Eine Deutsche in Kapstadt Mord ist ihr Alltag

Eine Pistole kostet hier fünf Euro und ist damit mehr wert als ein Menschenleben. Sophia Zittel lebt an einem der gefährlichsten Orte der Welt, wo Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind: im Township Guguletu im südafrikanischen Kapstadt. Die Deutsche sagt: "Ich liebe es."

Sven Böll

Aus Kapstadt berichtet


Heute Nacht wurde sie wieder von einer Schießerei wach. Normal sind zwei, höchstens drei Schüsse, das ist sie gewohnt. Dieses Mal hörte Sophia Zittel erst bei 40 auf zu zählen. Kaum war es vorbei, schlief sie wieder ein, als wäre nichts passiert. Die restliche Nacht blieb es ruhig, immerhin.

Zittel wohnt nahe einer Shebeen, den oft halbillegalen Kneipen in Südafrika, in denen rivalisierende Gangs auch das erledigen, was sie "unvollendete Aufgaben" nennen. Zittel ist häufig Ohrenzeugin der Verbrechen, weil die 26-Jährige nicht irgendwo in Kapstadt lebt. In einem beschaulichen Dorf nahe Freiburg aufgewachsen, hat sie seit anderthalb Jahren ein kleines WG-Zimmer in einem Häuschen in Guguletu.

Gugs, wie die Einheimischen das Township im Südosten der Stadt nennen, ist eine der gefährlichsten Ecken Südafrikas - und damit wohl der gesamten Welt. Mehr als 300.000 Menschen leben hier, die Faustformel lautet: Ein Drittel leidet an Aids, vier von zehn hausen in Baracken, die Hälfte ist arbeitslos.

99 Prozent der Einwohner sind Schwarze, ein Prozent Farbige. Weiße kommen hier höchstens mal als Touristen mit einer organisierten Tour her und sind froh, wenn sie heil wieder rauskommen. Entsprechend erlebte Zittels Vermieterin den Schock ihres Lebens, als die Deutsche vor der Tür stand, um das Zimmer anzugucken. Den Gedanken, dass eine Weiße freiwillig herziehen würde, hielt sie für so abwegig, dass sie sich gar nicht mehr einkriegte. Immer wieder fragte sie ungläubig: "Willst du das Zimmer wirklich haben?"

Ja, sie wollte. Seit fünf Jahren arbeitet Zittel im Gemeindezentrum iThemba Labantu, das der deutsche Pastor Otto Kohlstock im benachbarten Township Philippi aufgebaut hat. Für die Ärmsten der Armen bietet es unter anderem Vorschule, Suppenküche und Hospiz. Zittel hat die Jugendarbeit aufgebaut, lernte die Familien der Kinder kennen und freundete sich mit den Einwohnern an. Irgendwann wollte sie richtig dazugehören.

Die Kinder müssen sich selbst großziehen

Wenn sie durch die staubigen Straßen geht, die keine Namen, nur Nummern haben, winken ihr die Menschen freundlich zu, Kinder kommen in Scharen angelaufen. Redet sie mit ihnen im Township-Slang, dieser Mischung aus der Sprache Xhosa und Englisch-Brocken, wirkt Zittels Guguletu fast wie eine kleine, heile Welt. Doch wenn es dunkel wird, trauen sich selbst die Einheimischen nicht mehr vor die Tür. Dabei sind selbst ihre Wohnungen meist nur spärlich gesichert. Am Garagentor des Hauses, in dem Zittel lebt, gibt es nur ein kleines Vorhängeschloss. Wer es geknackt hat, steht fast schon in der Küche.

Guguletu, das übersetzt "Unser Stolz" bedeutet, entstand zu Apartheid-Zeiten für die schwarze und farbige Bevölkerung, die nicht im Zentrum Kapstadts wohnen durfte. Im Vergleich zu früher gibt es heute mehr Häuser aus Steinen, geteerte Straßen und Wasserleitungen. Doch für die meisten Bewohner hat sich seit dem Ende der Weißen-Herrschaft kaum etwas gebessert.

Viele Mütter sind alleinerziehend und haben mehrere Kinder von mehreren Männern, die sich alle nicht um den Nachwuchs scheren. Sobald die Kleinen laufen können, müssen sie es auch sinnbildlich - und sich selbst großziehen. Sie wachsen auf in einer Welt, in der Drogen, Prostitution und Aids genauso Alltag sind wie die Gangs und die Gewalt.

Statistisch wird alle drei Tage jemand in Guguletu umgebracht, eine Pistole gibt es schon für fünf Euro, ein Menschenleben ist fast nichts wert; jeden zweiten Tag wird eine Frau sexuell missbraucht, wenn die Männer am Wochenende trinken, ist es besonders schlimm; alle paar Stunden kommt es zu einem Raub oder Einbruch, Privateigentum ist de facto Allgemeingut.

"Zweimal war es wirklich knapp"

Und das alles ist - wenn überhaupt - nur die halbe Wahrheit. Es sind die Zahlen der offiziellen Statistik. Weil die Polizei überfordert ist, melden die meisten Bewohner Zwischenfälle erst gar nicht. Zittel, so deutsch war sie dann doch, ging anfangs brav aufs Revier, wenn etwas passierte. Seit dort ein Poster hängt, das erklärt, was zu tun ist, wenn man Augenzeuge eines Mordes an einem Polizisten wird, bleibt sie zu Hause. Sie hat verstanden, dass die sogenannten Ordnungshüter oft schon mit ihrem eigenen Schutz überfordert sind.

Es ist diese permanente Unsicherheit, die den Alltag in Guguletu für normale Gemüter eigentlich unerträglich macht. Wer bei Weißen nachhakt, ob sie es Zittel gleichtun würden, guckt in Gesichter, die dem Fragenden Unzurechnungsfähigkeit attestieren. Selbst Zittels schwarze Freunde, die hier aufgewachsen sind und es rausgeschafft haben in das erfolgreiche, wohlhabende, bessere Südafrika, sagen, es sei doch jetzt wirklich mal gut, sie solle endlich wegziehen.

"Klar, es ist nicht sicher, mir kann immer und überall etwas passieren", sagt Zittel. "Aber ich mache mir keine Sorgen, weil ich die Gewalt eh nicht abschaffen kann." Es ist nicht so, dass sie den Extra-Nervenkitzel sucht. Sie hält sich an die ungeschriebenen Gesetze, die zumindest Sicherheit suggerieren. Ist es dunkel, ignoriert sie rote Ampeln; sie gibt Gas, wenn jemand auf ihr Auto zukommt; und falls ein Mann hilfesuchend auf der Straße liegt, fährt sie einfach weiter.

Doch selbst das schützt nicht vor dem Ernstfall. "Zweimal war es wirklich knapp", sagt Zittel in einem Tonfall, als rede sie übers Wetter. Nur ihre schnelle Reaktionsfähigkeit habe sie da noch gerettet. Einmal war sie nachmittags zusammen mit einer Freundin in ihrem alten Citi Golf auf dem Weg nach Hause. Es war noch hell, sie warteten an einer Ampel, quatschten, passten einen Moment nicht auf. Da hatten sie die Frontscheibe auf ihren Schößen. Einfach nur weg, dachte Zittel, fuhr ein paar Meter zurück, schaltete, drückte das Gaspedal durch und raste über das, was hier der Bürgersteig ist, davon.

Physisch zu überleben, ist das eine. Um den Alltag auch psychisch durchzustehen, muss man extrem gut verdrängen können: Den Einheimischen erzählte Zittel von der Auto-Attacke erst, als sie fragten, warum ihr Golf keine Scheibe mehr hat. "Du bist nur knapp einer Entführung entkommen", sagten sie betroffen. Doch erst als ihr Bruder abends am Telefon fragte, was einer Frau in Südafrika eigentlich bei einer Entführung passiere, machte Zittel sich die Folgen wirklich bewusst: "Wahrscheinlich hätten sie mich vergewaltigt und dann erschossen."

"Sie würden mich rächen"

Wer der zierlichen, schüchternen Frau einige Zeit zugehört hat, glaubt ihr, dass sie weiß, auf was sie sich eingelassen hat. Und er nimmt ihr sogar ab, dass sie sich nicht permanent fürchtet. Fast scheint es, als sorge sich Zittel mehr um die anderen als um sich selbst. Ihrer Familie gestand sie erst nach und nach, was es mit der neuen Adresse auf sich hat. Und wenn Besuch aus Deutschland da ist, gibt sie die Order aus: "Keinen einzigen Schritt ohne mich!"

Aufpassen ja, aber bloß nichts dramatisieren - das ist ihr Guguletu-Prinzip: "Dafür, dass ich in einer so gefährlichen Gegend wohne, ist mir bislang doch wenig passiert."

Und trotzdem: So tief in ein Land einzutauchen wie möglich, ist das eine. Aber sich so lange einem solchen Risiko aussetzen?

Zittel überlegt, sie hat keine vorgefertigte Antwort. "Ich bin ja freiwillig hier", sagt sie zögernd. Und wird dann entschlossener: "Ich habe das innere Gefühl, meine Aufgabe und meinen Platz gefunden zu haben. Im Moment will ich nirgendwo anders leben, ich liebe es hier!" Trotz ihrer existentiellen Probleme hielten die Menschen zusammen, seien warmherzig und hätten eine positive Lebenseinstellung.

Außerdem ist sie noch lange nicht dort angekommen, wo sie hinwill: Wenn ihre Freunde sie auf eine Feier einladen, wird sie noch immer bevorzugt behandelt. Dabei möchte sie, die Weiße, nur eine von vielen sein.

Ach ja, und dann gibt es da noch zwei Dinge, die ihr ein ziemlich gutes Gefühl geben. Die Nachbarn haben gesagt: "Toll, dass du hier lebst, dir soll nie etwas passieren." Und mit ihrer Arbeit im Gemeindezentrum hat sie vielen Halbstarken einen Weg aus der Verwahrlosung aufgezeigt. Sie glaubt, dass einige ihr dafür auf immer und ewig dankbar sind: "Wenn mir etwas passiert, werden sie rausfinden, wer es war, und mich rächen."



insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
hennochk 19.12.2011
1.
Zitat von sysopEine Pistole kostet hier fünf Euro und ist damit mehr wert als ein*Menschenleben. Sophia Zittel lebt an*einem der gefährlichsten Orte der Welt, wo Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind:*im Township Gugulethu im südafrikanischen Kapstadt. Die Deutsche sagt: "Ich liebe es". http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,802364,00.html
Dyptisch Deutsch ist es, die selbstverschuldeten Probleme von Dritten, zu den eigenen zu machen.
davidnopotis 19.12.2011
2. Mädchen, bring dich in Sicherheit...
es ist eine falsch verstandene Nächstenliebe, ein Gutmenschentum, das die junge Frau bewegt sich dermaßen in Gefahr zu begeben. Es hilt niemanden wenn sie selber vergewaltigt und mit AIDS infiziert oder gleich umgebracht wird, sagen wir mal wegen einer Sonnenbrille. Ich wurde in Südafrikan innerhalb von 24 Sunden zweimal überfallen bzw. bestohlen. Einmal durch vier Halbstarke die mich auf offener Straße von vorne und hinten gepackt, ausgeraubt und geschlagen haben. Diese Land hat genug Menschen die, wenn sie nur wollen, sich selber und Bedürftigen helfen können. Diese Hilfe muß von der eigenen Regierung nur organisiert und veranlasst werden.
vlupme 19.12.2011
3. .
Es ist zwar ganz nett das sie helfen will aber es gibt andere Orte auf der Welt auf der diese Hilfe sinnvoller ist als in einem gefährlichen Slum, es ist wohl wirklich nur eine Frage der Zeit bis etwas passiert.
herbert 19.12.2011
4. Der Bericht ist voellig ueberzogen !
Zitat von sysopEine Pistole kostet hier fünf Euro und ist damit mehr wert als ein*Menschenleben. Sophia Zittel lebt an*einem der gefährlichsten Orte der Welt, wo Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind:*im Township Gugulethu im südafrikanischen Kapstadt. Die Deutsche sagt: "Ich liebe es". http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,802364,00.html
In Kapstadt leben ca. 60000 Deutsche und sie leben immer noch ! Kapstadt ist sicher es sei denn man geht in wirkliche Problemviertel. Aber wodurch unterscheidet sich Kapstadt von Frankfurt am Main? In FraNKFURT kann man die S oder U Bahn kaum verlassen weil einem die Fixer das letzte Hemd klauen. Kapstadt ist eine wunderbare Stadt und sie ist sicher !
Das-tobende-Steuerschaf 19.12.2011
5. ich frage mich...
Zitat von sysopEine Pistole kostet hier fünf Euro und ist damit mehr wert als ein*Menschenleben. Sophia Zittel lebt an*einem der gefährlichsten Orte der Welt, wo Mord und Vergewaltigung an der Tagesordnung sind:*im Township Gugulethu im südafrikanischen Kapstadt. Die Deutsche sagt: "Ich liebe es". http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,802364,00.html
...warum diese offenbar vom Nervenkitzel abhängige junge Frau dafür klilmaschädlich bis Südafrika fliegen musste. Ähnliche Verhältnisse kann sie in manchen Pariser Vororten oder in Teilen von Brüssel u.v.a. europäischen Städten auch haben - und ihre Eltern können sie öfters besuchen. Aber nein, es muss Südafrika sein! Schon irgendwie etwas egoistisch.
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