Enthüllungsbuch: Strauss-Kahn sieht sich als Verschwörungsopfer

Was geschah in Zimmer 2806 des New Yorker Sofitel? Die Sexaffäre von Dominique Strauss-Kahn brach dem Star der französischen Sozialisten politisch das Genick. Jetzt erzählt er erstmals seine Fassung der Affäre in einem neuen Buch - und stellt sich als Opfer einer politischen Intrige dar.

Machtspiele: Der Fall Strauss-Kahn Fotos
REUTERS

New York - Was geschah zwischen Dominique Strauss-Kahn und dem Zimmermädchen Nafissatou Diallo am 14. Mai 2011 in Raum 2806 des New Yorker Sofitel-Hotels? Es ist zweifelhaft, ob dieses Rätsel jemals endgültig gelöst werden kann. Ein neues Buch versucht sich nun an einer Antwort. Es widmet sich zudem der Frage, welche persönlichen und politischen Folgen der Fall Strauss-Kahn hatte - und welche Interessen womöglich dahinterstanden.

Das Buch heißt "Drei Tage im Mai - Sex, Überwachung und DSK". Geschrieben hat es der amerikanische Enthüllungsjournalist Edward Epstein, es erscheint am 29. April. Auf dem Cover ist ein Foto von Strauss-Kahn zu sehen. Er ist auf dem Bild unrasiert, sieht abgekämpft aus, blickt skeptisch über seine Schulter. Das Titelfoto zeigt ihn so, wie ihn das Buch beschreibt und wie sich der ehemalige Star der französischen Sozialisten noch immer sieht: Strauss-Kahn, der Getriebene, ein Opfer und eine hilflose Figur in einem perfiden Machtspiel.

Strauss-Kahn sprach für das Buch zum ersten Mal ausführlich mit einem amerikanischen Journalisten über das Thema. Epstein wiederum gab nun im "Guardian" exklusiv Einblicke in sein Werk.

In dem Buch des Investigativ-Autors gibt Strauss-Kahn seinen politischen Gegnern in Frankreich die Schuld für die Eskalation der Affäre. Der politische Flurschaden habe ihn die Kandidatur für das französische Präsidentenamt gekostet, sagte Strauss-Kahn dem "Guardian". Zwar sei die Affäre mit Diallo nicht arrangiert gewesen. Die Eskalation und die anschließend in breiter Öffentlichkeit ausgetragene Strafverfolgung seien jedoch "von Leuten mit einer politischen Agenda geformt" worden, es sei "mehr als Zufall im Spiel gewesen".

Strauss-Kahn fühlte sich unbesiegbar

Strauss-Kahn behauptet, er sei bereits Wochen vor seiner Verhaftung vom französischen Geheimdienst wegen des Verdachts auf sexuelle Belästigung von Diallo beschattet worden. Geheimdienstmitarbeiter mit Verbindungen zu Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hätten Telefonate abgehört, das Zimmermädchen zur Anzeige bei der New Yorker Polizei gedrängt und damit einen internationalen Skandal ausgelöst.

Die Thesen des Buches stützen sich auf eigene Untersuchungen Strauss-Kahns in den vergangenen Monaten. Laut "Guardian" wurde er von einer Privatdetektei unterstützt, die Überwachungsvideos des Hotels, Daten von Schlüsselkarten und Handys auswertete. "Die Intensität seiner Recherchen zeigt das Ausmaß seiner Überzeugung, er sei das Opfer schmutziger Tricks geworden - obwohl seine Kritiker diese als Paranoia abtun würden", schreibt der "Guardian".

Sexueller Angriff oder einvernehmliche Affäre - Strauss-Kahn stellt die ungeklärten Geschehnisse vom 14. Mai als Ausrutscher dar, von dem er nicht angenommen habe, dass ihm dieser schaden könne. "Vielleicht war ich politisch naiv, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so weit gehen werden", sagt Strauss-Kahn dem Buchautor Epstein. Und weiter: "Ich hätte nicht gedacht, dass sie etwas finden werden, was mich stoppen kann."

Der Fall Strauss-Kahn ist so einzigartig, weil sich darin Sex, Macht und Politik trafen. Strafrechtlich ist der Fall zwar abgeschlossen. Am 24. August des vergangenen Jahres wurde in New York das Kriminalverfahren gegen den früheren IWF-Chef eingestellt, der sein Amt wegen des Vorwurfs der versuchten Vergewaltigung aufgegeben hatte. Den Gerichtsakten zufolge deuteten zwar alle Beweise darauf hin, dass es einen "raschen Geschlechtsverkehr" gegeben habe, aber nicht zwingend darauf, dass es eine Vergewaltigung gewesen sei.

Strauss-Kahn hatte stets seine Unschuld beteuert, aber Selbstkritik geübt. "Was passiert ist, war unpassend, ein Fehler, ein moralischer Fehltritt gegenüber meiner Frau, meinen Freunden und gegenüber den Franzosen", sagte er in einem TV-Interview. Er blieb aber immer dabei, der sexuelle Kontakt zu Diallo sei "dümmlich, aber einvernehmlich" gewesen.

Doch anderweitig wirkt der Fall noch nach. Es gibt noch eine Zivilklage des Zimmermädchens. Am 1. Mai entscheidet ein Gericht in New York, ob es ein Zivilverfahren eröffnet. Strauss-Kahn bleibt wegen des Falls eine äußerst umstrittene Figur. Bei einem Auftritt an der Universität Cambridge gab es gegen ihn lautstarke Proteste.

Autor Epstein von Überwachung Strauss-Kahns überzeugt

Zudem ist der französische Präsidentschaftswahlkampf betroffen. Strauss-Kahn galt lange als gefährlichster Herausforderer von Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Doch nach dem Verfahren in New York war DSK den Wählern nicht mehr vermittelbar und damit politisch erledigt. Nun ist François Hollande Spitzenkandidat der Sozialisten.

Die politischen Implikationen des Falles fand Epstein so bemerkenswert, dass er ihm bereits im vergangenen November einen minutiös recherchierten Artikel in der Zeitschrift "New York Review of Books" widmete. Darin erörterte er die Frage, ob Strauss-Kahn Opfer einer Abhöraktion von Sarkozys Partei UMP war oder gar in eine Falle gelockt wurde, um ihn als potentiellen Gegenkandidaten auszuschalten. Die UMP dementierte heftig.

In seinem neuen Buch legt Epstein nun nach. Demnach zeigt er laut seinem Verlag Melville House, dass Strauss-Kahn vor und nach dem Vorfall im Hotel genau überwacht wurde - Epstein glaubt, Strauss-Kahns Smartphone sei manipuliert worden. Das Gerät ist allerdings verschwunden, bevor es Strauss-Kahn auf mögliche Zugriffe untersuchen lassen konnte.

Epstein schreibt dem Verlag zufolge, dass eine Verschwörung - so es sie denn gegeben habe - nachträglich von den politischen Konkurrenten Strauss-Kahns vorangetrieben worden sei, nachdem sie durch Überwachung von dem Vorfall im Sofitel erfahren hatten. Sie hätten die Sache zum politischen Skandal aufgebauscht, der die politische Geschichte Frankreichs verändert habe.

ulz/cht

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Vorläufiges amtliches Endergebnis: Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs in Prozent

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27,2
François Hollande PS (Sozialisten)
28,6
Marine Le Pen FN (Nationalisten)
17,9
François Bayrou MoDem (Liberale)
9,1
Jean-Luc Mélenchon FG (Linksfront)
11,1
Eva Joly EELV (Grüne)
2,3

Quelle: Französisches Innenministerium


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