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Vogeldoping in Belgien: Im Land der Schnieftauben

Von Rainer Leurs

Gedopte Tauben: Nur mal kurz den Schnabel pudern Fotos
AP

Im Taubensport sorgt ein Dopingskandal für aufgeregtes Gurren und Flügelschlagen. Prüfer wiesen im Kot belgischer Brieftauben unter anderem Kokain nach. Hintergrund ist wohl das lukrative Geschäft mit den Vögeln: Echte Taubenchamps erzielen bei Auktionen mehrere hunderttausend Euro.

Gent/Hamburg - Es ist leicht, über Taubenzüchter die Stirn krauszuziehen. Hartnäckig hält sich vor allem in Deutschland das piefige Hinterhof-Image dieser Freizeitbeschäftigung - dabei werden mit Renntauben weltweit mehrere Millionen Euro pro Jahr umgesetzt. Populär ist der Taubensport vor allem in Belgien, aber auch in Großbritannien und in China. Jetzt allerdings wird die Szene durch einen echten Dopingskandal erschüttert.

In Kotproben aus sechs belgischen Taubenschlägen fand ein Labor Spuren leistungssteigernder Substanzen, darunter Kokain. Offenbar hatten Züchter versucht, den Tieren mit allen Mitteln Vorteile bei Rennen zu verschaffen. Nach einem Bericht der Zeitung "Het Belang van Limburg" hatte das Labor Proben aus insgesamt 20 Ställen untersucht. Die Verbandsvorsitzenden seien "vom Stuhl gefallen", als die Ergebnisse der Untersuchung eintrafen, berichtet das Blatt.

Spannend ist der Fall vor allem deshalb, weil erfolgreiche Renntauben bei Auktionen zuweilen den Gegenwert eines Einfamilienhauses erzielen. Erst im Mai wechselte die belgische Brieftaube Bolt - benannt nach dem jamaikanischen Leichtathleten - für 310.000 Euro den Besitzer; Käufer war damals ein chinesischer Geschäftsmann, der das Tier für die Zucht nutzen wollte. "Ein Gemälde von Picasso ist eben wertvoller als eines von einem unbekannten Künstler", sagte damals ein Experte für Tauben-Auktionen der Nachrichtenagentur Reuters; bei Bolt sei es genauso.

200.000 Dollar Preisgeld

An den Start gehen die hochgezüchteten Flitzer bei Rennen in aller Welt. Im südafrikanischen Sun City etwa findet das wohl prestigeträchtigste statt, der Sieger bekommt dort ein Preisgeld von 200.000 Dollar. Bei den Rennen werden die Vögel zum Teil mehrere hundert Kilometer von ihrem Taubenschlag entfernt ausgesetzt ("aufgelassen"). Die Taube, die am schnellsten nach Hause zurückfindet, gewinnt.

Gefragt ist bei solchen Langstreckenflügen neben Orientierungsvermögen vor allem Ausdauer - da ist es naheliegend, dass manche Züchter zu verbotenen Hilfsmitteln greifen. "Doping gibt es auch im Taubensport", bestätigt René Becker, ein auf Brieftauben spezialisierter Tierarzt aus Nordkirchen bei Münster. "Vor ein paar Jahren war zum Beispiel Kortison in Mode, weil es die Mauser verhindert." Während Doping in Deutschland bislang keine große Relevanz besitze, sei das in Belgien ganz anders. "Dort ist der Sport viel kommerzieller", sagt Becker. "Da werden regelmäßig Dopingsünder ertappt."

Tatsächlich gibt es im Mutterland des Taubensports bereits seit 1995 Dopingtests für Tauben. Die neuen Fälle wurden jedoch erst bei Nachuntersuchungen durch ein Labor in Südafrika aufgedeckt. Die Experten dort wiesen laut "Het Belang van Limburg" sechs verschiedene Substanzen nach; darunter Schmerzmittel, Entzündungshemmer - und eben Kokain. "Und nicht nur bei einem Züchter, sondern bei mehreren", klagte Verbandschef Stefaan Van Bockstaele im Interview mit dem Online-Magazin p-bay.be.

Becker zufolge werden auch in Deutschland regelmäßig Kontrollen durchgeführt; Schmerzmittel und Entzündungshemmer gehören hierzulande zu den verbotenen Substanzen. Kokain wiederum wirke bei Tauben schmerzlindernd und blutverdünnend, vermutet der Tierarzt. "Außerdem steigert es wohl die Leistungsbereitschaft."

Bereits seit längerem kritisieren Tierschutzverbände den Taubensport als Quälerei; im Fokus stehen dabei die hohen Belastungen, denen die Tiere bei den Rennen ausgesetzt sind. Zunehmend wird aber auch der Einsatz verbotener Substanzen zum Thema. "Im Gesetz steht ganz klar, dass Tieren keine Leistungen abverlangt werden dürfen, die über ihre physiologischen Grenzen hinausgehen", sagt auch Becker. Doping sei also Tierquälerei.

Konsequenzen müssen die schwarzen Schafe unter den Taubenfreunden übrigens nicht fürchten. Sämtliche Kotproben seien anonym entnommen worden, bestätigte Verbandschef Van Bockstaele. Ein glücklicher Umstand ist das vor allem für jene Züchter, die ihren Tauben Koks ins Futter mischten: Jenseits aller Dopingregelungen ist der Besitz von Kokain auch in Belgien strafbar.

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Dopingsubstanzen und ihre Wirkung
Epo/HGH
Die Ausdauerleistung ist wesentlich davon abhängig, wie gut der Körper Sauerstoff aufnehmen kann. Das Hormon Erythropoetin (Epo) stimuliert die Produktion roter Blutkörperchen. Die erhöhte Anzahl der im Organismus zirkulierenden Erythrozyten verbessert die Kapazität des Blutes, Sauerstoff aufzunehmen und steigert damit Ausdauerleistungsfähigkeit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet den Gebrauch von Epo seit langem. Seit 1983 ist es möglich, Epo synthetisch herzustellen. Entwickelt wurde es für Patienten mit schweren Nierenleiden, die an Blutarmut leiden.

Das Wachstumshormon HGH wird bei Kleinwüchsigkeit eingesetzt. HGH lässt nicht nur die Muskeln, sondern auch die Knochen wachsen, das führt zu langen Gliedmaßen, einem verformten Kopf und Riesenhänden. Zudem verändert sich die Struktur der Organe. (mit dpa)
Anabolika
Anabolika sind künstlich hergestellte Verwandte des männlichen Sexualhormons Testosteron. Diese Steroid- oder Wachstumshormone haben sowohl eine den Muskelaufbau fördernde (anabole) als auch eine vermännlichende (androgene) Wirkung. Anabolika können als Tabletten als auch injiziert werden. In Deutschland sind sie rezeptflichtig, werden aber nur selten zur Therapie beispielsweise von Schwächezuständen eingesetzt.

Illegal werden Anabolika parallel zu entsprechendem Training eingenommen, um den Aufbau von Muskelmasse zu fördern – also als Dopingmittel missbraucht. Bekannte Anabolika-Präparate sind unter anderen Nandrolon, Metandienon und Stanozolol.
Stimulanzien
Als Stimulanzien (lat. stimulare = "anregen") werden Substanzen bezeichnet, die anregend auf den Organismus wirken. Sie stimulieren die Aktivität des Zentralnervensystems. Als Aufputschmittel werden sie kurz vor oder während des Wettkampfs eingenommen. Sie steigern die motorische Aktivität, erhöhen die Risikobereitschaft und vertreiben die Müdigkeit, aber auch das Gespür für die natürliche Leistungsgrenze. Bekannteste Stimulanzien sind Amphetamine, Kokain, Ephedrin und Koffein (nur in hohen Mengen verboten).

Viele Stimulanzien können bei regelmäßigem Konsum abhängig machen. Bei Überdosierung drohen je nach Substanz Bluthochdruck, Herzrasen, Schweißausbrüche und Übelkeit. Nach mehreren Todesfällen im Sport, die auf die Einnahme von Stimulanzien zurückzuführen waren, wurden sie 1967 auf die Dopingliste gesetzt.
Narkotika
Betäubungs- und Schmerzmittel wie Morphine werden eingesetzt, um bei Höchstleistungen auftretende Schmerzen zu unterdrücken - beispielsweise bei einem Marathon. Die Medikamente machen abhängig, weitere Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Kreislauflähmungen. Von Radsportlern werde berichtet, dass diese auf den letzten Kilometern gerne Alkohol trinken, sagt Patrick Diel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln. "Das dämpft den Schmerz, liefert Energie und hebt die Stimmung."

Ebenso wie Amphetamine seien auch die meisten Narkotika leicht nachweisbar und würden deshalb eher selten im Spitzensport verwendet. Zudem handle es sich auch hierbei um eine "Wettkampf-Droge", die direkt beim jeweiligen Sportereignis eingenommen werden müsse. Entsprechend hoch sei die Gefahr der Entdeckung. (mit dpa)


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