Drama im Mittelmeer Libyen schickt Flüchtlinge ins Verderben

Einer von zehn Flüchtlingen aus Libyen überlebt die Fahrt nach Europa nicht. Das humanitäre Drama setzt die EU-Staaten unter Druck, spielt Machthaber Gaddafi in die Hände. Das Regime in Tripolis scheint die Not bewusst zu instrumentalisieren - indem es die gefährlichen Überfahrten aktiv fördert.

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Genf/Tripolis - Zwischen Tripolis und der italienischen Insel Lampedusa liegen 300 Kilometer. Die libysche Hauptstadt und Malta trennen 350 Kilometer. Eigentlich ist die Überfahrt mit dem Schiff in beiden Fällen ein Leichtes. Doch für Flüchtlinge aus Libyen führt sie regelmäßig in den Tod.

In überladenen Booten ohne ausreichend Proviant, ohne qualifizierte Crew oder fachkundigen Steuermann machen sich die Afrikaner auf die Reise - mit wenig mehr als der Hoffnung, irgendwie durchzukommen. "Es ist unter diesen Bedingungen eine sehr gefährliche Überfahrt ", sagt Melissa Fleming, Sprecherin des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, SPIEGEL ONLINE.

Etwa 14.000 Personen sind laut UNHCR seit Beginn der Auseinandersetzungen mit Booten nach Italien und Malta geflüchtet. Die Auswertung der Berichte von Überlebenden und Familienangehörigen habe ergeben, dass allein seit dem 25. März mehr als 1200 Flüchtlinge als vermisst gelten. Etwa jeder zehnte Flüchtling, so UNHCR-Sprecherin Fleming, überlebe die Überfahrt nicht.

Doch die Dramen auf dem Meer kommen dem libyschen Regime von Machthaber Muammar al-Gaddafi offenbar nicht ungelegen: Ein besseres Druckmittel als der Tod verzweifelter Flüchtlinge lässt sich gegenüber Europa kaum finden. Beobachter haben den Eindruck, als duldeten Libyens Machthaber den Flüchtlingsstrom nicht nur, sondern ermunterten die Menschen gar dazu, das Land zu verlassen. Zwar ist kein Befehl des Regimes bekannt, möglichst viele Flüchtlinge in den klapprigen Schiffen loszuschicken. Aber: "Der libyschen Regierung ist es nicht unrecht, dass die Leute in See stechen", sagt Fleming. Verschiedene Indizien scheinen diese Annahme zu stützen.

1) Libyen schaut weg

Die Flüchtlinge starten ihre Fahrten direkt in Tripolis, laut Fleming auch vom Haupthafen der Stadt aus. In der Vergangenheit seien sie vornehmlich aus kleineren Häfen oder sogar von unbefestigten Küstenabschnitten gestartet. Beim Auslaufen stehen die Boote angeblich unter Aufsicht des Militärs, das Regime ignoriere die auslaufenden Schiffe, berichten Flüchtlinge, die es nach Lampedusa geschafft haben.

Der "Guardian" schreibt, Vertreter des libyschen Staates hätten zugegeben, nichts gegen die Fahrten zu unternehmen - angeblich aus Protest gegen die Nato-Luftschläge, die die Küstenwache zerstört hätten. Es gebe keinen Grund, die Flüchtlinge zu stoppen, da ein Aufhalten nur im Interesse der Nato-Staaten liege. "Die Menschen werden nicht an der Flucht gehindert", bestätigt auch Fleming. Vor Ausbruch des Konflikts hatte das Gaddafi-Regime eine Übereinkunft mit der EU, den Flüchtlingsstrom zu unterbinden.

Libysche Sicherheitskräfte hätten nach Ausbruch der Unruhen eine Weile offiziell die Häfen kontrolliert, zitiert die "New York Times" einen Mitarbeiter des italienischen Außenministeriums. Deshalb hätten die Flüchtlinge zunächst an Stränden geschlafen und versucht, sich zu verstecken. "Jetzt gibt es nicht einmal mehr das Theater, bei dem vorgegeben wird, es gebe Kontrollen", so der Italiener. Italienische Behörden interpretieren laut "New York Times" auch die Größe der Flüchtlingsschiffe als Indiz, dass Libyen den Exodus geschehen lässt und nicht versucht, die Menschen zurückzuhalten. Manchmal sind bis zu 800 Personen in einem Boot. Es gilt als sehr unwahrscheinlich, dass so viele Menschen gleichzeitig auf Schiffen solcher Größe unbemerkt den Hafen verlassen können.

2) Libyen zwingt manche Leute zur Flucht

In einigen Fällen wird die Flucht laut UNHCR sogar aktiv von Libyen gefördert. Es sei ein Fall bekannt, bei dem ein Mann von der tunesischen Küstenwache aufgegriffen worden sei, weil es sein Boot nicht nach Lampedusa geschafft habe, sagt UNHCR-Sprecherin Fleming. Dieser Flüchtling habe erzählt, libysche Militärs hätten Leute aus einer Wohnung geholt und sie eigenhändig in ein Boot Richtung Italien gesetzt.

Der "Guardian" berichtet von einem Fall, in dem Soldaten in die Luft schossen, um angesichts der klapprigen und überladenen Boote skeptische Personen an Bord eines Bootes zu zwingen. Auch die "New York Times" beschreibt einen Fall, in dem unwillige Flüchtlinge von bewaffneten Männern angeblich gezwungen wurden, ein Boot zu besteigen.

Der Eindruck, das libysche Regime sei bemüht, die Menschen loszuwerden um sich später in der politischen Auseinandersetzung zu instrumentalisieren, wird noch durch ein weiteres Indiz verstärkt: Bereits mehrfach sind Fälle bekannt geworden, in denen Teile der Besatzung Schiffe verlassen haben, nachdem das Schiff ausgelaufen war. Laut "Guardian" berichteten Flüchtlinge der Uno, die Kapitäne mehrerer Schiffe seien auf offener See von Bord gegangen und mit Beibooten zurück ans Festland gefahren.

Ein Offizier der libyschen Marine helfe sogar dabei, Flüchtlingsboote von einem Militärhafen nahe Tripolis loszuschicken, berichtet die italienische Zeitung "L'Unita".

Der Konflikt in Libyen hat Flüchtlingen aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara eine Möglichkeit eröffnet, die wegen eines Abkommens zwischen dem Regime von Muammar al-Gaddafi und Italien zwei Jahre lang nicht bestand. Die EU zahlte viel Geld an Libyen, damit der Staat die Grenzen kontrollierte und Flüchtlinge von der Ausreise abhielt. Nun, da diese Kontrollen versagen, strömen die Menschen nach Europa.

Laut UNHCR-Personal sind Hunderte Menschen, die zunächst nach Tunesien oder Ägypten geflohen waren, nach Libyen zurückgekehrt, um von dort mit Schiffen nach Europa zu gelangen.

3) Die Flüchtlinge zahlen weniger

Die Überfahrten sind nach Informationen des UNHCR billiger als gewöhnlich. Normalerweise, so Fleming, zahlten Flüchtlinge Tausende Dollar. Nun betrage der Preis nach Angaben von Flüchtlingen nur einen Bruchteil dieser Summe oder sei sogar gratis. Lediglich ihre Wertsachen müssten die Flüchtlinge in der Regel vor der Überfahrt abgeben. Auch die "New York Times" berichtet, der Preis der Überfahrten sei in den vergangenen Wochen "signifikant gesunken".

4) Gaddafi drohte mit "Millionen Immigranten"

Bereits im August 2010, als Gaddafi in Europa noch kein Geächteter, sondern umgarnter Gast war, deutete der libysche Machthaber kaum verklausuliert an, er würde Flüchtlinge als politisches Druckmittel einsetzen.

Damals war er auf Staatsbesuch in Italien. Wenn die EU jährlich nicht fünf Milliarden Euro zahle, könne Europa "ein zweites Afrika" werden, so Gaddafi - durch "Millionen von Immigranten". Keiner könne wissen, "ob Europa ein fortschrittlicher und vereinter Kontinent bleiben oder zerstört werde - wie es bei den Barbareninvasionen geschehen ist." Die EU blieb damals stumm. Der Auftritt "riecht nach Erpressung", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ).

Nun, da die Flüchtlingsströme mit dem Konflikt in Libyen angeschwollen sind, ist Europa überfordert. Mit den Flüchtlingen, die überleben - ebenso wie mit jenen, die umkommen.

Doch trotz aller Gefahren wollen weiter Tausende Menschen nach Europa fliehen. Die Meteorologen haben für die kommenden Wochen günstiges Wetter vorhergesagt - wenig Wind, ruhige See. Die Flüchtlinge sind sich laut UNHCR der Gefahren der Überfahrt bewusst, sie kennen die hohen Todesquote. Aber sie hätten nichts zu verlieren, sagt Fleming.

"Ich würde lieber beim Versuch sterben, die Sicherheit zu erreichen, als weiter in Gefahr zu leben", sagte ein Flüchtling dem UNHCR.

Mit Material von dapd und AFP



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