauchten Begriff der "Entartung" gebraucht. Er habe damit "gegen diese und alle Formen totalitärer Kulturen" gesprochen, "um sie mit ihrem eigenen Vokabular zu kennzeichnen und zu entlarven: Kultus und Kultur - im Sinne von Gottesverehrung und Gesellschaft - nehmen Schaden, wenn Gott nicht mehr in der Mitte steht".

Der Kölner Kardinal hatte am Freitag in einer Predigt gesagt: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kult im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte."

Dies hatte heftige Kritik ausgelöst. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hatte gewarnt, dass sich rechtsgerichtete junge Leute Meisners Gebrauch des Wortes "entartet" zum Vorbild nehmen könnten. "Das ist ein Begriff, den die Nationalsozialisten in Bezug auf jüdische Kunst und Kultur gebraucht haben", sagte Knobloch.

Äußerungen eines "schlichten alten Mannes"

Auch der Medienbischof der Deutschen Bischofskonferenz, Gebhard Fürst, und Ruhrbischof Felix Genn von Meisners Wortwahl abgerückt. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken dagegen hatte Meisner in Schutz genommen . Sein verbaler Ausrutscher wurde als die Äußerung eines "schlichten alten Mannes" abgetan.

Meisner hatte aber nicht nur eine Debatte darüber ausgelöst, ob ein hoher kirchlicher Würdenträger Begriffe aus dem Propagandaarsenal der Nazis verwenden darf. In Kommentaren war auch die Frage aufgeworfen worden, ob eine Kultur und eine Gesellschaft ohne Gottesbezug tatsächlich ihr Wesen verlieren.

Der Rottenburger Bischof Fürst hatte gesagt, zwischen Religion und Kunst gebe es eine innere Nähe. In beidem bringe der Mensch seine Beziehung zur Transzendenz zum Ausdruck. Dieser Transzendenzbezug sei aber auch bei Künstlern und ihren Kunstwerken gegeben, die nicht ausdrücklich religiös oder gar christlich seien und sein wollten.

Die Bezeichnung "entartet" ist untrennbar mit der Propaganda und Hetze der Nationalsozialisten verbunden. Sie hatten rund 16.000 moderne Kunstwerke - vor allem expressionistische und abstrakte Kunst - beschlagnahmt und zum Teil zerstört. Viele Künstler wurden von den Nazis verfolgt und mit Berufs- und Ausstellungsverbot belegt.

jjc/AFP/dpa/AP/ddp



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