Einfach genießen Alles Latte beim Kaffee

Die Café-Kultur blüht, die Bohne ist sogar trendy. Doch dafür gibt es beim Konsumenten zwischen Mocha, Macchiato, Latte, Espresso und Co. erstaunlich wenig Qualitätsbewusstsein - Hauptsache, man trinkt in Gesellschaft.

Kaffee-Genuss: Getrunken wird außer Haus
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Kaffee-Genuss: Getrunken wird außer Haus

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Was wären wir ohne unsere südlichen Nachbarn? Nichts als Banausen. Schließlich verdanken wir ihnen auf dem Weg vom kulinarischen Normalverbraucher zum genussfähigen Homo sapiens wichtige Impulse. Wie gut Kaffee schmecken kann, brachten uns die Österreicher und Italiener bei: Der kleine Schwarze als optimaler Genuss, das ist ein Begriff von Flensburg bis Passau.

Früher drohte die gastronomische Höchststrafe gleich nach dem Essen: das dünne Tässchen Kaffee, gern auch in der verschärften Kännchen-Form, gebrüht mit viel zu wenig Kaffeemehl, dessen Bohnenaroma zuvor mechanisch erschlagen worden war.

Derzeit verbinden sich Tradition und Zeitgeist: In rasender Geschwindigkeit hat sich in den Städten eine moderne Kaffeehauskultur gebildet. Eine Melange aus Modediktat und Genießertum, die vor allem von kultivierter Bequemlichkeit beim Konsum gekennzeichnet ist. Dabei blieb der heimische Genuss auf der Strecke: Getrunken wird außer Haus!

Doch hier ist weder alles Latte noch Espresso: Wer den Extrakt aus der Bohne wirklich zu schätzen weiß, zelebriert ihn klassisch gefiltert. Selbstredend von Hand bereitet, mit Geduld, nach traditioneller Art.

Wenn das kochende Wasser den ersten Kontakt mit dem locker gehäuften Kaffeemehl hat, baut sich ein Duft auf, den man mit keiner anderen Kochmethode erlangt. Die Nase jubiliert. Es erwächst ein ganzer Aromenraum voll Atmosphäre, eine olfaktorische Kuscheldecke.

Mahlen, mörsern, nicht zerschlagen

Doch vor diesem Duft steht ein Ritual, das Geschick und Übung erfordert, vor allem aber Zeit, einen Porzellanfilter und natürlich eine Hand-Kaffeemühle. Diese wird unheimlich zickig und prätentiös zwischen den Knien gehalten und mit der Kurbel bedient. Es sieht aus wie bei Oma auf dem Sofa, doch der Effekt ist es wert. Man muss die neue alte Mühle wirklich nicht in der Studienratsboutique "Manufactum" erwerben, denn inzwischen hat sich auch beim normalen Küchengerätehandel herumgesprochen, worin die Qualität dieses archaischen Geräts besteht.

Es liegt buchstäblich in Ihrer Hand: Aromatischer Bohnenkaffee wird eben gemahlen, nicht geschreddert wie bei vielen elektrischen Mühlen (bei denen heißt es auch nicht ohne Grund "Schlagwerk"). Langsam, quasi gemörsert, und nicht zu fein zerteilt, erschließt sich das Aroma am besten. Daher sind eher größere Behältnisse vonnöten: Spezialisten bevorzugen für gefilterten Bohnenkaffee und eine extra grobe Mahlweise die sogenannte Karlsbader Kanne. Die ist schwierig zu bekommen und nicht billig. Die Porzellankanne und der passende, ebensolche feste, poröse Filter (ohne Papierverwendung) kosten um die hundert Euro - doch bei einem Geschmackstest von mehreren Verfahren (so im "Feinschmecker") gewann das Teil vor anderen Brühverfahren.

Das alles ist aufwendig, kostet Zeit und Geld. Doch die verfeinerte Kaffee-Orgie soll ja kein Allerweltserlebnis sein. Für den schnellen Genuss gibt's schließlich den Espresso. Natürlich wird auch der stets mit frisch gemahlenem Pulver zubereitet - jede professionelle Maschine hat ihre Mühle integriert.

Wenn Sie in Kneipen und Restaurants eines dieser hübsch und modern anmutenden Geräte bemerken, das auf Knopfdruck arbeitet, vergessen Sie gleich ihre Espressolust - und bestellen Sie nach dem Essen lieber Kaiser-Natron oder Underberg. Denn aus diesem elektrischen Kaffeekiller kommt bestenfalls heißes, meist aromafreies und dünnes Ungemach.

Design heilt alle Wunden

Immer mehr Feinkost- und auch Teegeschäfte führen Kaffeesorten aus speziellen Lagen und Herkunftsgebieten, vergleichbar den Weinbaugebieten. Den einen führt der Geschmack eher nach Brasilien, den anderen nach Mexiko - einfach probieren! Und wenn es sich um ein Fachgeschäft, gar mit eigener Rösterei handelt, wird Ihnen bestimmt jemand Kaffee nach Maß anbieten. Sei es die magenfreundliche Sorte Maragogype oder die exclusive und teure Excelsa - es gibt viel zu entdecken. Hier steigt dann schnell der Preis: Für 250 Gramm besten Espressos werden auch mal 25 Euro fällig.

Die Supermärkte haben ebenso aufgerüstet und bieten beim Kaffee häufig ein ambitioniertes Sortiment an. Auch lohnt der Blick über die Grenzen, zum Beispiel nach Österreich. Aus dem Traditionshaus Meinl war mein Favorit lange Jahre die schlichte Sorte "Präsident", die es inzwischen auch in Deutschland gibt. Die ist nicht besonders teuer, aber aromatisch und würzig.

Natürlich können Sie sich statt des Mahlens von Hand auch für eine Designmaschine mit Pads oder Kapseln entscheiden, todschick, vollautomatisch und zu empfehlen, wenn's hauptsächlich schnell gehen soll und Geld keine Rolle spielt. Denn auch der Kaffee zur Maschine hat seinen gehobenen Preis.

Der Geschmack des Automaten-Heißgetränks stellt durchaus zufrieden. Alles reine Gewöhnungssache. Fashion Victims habe eine hohe Schmerzschwelle - und Design heilt alle Wunden.

Am meisten haben wohl die Kaffeekonzerne von den neuen Maschinen, denn der Preis des Rohstoffs konnte elegant angehoben werden. Vielleicht kommt ja per "Fair Trade" davon sogar etwas bei den Kaffeebauern an. Ein Pfund für derzeit weniger als drei Euro beim Discounter - das ist sogar für Mittelklasse-Qualität nicht preiswert, sondern absurd billig. Werten Sie Ihren Kaffeegenuss mit Qualität ein wenig auf: Bei der Schokolade hat sich's ja auch herumgesprochen, dass es noch ganze Welten von Geschmack zu entdecken gibt..



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