Junggesellenabschiede in Blackpool: "Das ist die Kultur der Arbeiterklasse"

Hens and Stags-Partys in Blackpool: Letzter Vollrausch vor der Ehe Fotos
Dougie Wallace

Nackte Männer, entfesselte Frauen und jede Menge Alkohol: Lange Zeit war die britische Küstenstadt Blackpool ein Erholungsort für Familien. Heute feiern Unverheiratete auf der Strandpromenade ihren letzten Vollrausch vor der Ehe. Der schottische Fotograf Dougie Wallace hat den Party-Exzess dokumentiert.

Blackpool - Immer wieder samstags fährt Dougie Wallace in die britische Küstenstadt Blackpool, ein Städtchen im Nordwesten des Landes, eine gute Autostunde von Liverpool entfernt. Es gibt dort eine hübsche Strandpromenade, einen Freizeitpark, eine historische Straßenbahn und Eselreiten für Kinder. Doch Wallace kommt nicht wegen des Ferienidylls. Er fotografiert den Exzess der sogenannten Hens and Stags. Wörtlich übersetzt also Hennen und Hirsche, gemeint sind feierwütige Frauen und Männer, die für ihre Junggesellenabschiede jedes Wochenende in Blackpool einfallen.

Lange war Blackpool Urlaubsort der wohlhabenden britischen Mittelschicht, ein beliebtes Familienresort. Doch seit einigen Jahren kultiviert die Stadt eine hemmungslose Partyszene.

Dougie Wallace, 40 Jahre alt, Fotograf, Exil-Schotte in London, hat diesen Kulturwandel in seiner Serie "Stags Hens & Bunnies, Blackpool" dokumentiert. Seine Bilder zeigen Blackpools neue Touristengeneration, ungeschönt und echt. Menschen beim Feiern, Menschen beim Flirten, Menschen, die sich in ihrem Vollrausch auf der Straße übergeben, während die Umstehenden auf ihren Smartphones tippen.

SPIEGEL ONLINE: Mister Wallace, wie kommt man dazu, betrunkene Leute beim Junggesellenabschied zu fotografieren?

Wallace: Ich war zufällig in der Stadt, weil ich eine Weile durch den Norden Englands reiste. Ich war auf der Strandpromenade unterwegs, als ich plötzlich einen nackten Mann sah, der mit Klarsichtfolie an einen Laternenpfahl gefesselt war. Es war das erste Bild, das ich für die Serie gemacht habe. Abends bin ich dann noch mal raus und habe mehr Fotos gemacht. Und seitdem habe ich ungefähr 20 Samstagabende in Blackpool verbracht.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wallace: Ich finde, die Hens and Stags-Partys sind ein Stück Kultur der Arbeiterklasse, das noch nicht oft dokumentiert wurde. Und es gibt viel Drama, was natürlich gut für die Bilder ist.

SPIEGEL ONLINE: Was für Drama?

Wallace: Die Leute betrinken sich. Es geht darum, dass man die letzte Nacht vor der Hochzeit in Freiheit verbringt. Es gibt viele Rituale, zum Beispiel, dass jemand für den Abend in Handschellen gelegt wird. Wenn die dort urlaubenden Familien auf die verkleideten Partyleute treffen, gibt das eine kuriose Mischung. Einmal lief ein Typ in einem Mankini über die Promenade - das ist so ein knallgrünes Ding wie aus dem Film "Borat". Man sieht alles außer seinem besten Stück. Klar sind manche Touristen da ein bisschen schockiert. Aber es ist auch witzig, alle lachen darüber. Beide Gruppen sind eben Teil von Blackpool.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie das?

Wallace: In seiner Blütezeit in den Fünfzigern und Sechzigern war Blackpool ein beliebtes Ferienziel für Familien der gehobenen Arbeiterklasse. Doch dann kamen die günstigen Flüge ins Ausland, der industrielle Wandel.

SPIEGEL ONLINE: Und nun?

Wallace: Heute reisen die Leute für die Hens and Stags-Partys übers Wochenende an, die meisten kommen aus dem Norden, umliegenden Städten wie Manchester oder auch Schottland. Es sind alle Altersgruppen vertreten. Die Leute feiern mit ihren Müttern und Vätern, Onkeln, Brüdern und Kollegen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilder zeigen Menschen, die vollkommen außer Kontrolle scheinen und wohl besser in einer Ausnüchterungszelle aufgehoben wären. Gibt es keine Proteste gegen die umtriebigen Wochenendtouristen?

Wallace: Na ja, es steckt ja auch viel Geld in den Hens and Stags-Partys. Viele Pubs verdienen sehr gut an den Junggesellenabschieden und haben extra dafür die ganze Nacht geöffnet.

SPIEGEL ONLINE: Was reizt Sie an dem Motiv?

Wallace: Ich beschäftige mich viel mit Straßenfotografie. Daran gefällt mir, dass man so nah dran ist. Die Idee ist, dass man den einen Moment einfängt, der alles erzählt. Es gibt viele Details. Und bei den Blackpool-Bildern bin ich sehr nah dran. Es gibt viele gute Perspektiven.

SPIEGEL ONLINE: Fast zwei Jahre lang haben Sie Betrunkene in Blackpool fotografiert - reicht das nicht irgendwann?

Wallace: Ich will mit der Fotoserie eine Geschichte erzählen. Ich habe Leute im Bus bei der Ankunft fotografiert, auf dem Pier, am Strand. Im November wird ein Buch über das Projekt erscheinen. Dafür muss ich noch an ein paar Samstagen in Blackpool fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Was fehlt denn noch in der Geschichte?

Wallace: Eine Morning-After-Frühstück-Szene.

Das Interview führte Gesa Mayr

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