Modeblogger in Kambodscha "Was ist das für ein Leben?"

Eine norwegische Zeitung schickt drei junge Modeblogger nach Kambodscha, um dort die Arbeit in einer Textilfabrik kennenzulernen. Es ist eine Lektion für sie. Doch wie lange wirkt sie nach?

Szene aus der Doku "Sweatshop": Teilnehmerin Anniken und eine Näherin
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Szene aus der Doku "Sweatshop": Teilnehmerin Anniken und eine Näherin

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Seit Stunden sitzt Anniken hinter der Nähmaschine, lässt den Stoff durch ihre Hände rattern. Es sind die immer gleichen Bewegungen. Irgendwann blickt sie mit mattem Blick in die Kamera. "Die Welt ist so ungerecht. Ich bin so kaputt, ich kann nicht mehr." Dann dreht sie langsam an der Spule, greift zum nächsten Stück Stoff.

Anniken ist 18 Jahre alt. Sie ist eine von drei jungen Modebloggern, die mit einem Team der norwegischen Tageszeitung "Aftenposten" nach Kambodscha gereist sind. Es ist ein Experiment: Anniken, Frida und Ludvig sollen - begleitet von einem Kamerateam - verstehen, woher die hippe Kleidung kommt, mit der sie sich täglich auf ihren Webseiten auseinandersetzen. Und wer sie wie produziert.

Aus den Erlebnissen hat "Aftenposten" die mehrteilige Online-Doku "Sweatshop" erstellt, die in vielen Ländern gerade tausendfach geklickt wird.

Das Konzept: Anniken, Frida und Ludvig arbeiten für einen Tag als Aushilfen in einer kambodschanischen Textilfabrik. Sie reden mit den Menschen vor Ort, sie besuchen einen Lebensmittel- und Klamottenmarkt. Sie schlafen in der Hütte einer Näherin, teilen sich für eine Nacht die Matratze mit ihr. Sie müssen sich selbst versorgen. Sie essen Reis. Viel Reis.

In Kambodscha gibt es etwa 800 Textil- und Schuhfabriken, rund 400.000 Menschen arbeiten dort für internationale Modemarken wie Gap, Nike und H&M. Der Textilsektor ist die größte Exportindustrie des Landes, die Einkünfte der Unternehmen beliefen sich 2013 auf mehr als fünf Milliarden Dollar. Die Branche liefert vor allem in die USA und nach Europa. Der Mindestlohn in Kambodscha liegt bei rund 69 Euro im Monat. Für die Konzerne bedeutet das: Geringe Produktionskosten.

Zahlen zu kennen, sich über Hintergründe zu informieren ist das eine. Doch wie verhält sich Anniken, Norwegens bekannteste Modebloggerin, die auf ihrer Seite auch über Wimpernlänge und Lockenstab referiert, in einem der ärmsten Länder der Welt? Was denkt Ludvig über sein angesagtes Top in knallgelb, wenn er die Hände schüttelt, die es zusammengenäht haben?

Die Antwort: Sie werden zunehmend fassungslos. Zumindest während sie unmittelbar mit den Arbeitsbedingungen konfrontiert sind.

Zu Beginn sagt Anniken noch, sie denke über die Arbeiterinnen und Arbeiter, das sei "hier deren Job, die Leute sind daran gewöhnt". Da trägt sie einen liebevoll zusammengesteckten Dutt zum schwarzen Jumpsuit - ein hübscher Aufzug für einen Ausflug wie diesen.

In schnell geschnittenen Bildern wird jugendliche Naivität hier zu jugendlicher Einsicht - eine Kombination, die auf eine ebenso jugendliche Zielgruppe authentisch wirken mag. Sie können sich mit den Protagonisten identifizieren, im besten Fall fördert der Film auch bei ihnen ein kritisches Bewusstsein.

Denn mit jedem Nadelstich schwindet die Naivität. "Ich hätte niemals gedacht, dass es so etwas gibt", sagt Frida. Stimmt, findet Anniken: "Man hört von all dem Leid, aber in echt ist das etwas anderes."

Ludvig sagt irgendwann sichtlich verzweifelt zwischen Stoff und Nähgarn: "Ich sitze hier seit Stunden in der exakt gleichen Position und mache exakt das Gleiche." Und zwischen Sandstaub und lauwarmem Reis fragt Anniken weinend in die Kamera: "Was ist das für ein Leben?"

Am Ende sitzt ihr Dutt lockerer, das Make-Up im Gesicht hat sie verloren, dafür eine Erkenntnis gewonnen: "Wenn man mit diesen armen Menschen spricht, merkt man, dass sie genauso viel wert sind, wie jeder andere."

Ludvig habe gelernt, "dass wir reich sind, weil andere arm sind". Auf dem Rückweg zum Flughafen beschließen alle drei, sich künftig aktiv gegen die Ausbeutung asiatischer Textilarbeiter einzusetzen.

Inzwischen sind die Blogger wieder in sozialen Netzwerken aktiv. Erst kürzlich hat Anniken etwas in ihren Modeblog gepostet. Es sind Fotos - sie zeigt sich in einem schwarzen Zweiteiler und bunten Turnschuhen von Nike. Dazu ihr Kommentar: "Von dieser neuen Hose kann ich gar nicht genug bekommen! Was haltet ihr davon?"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Bright0001 22.01.2015
1.
Es ändern sich nicht die Situationen, sondern die Menschen. Bleiben die Menschen gleich, tut die Welt ihnen gleich.
Ogden wernstrom 22.01.2015
2. Also das Vorbild
...von der BBC denke ich, war ÄUßERST unterhaltsam. Das war mein Dschungelcamp! Aber RealLife und mit Bildungsauftrag und sympathischen Teilnehmern. Dort lief das gleiche Experiment jedoch über viele Tage mit Geld selber verdienen usw... Empfehlenswert! Hier dann wohl nur oberflächlicher Kontakt statt leidvollem Lernprozess...
photosashion 22.01.2015
3. nicht zu ende recherchiert.
liebe nike, finde deinen heutigen text und die verweise im spiegel online gut und wichtig, aber das ende ist viel zu leicht, gar ein wenig peinlich. leider nicht zu ende recherchiert, denn anniken hat in der öffentlichkeit weiter gekämpft. die tageseitung »aftenposten« hat sie danach in stich gelassen, H&M hat druck auf die zeitung ausgeübt und H&M´s name mußte gestrichen werden. auch scenen wurden nachträglich rausgeschnitten. wollte dies nur anmerken, denn du läßt annike ziemlich dämlich am ende aussehen..
Cadoe 22.01.2015
4.
Meiner Meinung nach ist ihre Sicht einfach widerlich und erbärmlich. Die Menschen in Kambodscha sind sicher in der Lage eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen ohne das Sie sich ausbeuten lassen müssen. Die Produktionskosten der Kleidung sinkt ins Bodenlose und werden dann in Europa verkauft. Bekommen die Näherinnen einen Anteil an dem erhöhten Gewinn den das Unternehmen einstreicht, durch den Verkauf in Europ zu höheren Preisen, wodurch dann auch eine höhere Gewinnspanne entsteht ? Nein, sicher nicht. Alle beteiligten verlieren, nur das Unternehmen nicht. Wunderbare faschistische Welt.
brazzy 22.01.2015
5. Tolles Ende...
TJa, Betroffenheit hat halt bei den meisten Menschen eine sehr kurze Halbwertszeit. Genauso wie die meisten Kinder irgendwann mal was von Massentierhaltung hören und sofort Vegetarier werden.... für ungefähr eine Woche. Und was soll man als Modeblogger schon machen außer über Mode zu bloggen?
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