Bauprojekt Neue Stasi-Indizien gegen Investor an der East Side Gallery

Der Bauherr von Luxuswohnungen an der Berliner East Side Gallery wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Zeugen berichten, dass Maik Uwe Hinkel sie zu DDR-Zeiten ganz offensichtlich bespitzelt habe. Sogar ein prominenter SPD-Politiker will ihn jetzt als IM "Jens Peter" identifiziert haben.

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Maik Uwe Hinkel wohnte nur ein Geschoss tiefer. IM "Jens Peter" auch. Zur selben Zeit, in derselben Wohnung. 1984 in der Brahmsstraße 2 in Zwickau.

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Heft 15/2013
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Harald Schmutzler kann sich noch genau daran erinnern, wie Maik Uwe Hinkel damals sein Nachbar wurde. Schnell freundete er sich mit dem jungen Mann an. Er schenkte ihm Texte von Udo Lindenberg und ließ auf dem gemeinsamen Außenklo im Treppenhaus West-Zeitschriften liegen.

Er wäre wohl besser vorsichtig gewesen.

Hinweise zu den Zeitschriften und Lindenberg-Texten fanden sich später auch in seinen Stasi-Akten wieder. 1988 wurde Schmutzler verhaftet. Der Vorwurf: Er habe Informationen verbreitet, die geeignet sind, die DDR in Misskredit zu bringen, und außer Landes gebracht. Das Regime drohte ihm mit zwei Jahren Gefängnis.

Nach der Wende fand Schmutzler nach seinen Angaben 65 Berichte des Inoffiziellen Mitarbeiters "Jens Peter" mit dessen Unterschrift in seiner Stasi-Akte. Für Schmutzler ist nach der Lektüre vollkommen klar, dass dahinter Maik Uwe Hinkel steckt. "Ich brauchte mir von der Stasi-Unterlagen-Behörde nicht einmal den Klarnamen entschlüsseln zu lassen, so eindeutig sind die von ihm handschriftlich unterzeichneten Dokumente."

"Für die Opfer ein Schlag ins Gesicht"

Schmutzler ist kein Einzelfall. Mehrere Zeitzeugen meldeten sich seit dem Erscheinen eines SPIEGEL-Artikels diese Woche und berichten davon, dass sie überzeugt sind, von "Jens Peter" bespitzelt worden zu sein. Die Betroffenen haben alle keinen Zweifel daran, dass sich hinter dessen Berichten der Berliner Investor Maik Uwe Hinkel verbirgt. Für sie ist es eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet dieser Mann jetzt Luxuswohnungen auf dem ehemaligen Todesstreifen bauen will.

Hinkel wurde vor dem Mauerfall SED-Kandidat, blieb danach in der PDS und später, bis heute, bei der Linken. Nun will er Teile der Mauer versetzen und ein Hochhaus bauen, das den Schandfleck der DDR-Geschichte verdecken würde. "Für die Opfer ist es natürlich ein Schlag ins Gesicht, dass Leute, die ausgerechnet ihre Peiniger waren, dieses Mahnmal ausradieren wollen", sagt der Opfervertreter Ronald Lässig. "Und das genau an einer Stelle der Berliner Mauer, an der Menschen zu Tode gekommen sind. Das geht nicht. Hier sind jetzt die politisch Verantwortlichen der Stadt gefragt zu handeln."

Hinkels Vergangenheit wäre vielleicht niemals publik geworden, wenn der Investor weiterhin nur schicke Altbauwohnungen im ehemaligen Osten Berlins verkauft hätte. Doch seit dem Abriss und Versetzen von Teilen der East Side Gallery, einer Ansammlung von großformatigen Bildern auf dem längsten erhaltenen Mauerabschnitt, ist Hinkel fast jeden Tag in den Medien präsent.

Hinkel gibt sich dabei als Saubermann. Die "Süddeutsche Zeitung" beschrieb den Fahrer eines weißen Porsches, der sich gern mit politischen Größen ablichten lässt, in einem ausführlichen Porträt als "unbekümmerten Strahler mit makellosem Gebiss", der Berlin neu erfinden will.

Stasi-Vorwürfe wies er bis zuletzt vehement zurück. Eine neuerliche Anfrage des SPIEGEL ließ er unbeantwortet.

Die Schlüsseldienste des "Jens Peter"

Doch die Beweislast ist erdrückend. Dem SPIEGEL liegen drei unterschiedliche Operative Vorgänge ("OV") der Zwickauer Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit vor, an denen IM "Jens Peter" beteiligt war. Es ging um die Operationen "Konzept", "Sakrament" und "Verleumder". In allen drei Fällen legen sich die Bespitzelten heute fest, dass wichtige Informationen, die ihrer Unterdrückung dienten, nur von Hinkel stammen konnten. Auch andere Dokumente aus dieser Zeit legen dies sehr nahe.

Harald Schmutzler denkt noch heute an einen Abend im Frühjahr 1985 zurück, an dem Hinkel, sein Mitbewohner im Haus, bis tief in die Nacht bei ihm und seiner damaligen Freundin zu Gast war. In den Akten fand sich später ein Bericht, dass "Jens Peter" just an diesem Abend einen Wachsabdruck des Türschlüssels anfertigte, mit dem die Stasi heimlich in die Wohnung eindringen konnte, um Beweise gegen ihn zu sammeln.

Der erste Nachschlüssel funktionierte nicht richtig, der Zwickauer Stasi-Chef bestellte bei "Jens Peter" einen zweiten Wachsabdruck. Bei einer konspirativen Wohnungsdurchsuchung nahmen seine Leute dann das oberste Blatt eines Schreibblocks mit. Auf dem leeren Papier machten sie mit einer eingefärbten Glasscheibe die durchgedrückte Schrift sichtbar, die von einem Brief stammte, den Schmutzler auf dem Block zuvor geschrieben hatte.

"Der versuchte sich permanent einzuschleimen"

Schmutzler war zu dieser Zeit mit dem SPD-Politiker und späterem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestags, Reinhold Robbe, befreundet. Die beiden hatten sich bei einer Reise in Osteuropa zufällig kennen gelernt. Die Stasi wollte über Schmutzler auch an den aufstrebenden Westpolitiker herankommen.

Wenn Robbe zu Besuch nach Zwickau kam, tauchte in kürzester Zeit auch Maik Uwe Hinkel auf. "Der versuchte sich permanent einzuschleimen", erinnert sich Robbe, der ihm schon damals nicht traute. Später fand er in seiner Stasi-Akte Berichte von IM "Jens Peter": "Nach der Lektüre ist mir völlig klar, dass 'Jens Peter', der an die Stasi berichtet hat, Maik Uwe Hinkel ist", bewertet Robbe, der von 1994 bis 2005 Mitglied des Bundestags war, die Unterlagen.

"So eindeutig sind die Zusammenhänge, wenn er über sich selbst, über mich und meine Freunde berichtet. Für mich ist es unbegreiflich, dass Hinkel nicht zu seiner Vergangenheit steht und jetzt auch noch so tut, als sei der Bau an der East Side Gallery die gewöhnlichste Sache der Welt." Hinkel habe Menschen offensichtlich nicht nur ein bisschen ausspioniert, "sondern äußerst beflissen denunziert und so unglaublich vielen Menschen Leid und Schaden zugefügt, ohne es jemals wieder gutzumachen".

Vorgeschwindelte Frömmigkeit

Der evangelische Pfarrer Edmund Käbisch arbeitet die Stasi-Aktivitäten in Zwickau auf. Käbisch hat die Akten von über 120 Inoffiziellen Mitarbeitern gelesen. Doch der Fall "Jens Peter" ist auch für ihn ungewöhnlich. "Er war laut Akten ein Spitzen-IM, der darauf geschult wurde, schwierige Aufträge und Observationen durchzuführen", sagt Käbisch. Die Stasi schleuste "Jens Peter" systematisch in Kirchengruppen in Zwickau ein, die ihr verdächtig erschienen.

Wie skrupellos er mit seinen Opfern umging, bezeugt auch der Fall des Studenten Andreas Richter. Seit 1983 schrieb "Jens Peter" Berichte über Richter, der sich in der Katholischen Studentengemeinde engagierte. Über Jahre baute "Jens Peter" ein enges Vertrauensverhältnis auf und schwindelte Richter dafür sogar Frömmigkeit vor: Am 1. Mai 1985 ließ sich "Jens Peter" taufen und wählte Andreas Richter als Taufpaten.

In einem Bericht spricht "Jens Peter" zwei Tage später ausdrücklich von seiner eigenen Taufe. Der SPIEGEL nahm diese Woche Einsicht in das Taufbuch der Pfarrei "Heilige Familie" in Zwickau. Am 1. Mai 1985 ließ sich dort Maik Hinkel taufen. Geburtsdatum, Anschrift und Geburtsort stimmen mit anderen Quellen überein.

"Jens Peter" spielte Andreas Richter anschließend übel mit. Er lieferte der Stasi nicht nur dutzende Berichte, sondern organisierte auf "Instruktion" der Stasi sogar eine Party, auf der Richter unter Alkoholeinfluss dazu gebracht werden sollte, über die DDR zu schimpfen. Im IM-Bericht vom Juni 1985 heißt es: "Dabei besteht das Ziel darin, politische Diskussionen generell zu inszenieren und Richter zu veranlassen unter Zeugen seine wahre politische Haltung zum Ausdruck zu bringen."

Als am Ende der Stasi genügend Material gegen Richter vorlag, wurde ihm der Prozess gemacht. Dort sagte Maik Uwe Hinkel unter seinem richtigen Namen aus. Er behauptete, Richter hätte Repräsentanten der DDR als "Kommunistenschweine" bezeichnet. Auch andere Zeugen verpfiffen Richter. Im Ergebnis verurteilte ihn das Bezirksgericht Karl-Marx-Stadt 1986 zu zwei Jahren und vier Monaten Freiheitsstrafe. Die Bundesrepublik kaufte Richter nach einigen Monaten frei.

Wie überaus eifrig IM "Jens Peter" stets gewesen ist, zeigt auch ein Bericht vom 6. Juli 1984, den er über seinen Nachbarn Harald Schmutzler verfasste. "Jens Peter" saß gerade auf der Toilette, als er hörte, wie sich zwei Männer an der Tür von Harald Schmutzler verabschiedeten. Doch "Jens Peter" ließ sich auch von seinem gewöhnlichen Geschäft nicht beirren. Er verließ eilends den stillen Ort, rannte die Treppe hinab und vermerkte pflichtbewusst in seinem Bericht das Kennzeichen des Trabant-Kombis, mit dem die beiden Männer schließlich davon fuhren.

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