Umstrittenes Video aus Mexiko: Komm, wir spielen Drogenboss

Von Simone Utler

Gangster rauben einen Geschäftsmann aus, Polizisten schießen wild um sich - ein Video sorgt in Mexiko für Diskussionen. Alle Darsteller sind Kinder. Vor der Wahl im Sommer protestieren Aktivisten so gegen Gewalt und Korruption. Kritiker sprechen von Sensationsgier.

Nuestro Mexico del Futuro

Hamburg - Einige nennen es einen längst überfälligen Weckruf. Andere kritisieren den Film als politische Manipulation - oder sogar als Kindesmissbrauch. Seit einigen Tagen sorgt ein Video, das wie eine Dokumentation anmutet und den Titel "Niños Incomodos" ("Unbequeme Kinder") trägt, in Mexiko für eine heiße Diskussion. In dem rund vierminütigen Film wird ein völlig heruntergekommenes, apokalyptisches Land gezeigt: In dieser Welt wimmelt es von Drogenbossen, korrupten Polizisten und Kidnappern - und alle werden von Kindern dargestellt.

Der Film beginnt mit einem Jungen, der als aalglatter Geschäftsmann gezeigt wird. Im weißen Hemd raucht er beim Frühstück Zigarette, liest in der Zeitung von der beängstigend ansteigenden Kriminalität im Lande, schüttelt den Kopf darüber - und wird dann beim Verlassen seines Hauses von zwei Gangstern mit einer Pistole und einem Messer bedroht und ausgeraubt. Ein Polizist stoppt die beiden fliehenden Gangster - und lässt sich von ihnen Geld und das gestohlene Handy zuschieben. Gangster, Polizist - allesamt Jungs.

In einer weiteren Szene sind Mädchen mit Handtaschen auf der Straße zu sehen, die plötzlich schreiend Schutz suchen, weil die Polizei bei der Verbrecherjagd mit Schnellfeuerwaffen aus Autos um sich schießt. Dann ist eine kleine Schar von Demonstranten gegen Korruption zu sehen, die von Polizisten eingekesselt wird, während in einem Büro wenige Meter weiter Menschen bestochen werden.

Am Ende des Films ist ein völlig überfülltes Gefängnis zu sehen und ein Mädchen richtet eine explizite Botschaft an die Kandidaten der diesjährigen Präsidentschaftswahl: "Wenn das die Zukunft ist, die mich erwartet, dann will ich sie nicht." Es sei genug für die Parteien getan worden, wenig für die Menschen. Sie fordert die einzelnen Kandidaten namentlich auf, etwas zu ändern. "Wir sind Millionen, die ein besseres Land wollen", wird am Ende des Films mit weißer Schrift auf schwarzem Grund eingeblendet.

Mehr als 2,3 Millionen Klicks auf YouTube

Der Film wurde von der Organisation Nuestro México del Futuro, einer nach eigenen Angaben nationalen sozialen Bewegung, produziert und über das Internet verbreitet. Das Projekt wird von großen Unternehmen und Universitäten unterstützt. Auf YouTube hatte der Film bis Freitagmittag bereits mehr als 2,3 Millionen Klicks erreicht.

Er trifft offenbar den Nerv der Zeit. Allein im Januar 2012 wurden in Mexiko 960 Menschen erschossen, enthauptet, massakriert oder lebendig begraben. Es war einer der tödlichsten Monate, seit der mexikanische Präsident Felipe Calderón vor bald sechs Jahren den Krieg gegen die Drogenkartelle ausrief. Am 1. Juli steht in Mexiko die nächste Präsidentschaftswahl an.

Die wichtigsten Präsidentschaftskandidaten lobten den Film. Linkskandidat Andrés Manuel López Obrador, der bei der Wahl 2006 unterlegen war, bezeichnete den Clip als gut gemacht: "Er ist hart, aber wahr."

Josefina Vázquez Mota, die Kandidatin der konservativen Partido Acción Nacional von Präsident Felipe Calderón, twitterte, das Video sei ein Ruf, der nicht ignoriert werden könne: "Ich akzeptiere die Herausforderung und möchte, dass Sie mitmachen."

Der Kandidat der Partei der Institutionellen Revolution, Enrique Peña Nieto, schrieb beim Kurznachrichtendienst Twitter, er unterstütze die Kampagne. "Ich höre überall auf meiner Wahlkampfreise, 'die Zeit läuft uns davon'. Es ist Zeit, die Hoffnung und den Wandel in Mexiko zu erneuern."

"Wir lösen Probleme nicht mit schrillen Aktionen"

Doch nicht alle sind so voll des Lobes. Das Video sei eine klare Verletzung des Wahlrechts, kritisierte der TV-Kritiker und Zeitungskolumnist Alvaro Cueva: "Kein vernünftiger Kandidat würde sagen, ich möchte eine Zukunft voller Kriminalität, voller Krimineller." Das Video mache die Wahlkampagnen lediglich noch schmutziger, es verbreite eine Stimmung von Angst und Verzweiflung.

Der Urnengang - und jegliche Form von Kampagnen - sind ein besonders sensibles Thema in Mexiko. Viele Menschen glauben nach wie vor, dass es bei der letzten Wahl im Jahr 2006 zu Beeinflussungen durch privat bezahlte und produzierte Anzeigen gekommen sei.

Einige Politiker stellen den Schutz von Kindern in den Mittelpunkt ihrer Kritik. So monierte der Kongressabgeordnete Mario di Constanzo: "Es ist inakzeptabel und skandalös, Kinder zu zeigen, die rauchen, bewaffnet sind, Menschen mit Waffengewalt entführen und sie in Autos sperren." Der Abgeordnete Miguel Angel Garcia Granados kritisierte: "Wir lösen die großen Probleme des Landes nicht mit Sensationsgier und schrillen Aktionen - und sicherlich nicht, indem wir Kinder in Dokumentationen benutzen."

Parallel zu dem Video schalteten die Produzenten ganzseitige Anzeigen in mexikanischen Tageszeitungen. Darin hieß es, man reflektiere die Sorge von Millionen Bürgern, "die in einem Mexiko leben wollen, das Verbrechen, Armut durch Korruption, Arbeitslosigkeit und Drogenhandel hinter sich gebracht hat".

Die Organisation Nuestro México del Futuro hat außerdem alle Mexikaner dazu aufgerufen, ihre Vorstellungen über das Mexiko, in dem sie leben möchten, zum Ausdruck bringen. Einem Zählsystem auf der Website zufolge sind insgesamt mehr als zehn Millionen Ansichten bei der Organisation eingegangen. Sie werden zum Teil in einem Buch zusammengefasst, das den Präsidentschaftskandidaten übergeben werden soll.

mit Material von AP

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1. Yadda yadda
Onkel Helmut 13.04.2012
Das Video ist symptomatisch für ein Land, in dem viel geredet und wenig getan wird. "Gesicht bewahren" und Unangenehmes ausblenden und verschweigen ist ein grosser Teil der mex. Gesellschaft. Es wird sich nun aufgeregt, diskutiert, beklagt, kritisiert, etc. - und dann wieder vergessen. Nichts wird getan werden (ich erinnere mich immer an Heinrich Böll's Kurzgeschichte). Der Kindergarten ABC und die 47 verbrannten Kleinkinder lassen grüssen. Natürlich sind die Verhältnisse im Video überspitzt dargestellt; weit weg von der täglichen Realität der normalen Bevölkerung (der Politiker und obere 10.000 nicht angehören) ist der Inhalt aber nicht. Alles in allem: Mexikaner lieben es -noch mehr als Deutsche- sich zu über ihre Verhältnisse beklagen. Den Mut und das Durchhaltevermögen, daran auch wirklich etwas zu ändern, haben sie nicht. Das ist sehr schade, aber schon so seit Cortés/Moctezuma, und fortgeführt über Hidalgo, Iturbide, den "Niños Héroes", Porfirio Díaz, die "Revolution", 70 Jahre PRI, den 2.10.1968, Fox und seine leeren Versprechen, Calderón und sein hohler Slogan vom "Vivir mejor", usw., usf.
2.
glen13 13.04.2012
Zitat von sysopGangster rauben einen Geschäftsmann aus, Polizisten schießen wild um sich - ein Video sorgt in Mexiko für Diskussionen. Alle Darsteller sind Kinder. Vor der Wahl im Sommer protestieren Aktivisten so gegen Gewalt und Korruption. Kritiker sprechen von Sensationsgier. Umstrittenes Video aus Mexiko: Komm, wir spielen Drogenboss - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,827395,00.html)
Dieser Film ist richtig und vielleicht noch nicht hart genug. Wenn nicht unbestechliche Politiker mit den richtigen Ideen an die Macht kommen, wird Mexiko vollkommen von der Drogenmafia übernommen. Bei den finanziellen Mitteln und der Skrupellosigkeit, welche die mexikanische Drogenmafia hat, ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine Regierung sich durchsetzen kann, wenn nicht die gesamte Bevölkerung mobilisiert wird. Die "Ehrlichen" müssen motiviert werden, nein zu sagen, zu diesen Drogenkillern. Wenn die Masse der Menschen sich auflehnt, werden auch bewaffnete Drogenkiller irgendwann abgedrängt. Aber das ist ein langer, schmerzhafter Weg und ich bezweifle, dass dafür Filme dieser Art ausreichen werden, um die Massen zu mibilisieren und die unmenschlichen Mörder zu stoppen.
3. Mexiko Aktuell
Bmaechtel 13.04.2012
Ich lebe seit 25 Jahren in Mexiko, daher denke ich das Land ein wenig zu kennen. Ich befürworte zu 100% diese Aktion. Das grosse Problem hier ist die Politik und die Gewerkschaften die das Land seit Jahrzehnten fest im Griff haben. Daraus ergeben sich alle aktuelle Probleme. Auch sollte man erwähnen dass die USA ein Riesen Geschäft mit der Situation in Mexico macht, und nur sehr wenig Interesse hat dass sich in Mexiko etwas ändert. Ich hoffe dass diese Aktion die Menschen ein bissen aus ihrer Letargie zieht, es wäre Mexiko zu wünschen.
4. Von und zu:
morrissey@gmx.net 13.04.2012
Zitat von sysopGangster rauben einen Geschäftsmann aus, Polizisten schießen wild um sich - ein Video sorgt in Mexiko für Diskussionen. Alle Darsteller sind Kinder. Vor der Wahl im Sommer protestieren Aktivisten so gegen Gewalt und Korruption. Kritiker sprechen von Sensationsgier. Umstrittenes Video aus Mexiko: Komm, wir spielen Drogenboss - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,827395,00.html)
Die Idee ist aus folgendem Musik-clip (IS TROPICAL - The greeks) geklaut: Is Tropical - The Greeks - Video - Chilloutzone.mp4 - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=25TLbS5r5J0)
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Mexiko: Opfer und Täter im Drogenkrieg
Mexikos Kartelle
Sinaloa-Kartell
Das Sinaloa-Kartell ist eine der mächtigsten Organisationen in Mexiko und Lateinamerika. Sie kämpft erbittert gegen das Juárez-Kartell, um die Kontrolle über die Grenzstadt Ciudad Juárez zu den USA zu übernehmen. Legendäre Führungsfigur ist Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", dem 2001 die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis gelang und der es vergangenes Jahr mit seinem Milliardenvermögen auf Platz 41 der 67 "mächtigsten Menschen der Welt" des US-Magazins "Forbes" schaffte. Nachdem er 13 Jahre im Untergrund lebte, konnte "El Chapo" im Februar 2014 von der mexikanischen Polizei geschnappt werden.
Golf-Kartell
Das berüchtigte Golf-Kartell aus dem Bundesstaat Tamaulipas war einst die mächtigste kriminelle Organisation Mexikos, ist nun durch die Abspaltung der Zeta-Bande geschwächt. Außerdem wurden zahlreiche Mitglieder festgenommen.
Los Zetas
Los Zetas ist eine der mächtigsten und brutalsten Organisationen. Sie ist an der mexikanischen Golfküste aktiv und soll für viele Hunderte Tote verantwortlich sein. Sie besteht aus ehemaligen Drogenbekämpfern der Polizei und des Militärs, die zunächst zum Golf-Kartell überliefen und dann ihr eigenes Kartell gründeten. Sie befinden sich in einem blutigen Machtkampf gegen das Golf- und Sinaloa-Kartell und La Familia.
Juárez-Kartell
Das Juárez-Kartell aus der gleichnamigen Stadt im Bundesstaat Chihuahua firmiert auch unter dem Namen "Allianz des goldenen Dreiecks". Es wurde 1997 gegründet und hat wegen der andauernden Kämpfe gegen das Sinaloa-Kartell in den vergangenen Jahren stark an Einfluss verloren.
Tijuana-Kartell
Das Tijuana-Kartell im äußersten Nordwesten Mexikos ist dafür bekannt, ausgezeichnete Kontakte zu hochrangigen Vertretern von Sicherheitskräften und Justiz zu pflegen. Es wurde 1989 von der Familie Arellano Felix gegründet. Nun kämpft die Organisation um die Kontrolle in Tijuana. Die Führung ist geschwächt, 2008 spaltete sich die Organisation in zwei Flügel. Einer der Chefs, Eduardo Teodoro García Simental alias "El Teo", wurde im Januar gefasst.
Beltrán-Leyva-Organisation
Das Einflussgebiet der Beltrán-Leyva-Organisation erstreckt sich vor allem an der Pazifikküste. Die Gruppe hat sich 2008 von dem Sinaloa-Kartell abgespalten, ihre Macht wuchs. Doch seit Ende 2009 ist die Organisation geschwächt durch die Ermordung von zwei der fünf Beltrán-Leyva-Brüder. So starb Arturo Beltrán-Leyva (genannt "Boss der Bosse") in einem Gefecht mit Sicherheitskräften.
La Familia Michoacana
La Familia stammt aus dem Bundesstaat Michoacán, operiert aber in vielen weiteren Regionen. 2006 spaltete sich La Familie von Golf-Kartell und Los Zetas ab, mit denen es heute konkurriert und sich heftig bekämpft. La Familia ist bekannt für Enthauptungen und ihre quasi-religiöse Ideologie. Eine Führungsfigur heißt "El Más Loco" - der Verrückteste. (Quelle: World Drug Report 2010, Stratfor)