Dokumentenfund Auschwitz-Akten belasten NS-Rüstungsminister Speer

Hitlers Rüstungsminister Speer wird durch bisher unbekannte Auschwitz-Akten schwer belastet. Die Historikerin Susanne Willems fand Dokumente, in denen der Ausbau des Vernichtungslagers als "Sonderprogramm Prof. Speer" aufgeführt wird. Auschwitz-Kommandant Höß informierte enge Mitarbeiter Speers über den Massenmord.


Vom "Edel-Nazi" zum kalkulierenden Mitwisser: Albert Speer
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Vom "Edel-Nazi" zum kalkulierenden Mitwisser: Albert Speer

Hitlers Minister für Bewaffnung und Munition Albert Speer (1905-1981) hat bereits im Mai 1943 gewusst, was im Vernichtungslager Auschwitz geschah - und dennoch dessen Ausbau unterstützt. Das geht aus einem Vermerk vom 22. Mai 1943 aus den Bauakten von Auschwitz hervor, den die Berliner Historikerin Susanne Willems jetzt gefunden hat.

Demnach wurden zwei enge Mitarbeiter des Hitler-Adlatus in Auschwitz "über Entstehung und Zweck der hiesigen Gesamt-K. L. Anlage" von Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß persönlich informiert. Der SS-Obersturmbannführer gab den beiden Beamten einen Überblick über Geschichte und Aufgabe des Lagers und berichtete, dass zu den Funktionen "in letzter Zeit die Lösung der Judenfrage" hinzugekommen sei - darunter verstanden die Nationalsozialisten den Holocaust.

Kopien der Original-Dokumente finden Sie unter www.speer-und-er.de

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Die Vergasungen von Juden hatten spätestens im Frühjahr 1942 begonnen. Im Anschluss an die Besprechung erfolgte laut Vermerk "eine Besichtigung der gesamten K.L.-Anlage, wobei die Erläuterungen der Besprechung durch die Inaugenscheinnahme bestätigt bzw. bei weitem noch übertroffen wurden". Einer der Speer-Mitarbeiter versprach der SS, "bei der anderentags folgenden Vorsprache bei Reichsminister Speer" Materialwünsche des Totenkopfordens "mit den Unterlagen (Lichtbildmappe) vorzutragen" - was dann auch geschah.

Multifunktionär Speer zeichnete als "Generalbevollmächtigter für die Regelung der Bauwirtschaft" für die Baustoffzuteilung im "Dritten Reich" verantwortlich, und in dieser Funktion drängte er darauf, dass in Konzentrationslager mit Baustoffen sparsam umgegangen wurde. Nach einem Besuch im KZ Mauthausen war er Anfang 1943 mit SS-Chef Heinrich Himmler aneinander geraten, dem er eine "mehr als großzügige" Unterbringung der Häftlinge vorhielt. Himmler träumte damals von einem Wirtschaftsimperium und fürchtete, dieses könne nicht zustande kommen, weil zu viele der geschundenen Zwangsarbeiter an Entkräftung starben. Speer ermahnte ihn, "sofort zur Primitivbauweise" überzugehen.

Um sich ein Bild von der Lage in den KZ zu machen, schickte der Rüstungsminister seine Mitarbeiter Friedrich Desch und Sander - nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wahrscheinlich NSDAP-Mitglied 2638019 Armin Sander aus Riga - in mehrere Konzentrationslager, darunter auch Auschwitz. Aus Unterlagen im Bundesarchiv ist seit langem bekannt, dass beide anschließend dem Minister "eingehend Bericht" erstatteten. SS-Unterlagen zufolge hatten sie bei der Inspektion festgestellt, dass insbesondere im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau "von einer Primitivbauweise gesprochen werden muß".

Bislang konnten Historiker allerdings nicht die Frage beantworten, wie genau die SS Desch und Sander in Auschwitz informiert hatte. Beide hatten sich nur wenige Stunden in dem riesigen Gesamtlager aufgehalten, zu dem auch Teile gehörten, in denen Menschen nicht vergast wurden. Nach dem vorliegenden Dokument besteht jedoch kein Zweifel, dass Desch und Sander spätestens seit ihrem Besuch vom Holocaust wussten.

Den Recherchen von Historikerin Willems zufolge wurden am Tage der Inspektion mehr als 900 polnische Juden aus dem Ghetto Sosnowiec in den Gaskammern ermordet. Nach seiner Entlassung aus alliierter Haft 1966 hatte Speer, der zeitweise zu den potentiellen Nachfolgern des Diktators zählte, stets behauptet, vom Holocaust keine Kenntnis gehabt zu haben. Er war damit zum Kronzeugen jener Deutschen aufgestiegen, die jegliches Wissen vom Mord an den europäischen Juden leugneten.

Bereits in den siebziger Jahren stellte sich allerdings heraus, dass Speer im Oktober 1943 auf einer Tagung in Posen einer Rede von SS-Chef Heinrich Himmler beigewohnt hatte, in der dieser offen über die Ermordung der europäischen Juden sprach. Der einstige Architekt Hitlers versuchte sich damit herauszureden, die Tagung vorzeitig verlassen zu haben, was heute auch ihm wohlmeinende Historiker nicht glauben.

Willems Dokumentenfund ist ein weiterer Beleg dafür, dass Speer die Öffentlichkeit jahrelang in die Irre zu führen suchte. Noch im Mai 1943 hatte er der SS im Anschluss an den Vortrag von Desch und Sander einige tausend Tonnen Eisen für den Ausbau von Auschwitz-Birkenau genehmigt. Der von Speer zuvor kritisierter Himmler dankte "sehr herzlich" und fügte hinzu, er fühle sich "in der Überzeugung bestärkt, dass es doch noch Gerechtigkeit gibt".



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