Dokumentation: Der Bericht der Erfurt-Kommission

Am Donnerstag hat die Kommission der Thüringer Landesregierung ihren Bericht zum Blutbad am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vorgelegt. Hier die wichtigsten Auszüge:

Die Kommission kommt (...) zu dem Schluss, dass die in Robert Steinhäusers Schießbuch weiter ausgewiesenen Eintragungen über das Schusstraining mit einer Schrotflinte von ihm selbst oder einem Dritten gefälscht worden sind. Die Kommission hält wegen weiterer Unstimmigkeiten sowohl die Erteilung der Bedürfnisbescheinigung durch seinen Schützenverein als auch die Erteilung der Waffenbesitzkarte durch das Ordnungsamt der Stadt Erfurt für problematisch.

In der öffentlichen Diskussion hat die Frage, ob Robert Steinhäuser Anfang Oktober 2001 vom Gutenberg-Gymnasium ausgeschlossen worden ist und ob ein solcher Ausschluss möglicherweise rechtswidrig war, breiten Raum eingenommen. Das erforderliche Verfahren ist nicht eingehalten worden. Auch materiell-rechtlich hält die Kommission die Maßnahme wegen eines Verstoßes gegen den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz für nicht begründet.

Gleichwohl sieht die Kommission in den Maßnahmen des Gutenberg- Gymnasiums nicht den allein entscheidenden Auslöser oder Grund für die Tat. Schon aus der Fall-Analyse ergibt sich aber, dass monokausale Erklärungsmuster nicht greifen. Danach muss man davon ausgehen, dass viele Bedingungsfaktoren in ihrem Zusammenwirken, eingebettet in die Gedanken- und Lebenswelt des Robert Steinhäuser in ihrer interaktiven Dynamik im zeitlichen Verlauf zu dem letztlichen Resultat, zu der Massentötung und dem Suizid geführt haben.

Nach einer Überprüfung und intensiven Gesprächen mit Medizinern sowie der Befragung von direkt Beteiligten ist nach dem Dafürhalten der Kommission bei allen betroffenen Opfern der Tod - mit Ausnahme von H. Lippe - zeitnah zur Verletzungsbeibringung eingetreten.

Nach Auffassung der Kommission war - insbesondere in Anbetracht der Möglichkeit eines oder mehrerer handlungsfähiger Täter - jedes ungeschützte Agieren der Schutzpolizei im Haus nicht möglich und nicht zumutbar. Sicher wären statt der gewählten systematischen Durchsuchung des Gebäudes auch andere Varianten denkbar gewesen. Aus der Tatsache, dass diese Einsätze so konsequent und häufig trainiert werden, ergibt sich, dass nicht jedes Vordringen optimal verläuft, sondern dass auch verbesserungsfähige Einsätze denkbar sind.

Die Kommunikation zwischen den Einsatzkräften hat in diesem Fall viele Schwachstellen gehabt. Es wäre förderlich gewesen, wenn zumindest die wesentlichen Informationen den Einsatzkräften per Funk mitgeteilt worden wären. Diese Defizite sind sicherlich zum Teil auf unzureichende Kommunikationstechnik zurückzuführen.

So ist anzunehmen, dass Robert Steinhäuser im Gymnasium überfordert war und mit dieser Überforderung seitens der Schule und des Elternhauses nicht adäquat umgegangen wurde. Er lernte es zu wenig, Probleme ausreichend wahrzunehmen, sie zu benennen und anzusprechen und andere für deren Lösung um Unterstützung zu bitten. Zudem konnte Steinhäuser nicht konstruktiv mit Kritik umgehen und aus Fehlern lernen. Seit seinem 14. Lebensjahr konsumierte er in überdurchschnittlichem Ausmaß Computerspiele und Videofilme mit zum Teil gewaltverherrlichenden Inhalten: Aus dieser virtuellen Welt holte er sich seine Bestätigungen und vermittelte sich so Machtgefühle. Damit einhergehend kapselte er sich auf emotionaler Ebene zunehmend von seinem Elternhaus ab. Eine offene Problem- und Konfliktbewältigung fand in der Familie Steinhäuser offenbar nicht statt.

Offenbar wollte Robert Steinhäuser über einen exzessiven gesellschaftlichen Tabubruch Anerkennung und sogar öffentliche Bedeutung erlangen.

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