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Einsatzleiter im Tsunami-Gebiet: "Schlamm bis ins dritte Stockwerk"

Trümmer, Schlammmassen und große Verzweiflung: Martin Faller, Leiter des Roten Kreuzes Ostasien, kämpft im japanischen Krisengebiet gegen die Folgen von Erdbeben und Tsunami. Im Interview erklärt er, was die Menschen durchmachen - und welche Hilfe sie brauchen.

Eine Woche danach: Schweigen für die Toten, Leid bei den Überlebenden Fotos
AFP

Martin Faller ist Leiter der Regionaldelegation Ostasien des Internationalen Roten Kreuzes. Seit Dienstag ist er vor Ort im japanischen Katastrophengebiet und unterstützt dort die Arbeit des Japanischen Roten Kreuzes, das mit 90 medizinischen Teams im Einsatz ist.

SPIEGEL ONLINE: Herr Faller, Sie befinden sich als Chef des Roten Kreuzes Ostasien mit einem internationalen Team im Krisengebiet. Wie ist die Lage?

Faller: Sehr schwierig und deprimierend, da so viele Katastrophen zusammenkommen: erst das Erdbeben, dann der Tsunami und dann das Reaktorunglück. Der Stress ist groß, auch wenn die Japaner sich so etwas nicht anmerken lassen und nach außen immer ruhig wirken.

SPIEGEL ONLINE: Selbst angesichts der atomaren Bedrohung durch Fukushima?

Faller: Zumindest die Betroffenen in den Erdbebengebieten sind an Fukushima momentan nicht besonders interessiert, denen geht es im Moment erst einmal ums eigene Überleben. Ich denke aber, dass die Menschen in Tokio und anderen Regionen Japans, die das Geschehen in Fukushima in den Nachrichten genau verfolgen können, sich nicht wohl fühlen und viele Fragen haben. Aber ich weiß nicht, ob sie in allen Konsequenzen schon durchgespielt haben, was genau das nun mittel- und langfristig für ihre Ernährung und Gesundheit bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Welches sind zurzeit die größten Belastungen für die Menschen vor Ort?

Faller: Dass die Aufräumarbeiten angesichts der gewaltigen Zerstörungen noch sehr lange dauern werden. Die Menschen haben Angst, ihre Freunde und Verwandten nicht mehr wiederzufinden. In vielen Fällen ist noch immer unklar, ob Vermisste noch leben. Kontakte zwischen den Menschen in den verschiedenen Notunterkünften herzustellen, ist schwierig. Viele sind in Schulen untergekommen und konnten noch keinen Kontakt zu ihren Verwandten aufnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Situation in diesen Notlagern?

Faller: Die Menschen sind dort erst einmal sicher und werden mit Wasser, Nahrung, Decken und medizinischer Hilfe durch das Japanische Rote Kreuz versorgt. Aber solche Situationen kann man nie lange durchhalten. Einige befinden sich nun schon seit letztem Freitag in diesen Lagern, wollen auch irgendwann wieder raus und hoffen, dass sie anderweitig unterkommen können, so nah wie möglich an ihrem Heimatort. Dort müssen jetzt provisorische Gebäude errichtet werden, in denen sie unterkommen können. Andere werden sicher auch nach Tokio und in andere Großstädte weiterziehen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die psychische Belastung für Ihr eigenes Team, und wie gehen Sie damit um?

Faller: Unser Team ist nur für eine Woche hier. Das sind alles sehr erfahrene Leute, die schon sehr schwierige Situationen erlebt haben. Und trotzdem ist es immer wieder eine sehr große Belastung. Darüber zu reden, zu lesen und Fotos zu sehen ist etwas ganz anderes, als selber da zu sein und mit den Betroffenen zu sprechen. Noch größer ist die psychische Belastung für die japanischen Medical Teams des dortigen Roten Kreuzes, die von überall im Land zusammengezogen werden. Es ist einfach erschütternd, zu sehen, wie Hunderttausenden von Leuten innerhalb von wenigen Minuten ihre ganze Lebensgrundlage entzogen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie nehmen die Japaner außerhalb der direkt vom Erdbeben betroffenen Krisengebiete die Lage der Menschen dort wahr?

Faller: Es gibt eine große Solidarität im ganzen Land. Ich habe in Tokio niemanden getroffen, der darüber spricht und dabei nicht sehr emotional und traurig wird. Alle fühlen mit den Erdbebenopfern mit.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aufgaben werden in den kommenden Tagen die wichtigsten sein?

Faller: Wichtig ist es, Hilfsmaßnahmen weiterzuführen - medizinische Versorgung, Lebensmittelversorgung, Decken, Kleidung und solche Dinge. Ganz wichtig wäre die Versorgung mit Benzin. Die ist hier fast völlig zusammengebrochen. Wir stehen hier gerade selbst auf einem Parkplatz und füllen Benzin aus Kanistern nach, weil die Tankstellen alle geschlossen haben. Deshalb gelangen momentan auch Nahrungsmittel viel zu langsam an ihr Ziel.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit sind die Aufräumarbeiten in den verwüsteten Gebieten?

Faller: Die werden weiter intensiviert werden müssen. Vieles muss erst einmal saubergemacht werden: Eine riesige Schlammlawine ist hier über die Städte gezogen - zum Teil mit einer Höhe von zehn Metern. Ich habe ein Haus gesehen, in dem der Schlamm bis ins dritte Stockwerk gelangt war. Zudem werden auch Unterkünfte geplant und gebaut werden müssen, um den betroffenen Menschen in den Krisengebieten wieder einen einigermaßen vernünftigen Lebensrahmen zu geben, von dem aus sie dann wieder an die echte Aufbauarbeit gehen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst das Wetter die Situation im Krisengebiet?

Faller: Es schneit und es ist sehr kalt - auch in den Unterkünften. Die Stromversorgung ist vielerorts ausgefallen. An einigen Orten wurde die Stromversorgung nur für die Schulen, in denen sich die Notlager befinden, von der Armee, die hier mit 100.000 Leuten im Einsatz ist, wieder hergestellt. Aber an vielen Schulen fehlt diese Versorgung, geheizt wird nur minimal mit Kerosinöfen. Und die Versorgung mit Kerosin ist ebenso schlecht wie die mit Benzin.

SPIEGEL ONLINE: Noch nimmt Japan Hilfe aus dem Ausland nur sehr zögerlich an. Welches sind Ihrer Einschätzung nach die Gründe hierfür?

Faller: Zum einen sind die Japaner es gewohnt, selbst mit den Folgen von Erdbeben umzugehen. Es gibt hier ein sehr gut ausgereiftes System, um solche Katastrophen abzuwickeln. Die Menschen lernen von klein auf, sich bei Erdbeben richtig zu verhalten, jede Organisation hat im Falle eines Erdbebens genau definierte Aufgaben. Aber das ist eben nur möglich bis zu einem gewissen Ausmaß, und das wurde dieses Mal ganz klar überschritten. Zum Zweiten kommt dazu, dass die Japaner sehr stolz sind und ihre eigenen Probleme selber lösen wollen. Daher wird internationale Hilfe nur unter ganz bestimmten Bedingungen angenommen. Auch unsere Unterstützung wurde nur akzeptiert, weil wir mit einem lokalen Partner, dem Japanischen Roten Kreuz, zusammenarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Art internationaler Hilfe bräuchte Japan nun besonders dringend?

Faller: In erster Linie Geld, damit die Japaner dann selbst die Versorgung mit Decken, Wasser, Lebensmitteln, Benzin und Kerosin verbessern können.

Das Interview führte Danny Kringiel

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Geziefer 18.03.2011
Zitat von sysopTrümmer,*Schlammassen und*große Verzweiflung: Martin Faller, Leiter des Roten Kreuzes Ostasien, kämpft im japanischen Krisengebiet gegen die Folgen von Erdbeben und Tsunami. Im Interview erklärt er, was die Menschen durchmachen - und welche Hilfe sie*brauchen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,751499,00.html
http://www.jrc.or.jp/english/relief/l4/Vcms4_00002070.html
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