Ein deutscher Retter am WTC "Plötzlich war es Nacht in Manhattan"

Als er das zweite Flugzeug in den Wolkenkratzer rasen sah, packte er seine Ausrüstung und rannte los. Gerade am World Trade Center angekommen, wurde er noch Zeuge, wie die Türme einstürzten. Seither ist der Hamburger Feuerwehrmann Hans Dudek fast pausenlos im Einsatz.

Von Dominik Baur


Ein erschöpfter Feuerwehrmann neben den Ruinen des World Trade Center
DPA

Ein erschöpfter Feuerwehrmann neben den Ruinen des World Trade Center

Hans Dudek hat gerade ein bisschen Zeit. Seit zwei Stunden sitzt der 46-Jährige in einer von zwei am World Trade Center aufgebauten Sanitätsstationen und wartet auf seinen nächsten Einsatz. "Ich bin an der Südspitze des World Trade Centers." Dudek hält inne. "Nein, falsch. Ich bin an der Nordwestecke." Ganz sicher ist er sich offenbar selbst nicht. "Mir fehlt einfach das World Trade Center als Orientierungshilfe."

Normalerweise arbeitet Dudek als Software-Berater in New York. In seiner Heimat Hamburg war er früher bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Als Feuerwehrmann erlebt er dieser Tage in Manhattan den wichtigsten Einsatz seines Lebens. Als am Dienstag um 8.45 Uhr ein Flugzeug in einen der Türme des World Trade Center krachte, war Dudek noch in seiner Wohnung in Greenwich Village. Als er dann sah, wie die zweite Boeing in den Nachbarturm raste, schnappte er sich seine Feuerwehrausrüstung, die er nach New York mitgenommen hatte, und machte sich sofort auf den Weg.

"Ich war schon während des Einsturzes da. Und dann habe ich 24 Stunden geholfen." 24 Stunden am Stück? Über die ungläubige Nachfrage lacht Dudek nur. Die kann nur von einem kommen, der keine Ahnung hat, was am Katastrophenort los ist. Von den Rettungskräften geht keiner nach Hause, der sich noch irgendwie auf den Beinen halten kann. Am ersten Tag, als noch nicht so zahlreiche Rettungskräfte am Einsatzort waren, gab es so gut wie keine Verschnaufpausen. "Alles war improvisiert. Die Feuerwehr hat Läden aufgebrochen. Wir haben aus einem Drogeriemarkt alles rausgeholt, was man für erste Hilfe verwenden kann, und ein provisorisches Sanitätszentrum aufgebaut."

Inzwischen hat sich die Situation geändert. Jetzt sind schon mehr Helfer und Material vor Ort, als die Einsatzleitung koordinieren kann. "Das ist typisch für die Zeit 24 bis 48 Stunden nach einer Katastrophe. Erst läuft alles durcheinander, dann wird koordiniert, und dann haben sie zum Schluss zu viel von allem." Die Helfer kommen von überall: aus St. Louis, Missouri, gerade hat Dudek Feuerwehrleute aus Indiana kennen gelernt, die sich sofort nach der Katastrophe auf den Weg nach New York gemacht haben, um zu helfen. Auch außerhalb der Absperrungen, die das gesamte Katastrophengebiet abriegeln, spürt Dudek überall die Hilfsbereitschaft der New Yorker. "Sie bringen uns Essen und Getränke." Auch amerikanischer Patriotismus sei allgegenwärtig. "Überall stehen Menschen mit Flaggen."

"Das Schlimmste war, dass die Jungs nichts gefunden haben"

Am ersten Tag war Dudek hauptsächlich damit beschäftigt, Kollegen zu betreuen, die sich zuvor ihren Weg durch den Schutt gebahnt hatten. "Hauptsächlich habe ich Leuten die Augen ausgewaschen. Die Helfer hatten alle hochrote Augen durch den feinen Staub. Außerdem hatten sie Atemprobleme, ich hab ihnen Sauerstoffspenden gegeben."

"Eigentlich", sagt Dudek, "war das Schlimmste, dass die Jungs nichts gefunden haben. Weil einfach nichts zu finden war." Die Berichte von Toten, die überall auf der Straße lägen, stimmten absolut nicht. "Ich habe keine Leichen auf der Straße gesehen. Ich habe die Leute zwar springen gesehen, aber auch diese Leute sind anschließend durch die Schuttmassen begraben worden. Ein Kollege hat zweieinhalb Stunden auf dem Trümmerfeld zugebracht, und nichts gefunden: keine Leichen, keine abgerissene Körperteile, nichts. Es gibt hier nur Staub, Beton, Stahl.. ."

"Es gibt hier nur Staub, Beton, Stahl..."
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"Es gibt hier nur Staub, Beton, Stahl..."

Dudek redet schnell, fast ohne Atem zu holen. Das Gesehene zu verarbeiten, dafür hatte er noch keine Zeit. "Ich denke nicht nach. Das darf man nicht", erklärt der Feuerwehrmann. "Ich habe glücklicherweise die springenden Personen auch nur von weitem gesehen. Aber ich habe gewusst, es sind Menschen..." Die Pause ist kurz. Dudek fasst sich sofort wieder: "Aber man muss weiterdenken." Als das Gebäude herunterkam und sich alle durch die Staubwolke gekämpft hätten, war er auch genügend damit beschäftigt, sein eigenes Leben zu retten. "Plötzlich war es Nacht hier in Manhattan."

Zuversicht haben Dudek und seine Kollegen kaum: "Die Chance, noch Lebende zu finden, ist praktisch Null. Das World Trade Center besteht aus riesigen Stahlteilen, die haben sich alle miteinander verkantet und verkeilt." Auch die Kräne könnten nicht zum Einsatz gebracht werden. "Die stehen nur rum. Es ist schwierig, schwierig, schwierig. Und dann immer wieder der Staub und das Gebäude, das ja immer noch brennt. Ich habe ja selbst den Staub einatmen dürfen, es ist sehr schwer zu atmen. Und wenn man in den Trümmern eingeschlossen ist, und vielleicht auch noch der Brustkorb eingeklemmt ist, bekommt man kaum Luft." Trotzdem gibt Dudek die Hoffnung nicht auf. "Es gibt immer wieder Wunder. Und deshalb werden wir nicht aufhören zu suchen."



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