Ein Jahr nach "Katrina" Leben im endlosen Albtraum

Ein Jahr nach "Katrina" leben die meisten Menschen in New Orleans weiter im Ausnahmezustand. Tausende Häuser sind zerstört, Geld für den Wiederaufbau fließt nur spärlich. Trotzdem plant die Stadtverwaltung jetzt eine fröhliche Jubiläumsfeier.

Aus New Orleans berichtet


New Orleans - Vickie Bell schließt die Tür ihres Wohnwagens auf, knipst das Licht an, fummelt mit der Fernbedienung des kleinen Fernsehers herum und plumpst auf einen Polstersitz. "Dies ist mein Zuhause", seufzt sie, und ihre Augen gucken einen halb amüsiert, halb traurig an. "Willkommen in New Orleans, post-'Katrina'."

Bells "Zuhause" ist ein winziger fahrbarer Container aus Aluminiumblech, aufgebockt in der Einfahrt ihres eigentlichen Zuhauses - eines einst schmucken Mittelklasse-Holzhauses an der Elysian Fields Avenue in New Orleans, das seit einem Jahr unbewohnbar ist. Denn hier in Gentilly, einem Viertel am Lake Pontchartrain, hat der Hurrikan "Katrina" im vorigen August besonders zugeschlagen: Die Sturmflut setzte diese Nordflanke der Stadt ganz unter Wasser.

Fast zwölf Monate ist das her. Für den Rest der Nation ist "Katrina" fast vergessen. Für Vickie Bell aber, eine alleinerziehende Mutter und Vorschullehrerin, ist das Leben, wie für viele hier, weiterhin "ein Albtraum". Ein Albtraum mit immer neuen, bitterbösen Kapriolen: So hat die US-Katastrophenschutzbehörde Fema Frau Bell den Schlüssel für ihren Container erst zu Beginn dieses Monats ausgehändigt. Obwohl er bereits seit Anfang des Jahres vor ihrer Tür steht - verschlossen.

Kein Cent von der Versicherung

Dies sind die kleinen, schmerzlichen Erniedrigungen, die die Menschen in New Orleans bis heute einstecken und deren Gründe keiner so richtig erklären kann. Nicht einmal die Hälfte der früheren Bewohner ist zurückgekommen. Fast 50.000 Haushalte im Großraum New Orleans werden nach jüngsten Fema-Angaben den ersten Jahrestag von "Katrina" in provisorischen Wohnwagen begehen, auf ihren zerstörten Grundstücken oder am Stadtrand, in slumähnlichen, schäbigen Containersiedlungen.

Ein Jahr nach "Katrina" bietet New Orleans einen bizarren Anblick: Im French Quarter hocken bereits wieder die Touristen am Tresen. Im Garden District strahlen die Villen in frischem Anstrich. Doch im Lower Ninth Ward und in Lakeview stapeln sich noch die stinkenden Trümmerberge. Und Vickie Ward lebt in einer heißen Blechbüchse.

Dabei hat ihr Haus, neben dessen Nummer 3723 bis heute die Sprühmarke der Bergungstrupps sichtbar ist, weniger Schaden erlitten als andere. Der Sturm deckte Teile des Dachs ab, das seither mit blauen Plastikplanen geflickt ist. Da die Dachziegel aber teuer sind, die Versicherung keinen Cent rausgerückt hat und auch staatliche Hilfsgelder weiter auf sich warten lassen, bleibt das Haus unbewohnbar.

Bürokratische Hindernisse

"So feiern wir also den ersten Jahrestag dieser wundervollen Flut", sagt Bell bitter. Die Stadt hat dazu, in verirrtem Frohsinn, Feuerwerke angekündigt, einen Jazz-Umzug, ein Gospelkonzert, einen Maskenball und eine Comedy-Night im Casino "Harrah's".

Derweil müssen es sich Abertausende Familien auf knapp 15 Quadratmetern einrichten. Mit Plastikblumen und Schmuckkissen versucht Vickie Bell, ihre Notbehausung "halbwegs gemütlich" zu gestalten. Was schwierig ist: Macht sie das Licht an, geht die Klimaanlage aus. Macht sie die Klimaanlage an, geht das Licht aus.

Ihren Job hatte Bell nach "Katrina" verloren, inzwischen arbeitet sie wieder als Teilzeitkraft. Mindestens einen Tag pro Woche braucht sie aber frei, um gegen die bürokratischen Widrigkeiten zu kämpfen: die Stadtverwaltung, die Fema, die Versicherung, die Bank, die Schulbehörde. Dazu hat sie sich extra ein Faxgerät zulegen müssen, das auf einem wackligen Beistelltisch im Wohnwagen steht. Sie ist auch fast die einzige im Viertel, deren Telefonanschluss funktioniert: "Da hatte ich einfach Glück."

"Keine Frauen, viel Besäufnis"

Glück im Unglück hatte auch Scott Barron. "Dies ist wie ein Krieg", sagt er. "Wirklich. Wir fühlen uns wie Veteranen eines Krieges." Das Haus des Hypothekenmaklers im Stadtteil Claiborne stand nach "Katrina" nur 1,30 Meter unter Wasser. Der größte Rest des Viertels war doppelt so hoch überflutet. "Wir haben alles im Erdgeschoss verloren", sagt Barron, ein unrasierter Mann mit müden Augen und, wie man es hier oft findet, viel notgedrungenem Galgenhumor. "Also alle guten, wertvollen Sachen. Das Gerümpel oben ist geblieben."

Seine Frau und seine drei kleinen Kinder zogen fürs erste zu Verwandten. Er selbst blieb in einem Trailer vor dem Haus und machte sich eigenhändig an die Renovierung. "Wenn wir uns auf den Staat verlassen", sagt er, "sind wir aufgeschmissen." Es waren harte Monate, und New Orleans wurde zu einer "Wildwest-Stadt": "Keine Frauen, voller Cowboys, viel Besäufnis."

Vom Erdgeschoss seines Hauses stehen heute nur noch die Holzskelette der Wände, während die Familie inzwischen wieder im halbwegs hergerichteten ersten Stock wohnt. Strom zapfen sie sich illegal ab, von einem Verteiler an der Straßenkreuzung, mit über 100 Meter langen Verlängerungskabel.

Selbsthilfe ist Trumpf. Barron ist der Präsident seiner Nachbarschaftsorganisation, und die hat begonnen, das Viertel langsam auf eigene Faust wieder bewohnbar zu machen. So haben die Kinder Straßenschilder handgemalt und an die verbogenen Masten gehängt, weil sich die auswärtigen Bauarbeiter dauernd verirrten.

Journalisten sollen draußen bleiben

Der Stadt und vor allem der Fema scheinen die Zustände, die sie den Leuten hier zumuten, peinlich. So hat die Fema allen Bewohnern der umzäunten Containerparks untersagt, mit Journalisten zu reden. Als sich Reporter neulich trotzdem in eine der Behelfssiedlungen wagten und sich die "entsetzlichen" Bedingungen beschreiben ließen, wurden sie von einem privaten Sicherheitsdienst rausgeschmissen.

Und so leben sie hier weiter im Ausnahmezustand: Jede Selbstverständlichkeit des Alltags wird zur Herausforderung. "Strom, Gas, Licht, Telefon, Wasser", sagt Barron, der bis heute auf 210.000 Dollar wartet, die die Versicherung zugesagt hat, und derweil sämtliche Ersparnisse verbraucht hat. "Um alles muss man kämpfen, feilschen, bangen."

Zwar existierten zur Jahreswende schon erste Pläne für einen Wiederaufbau von New Orleans. Doch alle Beschlüsse gingen kurz darauf im Kommunalwahlkampf verloren, bei dem Bürgermeister Ray Nagin es schaffte, sich trotz der skandalösen Verhältnisse in der Stadt im zweiten Wahlgang wiederwählen zu lassen.

Erst jetzt wird ein neuer Anlauf gemacht: Anfang August rief die Rockefeller Foundation zu zwei Planungstreffen, bei dem Bürger und Stadtplaner eingebunden werden sollten. Der Andrang im kleinen Pavillon des Stadtparks ist enorm, die Atmosphäre aufgeheizt. Auch Vickie Bell erscheint mit ihren Freundinnen. "Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo wir zu allen Zugeständnissen bereit sind", sagt sie. "Hauptsache, es bewegt sich was. Irgendwas."



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