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Einigung mit Fracking-Unternehmen: Maulkorb für eine ganze Familie

Umstrittene Fördermethode Fracking: Gier nach Pennsylvanias Gas Fotos
REUTERS

Kein Wort über Fracking, nie wieder: Familie Hallowich aus dem US-Staat Pennsylvania hat 750.000 Dollar von einem Energiekonzern bekommen - und schweigt im Gegenzug zu der umstrittenen Fördermethode. Der Maulkorb soll auch für die minderjährigen Kinder gelten. Geht das?

Mount Pleasant - Kann man minderjährigen Kindern vorschreiben, ihr Leben lang zu einem Thema zu schweigen? Darüber wird im Fall der Familie Hallowich aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania gestritten. Der Fall beginnt im Jahr 2011: Die Familie - Mutter Stephanie, Vater Chris, ihre damals siebenjährige Tochter und ihr zehnjähriger Sohn - lag mit den Firmen Range Resources, Williams Gas/Laurel Mountain Midstream und MarkWest Energy im Streit.

Es ging um das Vier-Hektar-Grundstück der Hallowichs in Mount Pleasant, einer Gemeinde im Südwesten Pennsylvanias nahe Pittsburgh. Mount Pleasant liegt im Marcellus-Becken, einer Gegend im Nordosten der USA mit großen Gasvorkommen. Dieser Bodenschatz weckt bei vielen Firmen Begehrlichkeiten, die Gasvorkommen sollen die USA unabhängiger von Importen machen.

Um die Vorräte ausbeuten zu können, setzen die Unternehmen Fracking ein. Bei der Methode werden Wasser, Sand und Chemikalien in Gesteinsschichten gepresst, um Gas oder Öl freizusetzen. Was das bedeutet, bekamen die Hallowichs unmittelbar zu spüren: Neben ihrem Grundstück standen mehrere Kompressorstationen, an vier Stellen wurde gebohrt. Zudem gab es ein mehrere Hektar großes Auffangbecken für Wasser.

Die Hallowichs waren immer Fracking-Gegner gewesen. Das Paar fürchtete einen Wertverlust seines Anwesens und sorgte sich um die Gesundheit seiner Kinder. Diese litten unter brennenden Augen sowie Kopf- und Ohrenschmerzen. Und das Trinkwasser der Familie war nach Überzeugung der Eltern kontaminiert. Die Firmen nebenan bestritten, dass ihre Arbeit Ursache der Beschwerden sein könnte.

Wie soll man jedes Wort seiner Kinder kontrollieren?

Irgendwann hatten die Hallowichs genug. Sie wollten nur noch eines: Weg aus dieser Umgebung. Also einigten sie sich mit den Firmen. Die zahlten 750.000 Dollar an die Familie - und ließ sich im Gegenzug von den Hallowichs zusichern, ihre Gesundheit sei durch die Gasförderung nicht beeinträchtigt worden. Ohne diese Klausel, so die Familie, hätte es keine Einigung gegeben, die Firmen hätten darauf bestanden.

Das Abkommen enthielt noch einen weiteren Passus: Die Familie sicherte zu, ihr Leben lang nie wieder über Fracking oder das Marcellus-Becken zu sprechen. Und das sollte auch für die Kinder gelten. Nun fragen sich nicht nur die Eltern, wie das gehen soll.

Mutter Stephanie sagte den Unterlagen zufolge, sie sei unsicher, wie sich die Klausel mit den Rechten ihrer Kinder vertrage - zumal ohnehin fraglich sei, ob die Kleinen die Abmachung verstehen würden. Vater Chris fragte, wie man jedes Wort der Kinder kontrollieren solle, etwa, wenn sie beim Spielen mit Gleichaltrigen seien.

Der Maulkorberlass wurde erst jetzt bekannt, weil die Zeitung "The Pittsburgh Post-Gazette" bei Gericht im Bezirk Washington, in dem Mount Pleasant liegt, Akteneinsicht beantragte. Selbst Richter Paul Pozonsky soll bei der Vereinbarung gestutzt haben. Auf die Frage der "Post-Gazette", ob die Abmachung auch für die Kinder bindend sei, antwortete er, inzwischen in Rente: "Das ist eine Frage für die juristische Fakultät."

In den mehr als 900 Seiten wird ein Anwalt von Range Resources zitiert: Die Position der Firma sei, dass der Maulkorberlass für die ganze Familie gelte. "Wir würden ihn sicherlich durchsetzen." Auf Nachfrage der "Post-Gazette" teilte ein Unternehmenssprecher allerdings mit, man teile die damalige Auffassung des Anwalts nicht; man sei nicht der Ansicht, die Schweigevereinbarung umfasse auch die Kinder.

Peter Villari, Anwalt der Hallowichs, hält das aber nicht für glaubwürdig. Der Unternehmensanwalt habe damals den Gerichtsunterlagen zufolge eindeutig gesagt, er spreche im Namen der Firma und die Regelung beziehe sich auch auf die Kinder. In jedem Fall, so Villari, würde er begrüßen, wenn Range Resources ihre neue Position schriftlich festhalte.

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insgesamt 66 Beiträge
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1. dann unterschreibt man sowas nicht
hmueller0 06.08.2013
... wenn man sich nicht sicher ist, wie die Auswirkungen sind und wie es sich mit Rechten zB der Kinder verträgt. Und 750.000 Dollar klingt viel - dürften gerade mal so 500.000 EURO +/- sein - dafür bekommt man macherorts in DE gerade mal ein EFH. Außerdem dürfte ihr Grundstück (das künftig evtl wertlos ist) auch etwas wert gewesen sein. Jedenfalls ein ziemlich bescheidener Betrag wenn es um die Gesundheit einer x-Köpfigen Familie geht. Von der moralischen Seite - von wegen sich kaufen lassen - will ich mal garnicht anfangen.
2. Killerkommando...
Koana 06.08.2013
Zitat von sysopREUTERSKein Wort über Fracking, nie wieder: Familie Hallowich aus dem US-Staat Pennsylvania hat 750.000 Dollar von einem Energiekonzern bekommen - und schweigt im Gegenzug zu der umstrittenen Fördermethode. Der Maulkorb soll auch für die minderjährigen Kinder gelten. Geht das? http://www.spiegel.de/panorama/einigung-mit-fracking-unternehmen-maulkorb-fuer-eine-ganze-familie-a-915122.html
... dürfte viel teurer kommen. Nur was folgert ein halbwegs skeptischer Zeitgenosse aus der Tatsache, dass man - für den Normalbürger zumindest so einzustufen - ein kleines Vermögen dafür bekommt, nicht über den Dreck zu sprechen, der vor der Haustüre abläuft? Die Familie kann ich in dem Moment verstehen, wo sie ihre Koffer packt und abhaut, dann hat sie den Maulkorb nicht mehr nötig, da sie die aktuellen Auswirkungen nicht mehr unmittelbar miterlebt - verhindern könnte Fracking nur die Gesellschaft - doch die wird erst kapieren was läuft, wenn Wasser teurer sein wird als Benzin - und auf Wasser kann kein Mensch verzichten!
3. Charming...
bolingbroke 06.08.2013
Sehr aufschlussreich, wie das marktradikal-industrielle Regime aus Konzernen und Interessengruppen den von ihr beherrschen Menschen jetzt die besten Stücke aus ihrer Meinungsfreiheit herausfilletiert. Hauptsache, die Geschäfte gehen. Schliesslich hat das Kapital ein verbrieftes Rechts darauf, diesen Planeten und das Leben darauf zugrunde zu richten, wenn sich damit ein schneller Dollar machen lässt. Schliesslich steht auf dem Greenback "In God We Trust", kann ja nur heissen, dass der Dollar der Neongott dieser Gesellschaft ist...
4. Nachhaltigkeit???
andreasoberholz 06.08.2013
Zitat von sysopREUTERSKein Wort über Fracking, nie wieder: Familie Hallowich aus dem US-Staat Pennsylvania hat 750.000 Dollar von einem Energiekonzern bekommen - und schweigt im Gegenzug zu der umstrittenen Fördermethode. Der Maulkorb soll auch für die minderjährigen Kinder gelten. Geht das? http://www.spiegel.de/panorama/einigung-mit-fracking-unternehmen-maulkorb-fuer-eine-ganze-familie-a-915122.html
Da kann man der Familie nur sagen. Wenn man käuflich ist, dann ist man Teil des Spiels und billigt das unser Planet von Geldgierigen Firmen verseucht wird. Wenn die Familie ihren Kindern eine kaputten Planeten hinterlassen will... dann unterschreibt man so was. Auch unsere Bundesregierung findet Fracking ganz toll,und das obwohl es genug Berichte aus USA gibt bei denen nachweislich das Trinkwasser kontaminiert wurde. Die Politiker müssen einfach erkennen, noch mehr Wachstum geht nur auf Kosten einer Erde die nicht mehr Bewohnbar, für Tier und Mensch, ist. Das System Wohlstand ist an seinem Peak angekommen, noch mehr Wohlstand geht nicht. Nachhaltigkeit sieht halt einfach anders aus. Nachhaltiges Wirtschaften kümmert Konzerne aber wenig so lange sie Geld machen können. Mal sehen wie lange das gut geht. Mal sehen wann auch die Konzerne merken.....SCHEISSE... unsere Arbeitnehmer sind Krank, die Luft ist nicht mehr sauber... was nun. Ich bin ganz klar dagegen das unser Deutschland mit Fracking verseucht wird. Peter Altmeier ist dafür, vermutlich wurde auch er schon eingekauft?? Warum für die CDU Umweltverschmutzung kein Thema mehr ist.... das kapiere ich nicht.
5. Noch offensichtlicher ann man nicht sagen,
mbraun09 06.08.2013
dass man etwas zu verbergen hat. Jeder normale Mensch wie, dass es dabei nur einen Gewinner gibt :Die Förderfirma" und sonst nur Verlierer. Trotzdem tun alle so, als müsse man wunders was für Ergebnisse abwarten um den Irrsinn endgültig zu verbieten. Bei Gen-Pflanzen besteht ja auch sowas von überhaupt kein Risiko. Nur die dummen Bienen fallen da aus der Rolle. Wahrscheinlich will so ein Konzern wie Monsanto den Bienen auch gesetzlich verbieten lassen, am Genmais zu sterben.
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Unkonventionelle Gasförderung
In Deutschland gibt es einen Run auf neue Erdgasquellen. Durch spezielle Bohrmethoden lässt sich der wertvolle Rohstoff selbst dann bergen, wenn er in kleinen, abgeschotteten Zwischenräumen verstreut ist. SPIEGEL ONLINE zeigt Chancen und Risiken des Booms im Überblick.
Weltweite Vorräte
Die Internationale Energieagentur schätzt, dass weltweit rund 921 Billionen Kubikmeter unkonventionellen Gases im Erdreich verborgen sind - fünfmal so viel wie in konventionellen Vorkommen. Andere Expertern gehen von noch größeren Mengen aus. Bislang gibt es für viele Länder aber nur Schätzungen über prinzipiell vorhandene Mengen (in-situ Mengen). Wie viel davon tatsächlich technisch (Ressourcen) und wirtschaftlich (Reserven) gefördert werden kann, ist noch nicht bekannt.
Die Reservoirs
Im Gegensatz zu konventionellen Vorkommen befindet sich unkonventionelle nicht in durchlässigen Gesteinsschichten, sondern in kleinsten Poren und Bruchzonen im Gestein. Die größten Vorkommen sind in Schiefergestein eingeschlossen. Aber auch in Tonschichten und Tundraböden finden sich Vorräte.
Die Fördermethode
Steuerbare Bohrer dringen nicht nur tief ins Erdreich vor, sondern wühlen sich auch horizontal ins Gestein. So kann die gashaltige Gesteinsschicht über eine Strecke von mehreren Kilometern durchbohrt werden. Damit das Gas entweichen kann, wird das Gestein durch eine Mischung aus Wasser, Chemikalien und Quarzkügelchen in Tausende Stückchen gesprengt. Die Sprengungen bezeichnet man als "hydraulic fracturing" oder "fracing" (sprich: "Fräcking"). Fracing wird sehr selten auch bei konventionellen Bohrungen eingesetzt - bei unkonventionellen ist es Standard.
Die Chemikalien
Der Anteil der eingesetzten Chemikalien an der Gesamtflüssigkeit beträgt nach Angaben der Industrie gut ein Prozent. Angesichts der Tatsache, dass beim Fracing einer Bohrung teils mehrere Millionen Liter Wasser eingesetzt werden, ist das allerdings immer noch eine Menge. Über die genaue Zusammensetzung der Chemikalien gibt die Industrie nur sehr zögernd Auskunft.
Folgen der Technologie
In den USA hat der Abbau von unkonventionellem Erdgas bereits in großem Stil begonnen und den Energiemarkt so umgekrempelt, dass der Rohstoffexperte und Pulitzerpreis-Gewinner Daniel Yergin von einer "American Gas Revolution" spricht.
Folgen für die Umwelt
In den USA gibt es Beschwerden von Anwohnern, die sagen, ihre Lebensbedingungen hätten sich verschlechtert - unmittelbar, nachdem in Nähe ihrer Wohnungen Fracing-Bohrungen vorgenommen wurden. US-Behörden haben zudem Luft- und Grundwasserverschmutzungen nachgewiesen. Inwieweit es sich um Einzelfälle handelt oder um ein flächendeckendes Problem - und inwieweit all die aufgetretenen Umweltschäden tatsächlich mit der unkonventionellen Gasförderung zusammenhängen, ist kaum untersucht. Die US-Regierung hat es bislang versäumt, die Umweltrisiken genau zu untersuchen.ssu


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