Disco in Kiel "Hier kommt nur rein, wer einen Behindertenausweis hat"

Gerald Mangels alias DJ Gary organisiert seit mehr als dreißig Jahren eine Disco für Menschen, die anders ticken - Borderliner, Menschen mit geistiger Behinderung, Leute im Rollstuhl. Hausverbote gibt es trotzdem.

Von Mathias Hamann, Kiel

Mathias Hamann

Türsteher Spomenko Reischert wacht über die Gäste in Garys Tanztempel, einer Disco in Kiel. Sonst steht hier der "Foxfriday" oder die "Wendlernacht" mit Schlager von Michael Wendler auf dem Programm. An diesem Montag gibt es eine Disco nur für Behinderte. "Hier kommt nur rein, wer einen Behindertenausweis hat", sagt er.

Nur Betreuer dürften noch mitkommen, sagt Reischert. "Damit die Gäste nicht belästigt werden, das ist ihr Abend." Es ist halb sieben, die Sonne taucht Kiel langsam in Farben für Postkartenfotos. Vor Garys Tanztempel stoppen Busse aus den Behinderteneinrichtungen der Umgebung. Betreuer und ihre Schützlinge steigen aus: Menschen mit geistiger Behinderung, Borderliner, Leute im Rollstuhl. Einige kommen seit 1979 - wegen der Stimmung, der Musik und Gary.

"Der Deal war immer: Die Betreuer kümmern sich um das körperliche Wohl, ich sorge für das musikalische", sagt Gerd Mangels. Gleich wird er zu DJ Gary, aber jetzt bückt er sich hinter der Theke, seine grauen Locken fallen nach vorn. Der 65-Jährige wuchtet einen Metallkoffer auf den Tresen; Musik aus einem halben Jahrhundert und die aktuellen Charts. Gerd Mangels spielte früher Rock'n'roll, Ende der Sechziger tingelte er durch Schleswig-Holstein mit seiner Band. Doch als DJ verdiente er mehr.

Mit der Behindertendisco hat er 1979 angefangen. Wenn Gerd Mangels einen neuen Laden aufmachte, wanderte sie mit: Vom "Joy" in "Garys Tanztreff", kurz ins "Life" und jetzt in "Garys Tanztempel". Er montiert einen grünen Laser über seinen Kopf und erzählt weiter: "Normale Leute brauchen eine Weile, um in Stimmung zu kommen, hier wird das anders sein, Sie werden es selbst erleben." Seine Helfer zapfen ein paar Bier. Der Eintritt ist frei, jedes Getränk kostet 1,50 Euro, harten Alkohol gibt es nicht.

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Behindertendisco: Polonaise-Blankenese in Kiel
Der Laser schickt grüne Punkte auf die Wanderschaft und dann geht es los. Aus Gerd Mangels wird DJ Gary, er dreht den Sound auf. Spomenko Reischert öffnet die Tür, gutgelaunte Menschen strömen herein. Sie bekommen kleine gelbe Zettel. Lose für die Tombola.

"Die Stimmung? Die Musik ist doch immer gut"

Aus den Lautsprechern tönt DJ Garys Stimme: "Wir wollen feiern!" Auf der Tanzfläche wiegen sich nach fünf Minuten lachende Gesichter. Schon nach zehn Minuten wird der Platz eng. DJ Gary legt "Middle oft the road" auf. "Where is your papa gone" singt er, das Publikum antwortet passend zum Liedtext: "Far far away." Auch beim Refrain setzen wieder viele Gäste ein: "Chirpy chirpy cheep cheep."

Andrea Schmitt begleitet ihre Tochter Maria. Was gefällt der 19-Jährigen hier? Die junge Frau schweigt, Mama schlägt als Antwort vor: "Die Stimmung? Die Musik ist doch immer gut." Ihre Tochter fängt an zu lächeln und nickt. Was sind Marias Lieblingshits? "Die von Andrea Berg, DJ Ötzi."

Maria ist geistig behindert - Komplikationen nach der Geburt. Sie spricht kaum. Stroboskoplicht wäre eine Gefahr, es könnte epileptische Anfälle auslösen. Deswegen würde ihre Mutter sie ungern in einen anderen Club gehen lassen. Außerdem fehle dort Gary. "Der nimmt die Leute, wie sie sind."

Der DJ dreht die "Atzen" etwas lauter: "Disco Pogo" und dann singen alle laut: "dingelingeling." Auf der Tanzfläche gehen die Arme nach oben, ein Pärchen schwoft.

Im Radio hätte DJ Gary längst Redeverbot, er quatscht in seine Stücke und macht Witze: "Ich bin jetzt 65, offiziell Rentner, wenn ich euch im Bus sehe, dann müsst ihr aufstehen."

Zwei Bier, zwei Hausverbote

Bei der "Polonaise Blankenese" schiebt sich eine Menschenschlange durch den Raum. "Das ist jedes Mal ein Highlight", erzählt Jeanine Reinholdt, Betreuerin der Ostholsteiner Behindertenhilfe aus Eutin, knapp 50 Kilometer von Kiel entfernt. Am Wochenende gäbe es für die Bewohner ihrer Einrichtung meist Fernsehen oder Ausflüge. Wer selbst in einen Club gehen will, der muss Bus oder Taxi bezahlen, dazu die teuren Eintritte: "Das können sich viele nicht leisten."

Für den Abend bei DJ Gary gelten Discoregeln: "Zwei Bier sind okay." Sie werden nicht so lange bleiben, sagt Reinholdt, denn am nächsten Tag heißt es in der Behindertenwerkstatt wieder früh aufstehen: Um kurz vor sechs klingelt der Wecker.

Nach zwei Stunden wird es auf der Tanzfläche ruhiger, alle strömen zum DJ-Pult. Jeder sucht seinen gelben Zettel, den Türsteher und Garderobier Spomenko Reischert am Eingang verteilt hat. Die Verlosung steht an. Es gibt Hasen und Bären aus Stoff zu gewinnen. Viele kleine Preise, damit sich viele Gäste freuen können.

Dann die letzten Songs, es ist kurz vor halb zehn. DJ Gary ruft zum Abschied: "Tschüss, ihr Süßen!" Die Tanzfläche leert sich, endlich ist Platz für die Rollstuhlfahrer und auch Marias Mutter wiegt sich noch einmal im Takt.

Spomenko Reischert gibt die letzten Jacken aus und zieht Bilanz. "Zwei Hausverbote mussten wir erteilen, da gab's Stress wegen Beziehungen." Ansonsten war alles friedlich.



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