Ein Jahr nach "Katrina" Wettrennen mit dem Killersturm

Ein Jahr nach "Katrina" lebt New Orleans weiter in Angst. Die Hurrikan-Saison hat begonnen, doch nicht alle Deiche sind geflickt - und auch die neuen, sündhaft teuren Fluttore werden machtlos bleiben gegen einen starken Sturm. Ein Ortstermin an der vordersten Front der Deichbauer.

Aus New Orleans berichtet


New Orleans - Lakeview, ein einst vornehmes Wohnviertel im Norden von New Orleans, ist bis heute eine Geisterstadt. Auch ein Jahr nach "Katrina" sind Abertausende Häuser hier noch abbruchreife Ruinen. Der gröbste Schutt ist zwar weggeräumt. Ansonsten aber erstreckt sich zwischen dem City Park, dem 17th Street Canal und dem Lake Pontchartrain weiter ein kilometerweites, apokalyptisches Trümmerfeld.

Die meisten Gebäude sind leere Hülsen. Einige ruhen immer noch da, wo sie hingeschwemmt wurden, zerschmettert, krumm, kopfüber. Am Straßenrand türmt sich Müll, während an den Strommasten die Werbeschildchen der neuen Boom-Branchen kleben: Abbruchkommandos, Versicherungsagenten, Kredithaie. Es riecht nach Schimmel, Fäulnis, ätzender Verwesung.

In Lakeview zeigt sich die triste Realität, zwölf Monate nach der größten Naturkatastrophe der US-Geschichte, bei der fast ganz New Orleans überflutet wurde: Die Stadt ist weiter nur ein Schatten ihrer selbst. Von der halben Million Einwohner, so eine Studie der Rand Corporation, sind zum ersten "Katrina"-Jahrestag gerade mal 198.000 übrig geblieben, Durchhalter oder Heimkehrer. Außerhalb der Downtown und der Touristenmeile des French Quarters sind weite Strecken der Stadt bis heute unbewohnt - und unbewohnbar.

Das hat viele Gründe. Bürokratie, Unfähigkeit der Behörden, ein Versiegen der Gelder aus Washington, widerspenstige Versicherungen, Trauma, Angst. Einer der stärksten Gründe aber offenbart sich in Lakeview, wo der Lake Pontchartrain im Morgengrauen des 29. August 2005 über 140 Meter Deiche wegriss - und wo sie seit Monaten verzweifelt versuchen, ein neuerliches Desaster zu verhindern. Es ist ein Wettrennen gegen die Zeit und die Natur. Denn dass der nächste Killersturm die Stadt heimsucht, ist nur eine Frage der Zeit.

"Dies ist das größte Projekt, an dem ich je gearbeitet habe", sagt Anthony St. Philip, den sie alle nur Tony nennen. "Wenn wir fertig sind, ist die Stadt sicher, und die Leute können ohne Furcht zurückkommen." Er faltet die Hände zum Pseudo-Gebet. "Hoffen wir's mal."

Rostfarbenes Ungetüm

Denn bis dahin ist noch viel zu tun. "Wir zielen auf eine bewegliche Zielscheibe", seufzt St. Philip, ein wettergegerbter Mann, und blickt über die Großbaustelle, wo der 17th Street Canal in den See mündet. St. Philip arbeitet für eine Baufirma, die dem Ingenieurskorps der US-Armee seither hilft, die Deiche zu flicken und neue Schutzvorrichtungen zu schaffen. Es ist ein Unterfangen von militärischer Präzision, dessen Chefs von Amts wegen Uniform tragen.

Ein unablässiges Rattern zerreißt die Schwüle. Bagger kurven durch den Schlamm. Rund 50 Männer schuften hier vor der gespenstischen Kulisse Lakeviews, rund um die Uhr, in Zwölf-Stunden-Schichten. Nicht nur Amerikaner, sondern auch Chinesen, Malaysier, Brasilianer, Polen, Italiener, Niederländer, sogar Deutsche. Die Niederländer schätzt St. Philip besonders: "Die verstehen was vom Deichbau."

Immerhin, die bisherige Bilanz des vom Korps beaufsichtigen Mammutprojekts New Orleans ist beachtlich: Über 80 Prozent der auf 265 Kilometern zerstörten Deiche sind repariert. Auch den Deich am 17th Street Canal haben sie mit stählernen Spundwänden, die von 100-Tonnen-Presslufthämmern in den Boden geschmettert wurden, wieder auf die alte Höhe gebracht. "Pre-Katrina-Level", sagen sie dazu: So gut, so schlecht, so (un)sicher wie "vorher" - den Rest kann sich jeder selbst ausrechnen.

Unterdessen nimmt an der Kanalmündung ein rostfarbenes Ungetüm erste Gestalt an. Es ist der Stolz der Deichbauer - und die beste, wenn nicht einzige Hoffnung der hier Verbliebenen. Ein eiserner Vorhang aus Stahltoren, eigens für dieses Jahrhundertprojekt konstruiert: Tief ins Wasser eingelassen, sich 15 Meter hoch daraus auftürmend und an hydraulische Motoren gekoppelt, sollen diese modernen "Fluttore" hier und an zwei weiteren Stellen New Orleans vor dem endgültigen Untergang retten - ein letzter Schutz, wenn alles andere versagt hat.

Die Sache mit dem Regen

In seinem Baucontainer zeigt St. Philip eindrucksvolle Konstruktionszeichnungen vor. An der Wand hängt ein Kalender, auf dem jeder Tag fett ausgekreuzt ist. Man hinkt dem Zeitplan hinterher; so konnte der Einbau der Tore erst im März beginnen, als der Kongress endlich das Geld bewilligt hatte. Mindestens 60 Millionen Dollar kosten allein die Tore hier, inklusive mannshoher Pumpen, die aussehen wie überdimensionale Abflussrohre. Insgesamt hat das Ingenieurskorps für das Projekt New Orleans sechs Milliarden Dollar veranschlagt.

Doch die Natur wehrt sich. Teile des Baulands sinken stetig ab, weshalb die Pläne immer wieder neu umgeschrieben werden müssen und sich fast täglich weiter verzögern. Und dann ist da noch die Sache mit dem Regen.

Der Regen, so stellt sich heraus, macht die Fluttore kontraproduktiv. Naht ein Sturm, sollen sie geschlossen werden, damit der Lake Pontchartrain, der bei "Katrina" um zwei Meter anschwoll, nicht in die Kanäle drückt und deren Deiche bricht. Die dichten Stahltore verhindern zugleich aber auch, dass die Regengüsse eines Hurrikans schnell genug wieder in den See und den Mississippi abfließen - trotz der Pumpen, die sowieso erst ab September betriebsfähig sind. Mit dem Resultat, dass die Stadt nicht von außen, sondern von innen geflutet würde.

Das Ingenieurskorps hat das Dilemma mit Computergrafiken illustriert. Demnach stünden bei 76 Millimetern Regen erste Straßen unter Wasser. Bei 228 Millimetern, der "Katrina"-Menge, würden dieselben Viertel wie damals überspült - 75 Prozent von New Orleans.

"Wir waren mitverantwortlich"

Dieses Problem stellt sich den Deichbauern erstmals, als sich Anfang August der Tropensturm "Chris" in der Karibik zusammenbraut. "Wenn der hierher kommt", sagt Bauingenieur Jerry Baggett, der gerade die letzten Sturmwarnungen gehört hat, "dann stecken wir ganz schön in der Scheiße." Zum Glück zerreibt sich "Chris" nur Tage später.

Für Oberst Richard Wagenaar ist die Frage der Sicherheit hier denn auch eher eine Glaubensfrage. "Wir bauen nicht nur Deiche", sagt der Chef des Hurrikan-Schutzkommandos beim Ingenieurkorps, ein bedächtiger Offizier, der sich dieses Projekt zur Lebensmission gemacht hat und der aus seinem Bürofenster am anderen Ende der Stadt direkt auf den Mississippi blickt. "Langfristig geht es darum, auch das Vertrauen der Bevölkerung wieder aufzubauen, damit sie zurückkehren können."

Doch wer kann den Deichbauern überhaupt noch trauen? "New Orleans ist vom Korps betrogen worden", schimpfte Senator John McCain, als sich herausstellte, dass schlampige Deichkonstruktion durchs Ingenieurskorps mit zur Katastrophe geführt hatte. "War das Korps schuld?", fragt Jeffrey Bedey, der oberste Korpskommandeur von New Orleans, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich würde lieber sagen: Wir waren mitverantwortlich."

Müßige Semantik. "Mutter Natur wird immer wieder Größeres gegen die Schutzsysteme schleudern", schreibt das Korps in einem Bericht. "Die Menschen müssen erkennen, dass es die Bedrohung immer geben wird." Auch die Bauarbeiter scheinen sich ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher. "Das nächste Mal, nur weg von hier", sagt Baggett, der "Katrina" damals noch in seinem Haus aussaß. Kollege St. Peter stimmt zu: "Man verliebt sich schnell in New Orleans, fürs Erste werde ich also wohl hier bleiben. Aber sobald mein Sohn auf dem College ist, kann es sein, dass ich fortziehe."

Nur ein paar hundert Meter weiter, in der Metropolitan Baptist Church von Lakeview, da keimt frommer Optimismus. Hammerschläge sind hörbar. "Er ist wiederauferstanden", steht auf einem Plakat. "Und das werden wir auch."



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