Ehrenamtliche Helfer in Chile Auftritt der Anständigen

Mit bloßen Händen wühlen sie im Schutt nach den Dingen, die vielleicht noch zu retten sind: In Chile laufen die Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Erdbeben inzwischen auf Hochtouren. Viele Freiwillige helfen mit - und schenken den Opfern etwas Hoffnung.

Benjamin Loy

Aus Santiago de Chile berichtet Benjamin Loy


Die junge Frau im Eingang des Einkaufszentrums im noblen Stadtteil Las Condes wirkt überfordert: "Bitte versteht, dass wir nur 50 Plätze für Helfer haben, die übrigen müssen sich an andere Organisationen wenden."

Weit über 300 junge Leute, zumeist Studenten, waren am Morgen dem Aufruf einer großen Supermarktkette gefolgt, Essenspakete für die Erdbebenopfer im Süden Chiles zu packen.

Nachdem der erste Schock des Bebens vom Samstag überwunden schien, lief bereits am Sonntag die Hilfsmaschinerie in Chile an. Neben Militär und Feuerwehr sind es vor allem viele junge Menschen, die im Internet ihre Hilfsbereitschaft signalisieren und sich organisieren - mit enormem Effekt.

Welle der Hilfsbereitschaft

Überall in Santiago versuchen die Chilenen, ihren Teil zur Bewältigung der Katastrophe beizutragen. In der Posta Central, einem der größten öffentlichen Gesundheitszentren der Stadt, finden sich im Laufe des Tages so viele freiwillige Blutspender ein, dass der Ansturm gar nicht bewältigt werden kann.

"Sie haben mir gesagt, ich solle morgen früh wiederkommen, da das Personal völlig überlastet ist", sagt María Angélica Soto und berichtet, dass sie aus anderen Krankenhäusern der Stadt ähnliche Dinge gehört habe. Sie komme soeben vom Zentrallager des Chilenischen Roten Kreuzes in der Calle Seminario, wo der Ansturm ebenfalls groß sei: Lebensmittel, Kleidung, Decken - in großen Säcken schleppten die Chilenen ihre Spenden ins Innere des Gebäudes.

Auffallend leer ist in Santiago an diesem Montagmorgen lediglich die wieder funktionierende Metro, viele Menschen scheinen aufgrund der häufigen Nachbeben den Bus als Transportmittel zu bevorzugen. Auf der Fahrt ins Zentrum steigen Soldaten mit Marschgepäck zu - Präsidentin Bachelet hatte zuvor angekündigt, insgesamt 12.000 Armeeangehörige in die schwer getroffenen Provinzen im Süden zu entsenden.

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Chile nach dem Beben: Chaos und Gewalt in Concepción

In der großen Sporthalle der Traditionsschule Colegio San Ignacio im Zentrum Santiagos haben die Verantwortlichen von "Un techo para Chile" ihr Quartier aufgeschlagen. Die Nichtregierungsorganisation arbeitet seit Jahren in der Armutsbekämpfung und hat auch nach dem Erdbeben sofort reagiert: Schon am frühen Morgen wurde eine Gruppe Freiwilliger zusammengestellt, die in den Süden des Landes aufbrechen soll.

Auch in der Hauptstadt rekrutieren die Verantwortlichen nun Dutzende Helfer, die sich um Tausende Obdachlose kümmern wollen. Dann geht ein Anruf der Kommunalverwaltung des Stadtteils Ñuñoa ein: Sie bittet um Unterstützung bei den Aufräumarbeiten in der "Villa Olímpica", dem neben den Kommunen Maipú und Huechuraba am stärksten betroffenen Teil der Hauptstadt.

Mit etwa 30 Personen brechen die ehrenamtlichen Helfer in diese riesige Siedlung auf, die aus rund 80 Wohnblocks mit dreistöckigen Appartements besteht und anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1962 unweit des Nationalstadions errichtet wurde. Heute wohnen überwiegend Rentner in dem ruhigen, grünen Viertel.

Bild der Zerstörung

Als die von Organisationsleiter Sergio Garrido eingeteilte Achtergruppe in den dritten Stock von Block 70 hinaufsteigt, bietet sich ihnen ein Bild der Zerstörung. Es sieht aus, als hätten sich Soldaten hier einen tagelangen Häuserkampf geliefert: Die langen Flure sind übersät mit Trümmern und Scherben, Elektrokabel baumeln von der Decke, überall liegen tropfende Wasserleitungen frei, ziehen sich tiefe Risse durch Decken und Fußböden.

Aus einer Wohnung ist die komplette Frontseite samt Balkon in den Hinterhof gestürzt, der Blick von unten fällt direkt ins Wohnzimmer. "Ehrensache, dass wir als Chilenen unseren Landsleuten in diesen Tagen zur Seite stehen", sagt ein schmächtiger Typ, den seine Kumpels "Jedi" nennen.

Doch nicht nur Chilenen, auch Ausländer helfen. Gloria, 21, stammt aus Thüringen und absolviert ihren Entwicklungsdienst in Santiago: "Da die Schule, in der ich arbeite, wegen des Erdbebens noch geschlossen ist, dachte ich mir: Ich helfe hier bei den Aufräumarbeiten."

Diese gehen in Block 70 mit einfachsten Mitteln vonstatten, zum Teil mit bloßen Händen, ohne Staubschutzmasken und nur mit wenigen Schaufeln und einer Schubkarre ausgerüstet, tragen die Helfer den Schutt ab.

Und auch wenn der Flur zwei Stunden später schon deutlich besser aussieht, bleiben die Wohnungen verwüstet: überall Risse, das Geschirr, sogar Schränke und Betten sind unter der Wucht der Erdstöße zersplittert, ein Wasserrohrbruch hat das Übrige beigetragen.

"Das Beben war furchtbar"

"Das Beben war furchtbar, die Wände stürzten ein, Teile der Treppe, überall war dichter weißer Staub, als wir ins Freie rannten. Unglaublich, dass niemand ernsthaft verletzt wurde", sagt Pedro Fuenzalida, 21. Der Architekturstudent lebt mit seiner Mutter Adriana in Block 70. Wie alle anderen aus dem Gebäude campieren sie derzeit auf der kleinen Plaza zwischen den Wohnblöcken aus Angst vor Nachbeben, die auch an diesem Nachmittag regelmäßig das baufällige Gebäude erschüttern und bedrohlich ins Wanken bringen.

Mit den wenigen Dingen, die intakt geblieben sind, versuchen sie sich zu behelfen, so gut es geht. Sie haben einen Wachdienst für die Nacht eingerichtet aus Angst vor Plünderern, auch wenn es bisher ruhig geblieben ist. Die wenigsten von ihnen glauben daran, dass sie irgendwann wieder in ihre Wohnungen zurückkehren können.

"Eigentlich wollen alle einfach nur weg von hier", so Adriana Fuenzalida. Nur wohin, das weiß keiner. "Der Bürgermeister sagt, er könne den ganzen Block hier abreißen, aber wir müssten freilich den Wiederaufbau mittragen. Woher sollen wir denn bitte das Geld dafür nehmen?"

Als Lehrerin an einer staatlichen Schule verdient Adriana kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn in Chile von weniger als umgerechnet 300 Euro, die Wohnung hat sie von ihrem Vater geerbt, der sie seinerzeit mit einem Subventionsprogramm gekauft hatte. "Mit meinem Lohn kommen wir gerade so über die Runden, für Miete oder einen Kredit reicht das einfach nicht, und den ganzen Rentnern hier geht es ja noch schlechter."

Nachdem am späten Nachmittag zumindest die schwersten Trümmer aus Block 70 abgetragen worden sind und die Ingenieure beginnen, die Statik des schwer beschädigten Gebäudes zu prüfen, kann sich Pedro etwas Zuversicht abringen: "Wenigstens sind wir noch am Leben und haben nicht alles verloren."

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Juan Pérez, 02.03.2010
1. Auf Thema antworten
Zitat von sysopMit bloßen Händen wühlen sie im Schutt nach den Dingen, die vielleicht noch zu retten sind: In Chile laufen die Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Erdbeben inzwischen auf Hochtouren. Viele Freiwillige helfen mit - und schenken den Opfern etwas Hoffnung. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,681242,00.html
Und viele andere räumen freiwillig die Supermarktregale leer. Wen wundert’s bei dem in Chile existierenden Wirtschaftssystem! 15 tausend Soldaten in den Strassen um die Ordnung wieder herzustellen statt Schutt und Schlamm beiseite zu räumen.
Xeneisis 02.03.2010
2. Plünderungen
Lieber Señor Perez... was hat den bitte das Wirtschaftssystem eines Landes mit dem zu tun, dass sich Menschen nach 48 - 60 Std. ohne Nahrung "unanständigerweise" das holen, was in einem solchen Fall von den Hilfswerken verteilt werden sollte? Die wenigen, die das ausnutzen und rauben sind bestimmt in der Minderheit, verglichen mit denen, die hungern und leiden... Ihr Kommentar ist unabhängig von allen politischen und wirtschaftsystemseitigen Einsichten mehr als unpassend. Vielleicht berücksichtigen Sie einfach die Situation, in der die Menschen dort sind.
Juan Pérez, 02.03.2010
3. Auf Thema antworten
Zitat von XeneisisLieber Señor Perez... was hat den bitte das Wirtschaftssystem eines Landes mit dem zu tun, dass sich Menschen nach 48 - 60 Std. ohne Nahrung "unanständigerweise" das holen, was in einem solchen Fall von den Hilfswerken verteilt werden sollte? Die wenigen, die das ausnutzen und rauben sind bestimmt in der Minderheit, verglichen mit denen, die hungern und leiden... Ihr Kommentar ist unabhängig von allen politischen und wirtschaftsystemseitigen Einsichten mehr als unpassend. Vielleicht berücksichtigen Sie einfach die Situation, in der die Menschen dort sind.
Was das Wirtschaftssystem damit zu tun hat? 15 tausend Soldaten räumen weder Schlamm noch Schutt beiseite noch verteilen sie die Lebensmittel aus den Supermärkten!
kaiserjohannes 04.03.2010
4. Links Rechts? nach den Erdbeben, wem Scherts?
Zitat von Juan PérezWas das Wirtschaftssystem damit zu tun hat? 15 tausend Soldaten räumen weder Schlamm noch Schutt beiseite noch verteilen sie die Lebensmittel aus den Supermärkten!
Pero restauran el orden publico y las seguridad para la gente decente! El pillaje de casas particulares y los casos de violaciones que se han dado a conocer en las ultimas horas son la triste guinda de la torta para las verdaderas victimas del terremoto.Pero ya me parece que UD esta de lado de las hordas de delincuentes que han contribuido a agravar esta tragedia. Deberia darle verguenza! Jetzt auf Deutsch für den Fall dass sie kein Landsmann von mir sind sondern ein U-Boot der Partei die Linke: Die Soldaten tun die öffentliche Ordnung, für die anständigen Menschen wiederherstellen! Die Plünderung von Privathäusern und die Vergewaltigungsfälle von denen wir in den letzten Stunden erfahren haben, sind das traurige Sahnehäubchen für die wirklichen Opfer des Erdbebens. Aber es scheint mir dass Sie eher die Verbrecherhorden unterstützen, die diese Tragödie noch verschlimmert haben. Sie sollten sich schämen!
Lucybell78, 04.03.2010
5. ...
Zitat von Juan PérezWas das Wirtschaftssystem damit zu tun hat? 15 tausend Soldaten räumen weder Schlamm noch Schutt beiseite noch verteilen sie die Lebensmittel aus den Supermärkten!
Interessant das sie dies kritisieren, wenn man bedenkt, daß sie in anderen Themen den "General" Hugo Chavez in Venezuela und sein militärisches Gefolge hochloben. Die haben aber auch eine Katastrophe in Ihrem Land, und das ganz ohne Hilfe von Mutter Natur.
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