Eisbären-Wahnsinn Knut sorgt für Zoo-Boom - und Zirkus-Frust

Das Eisbärenbaby Knut wird zum Wirtschaftsmotor: Sonderbusse mit Knut-Touristen rollen nach Berlin, Zoos deutschlandweit profitieren vom Knut-Effekt, japanische Knutlieder werden produziert, die Knut-Gummibärchen kommen nächste Woche. Manch einer wird schon neidisch.


Berlin - Im Berliner Zoo haben sich jetzt schon eine spezielle Wegführung gebaut, um mit dem Andrang fertig zu werden. In einer Art Kreisverkehr werden die Knut-Besucher zu dem Bärenfelsen gelotst. Dort bekommen sie etwa 15 Minuten lang ein bestens gelauntes und mittlerweile 12,5 Kilo schweres Eisbärenbaby zu Gesicht, das mit Gummihantel, Plüschbär und Lieblingsfußball rauft. Das täglich mehrfach inszenierte putzige Spektakel hat dafür gesorgt, dass sich die Besucherzahlen verdoppelt haben. Allein von gestern bis zur ersten "Show" heute Morgen kamen 50.000 Knut-Fans. Sonderbusse rollen an, die Schlange vor dem Zoo erreicht bald MoMA-Dimensionen.

Doch nicht nur der Zoologische Garten erlebt dank Knut einen Andrang wie lange nicht mehr: "Es gibt derzeit einen Zoo-Boom in Deutschland", sagte der Direktor des Landauer Zoos, Jens-Ove Heckel. In Tierparks in ganz Deutschland strömen Menschenmassen zu Baby-Lamas, Mufflon- und Giraffen-Kindern. "Bei den Braunkopf-Klammeraffen haben wir sieben Jungtiere, die man toll beobachten kann", schwärmt Zoo-Direktor Heckel. Nachwuchs gab es in Landau zudem bei den westafrikanischen Pinselohrschweinen, im Emu-Gehege und bei den Dromedars.

Auch der Direktor des Zoos im saarländischen Neunkirchen, Norbert Fritsch, freut sich über den Knut-Effekt. Das gute Wetter tue sein übriges: "In diesem Jahr liegen wir wegen der milden Temperaturen schon weit über den Vorjahreswerten", sagt Fritsch.

Japanische Lieder und Knut-Gummibärchen

Die Knutmanie nimmt inzwischen fast bizarre Züge an. Der Berliner Kinderchor e.V. macht sich daran, einen Knut-Song auf Japanisch zu üben, nachdem schon mehrere Lieder in deutscher Sprache auf den Markt geworfen wurden. Man wolle die "große Eisbär-Knut-Fangemeinde nicht nur hier in Deutschland sondern auch im Land der aufgehenden Sonne begeistern", erklärte eine Sprecherin des Chores.

Sämtliche Knut-Devotionalien gehen weg wie warme Semmeln, eine DVD des Rbb mit den schönsten Bildern aus dem Leben des Eisbären war nach wenigen Stunden ausverkauft, der Stofftierhersteller Steiff setzt seit Januar täglich 800 Plüscheisbären ab, auch die T-Shirts mit der Aufschrift "Mit geht's Knut" gehen bestens. Deshalb beeilt sich auch der Süßwarenriese Haribo so sehr, seine Marshmallow-ähnlichen Knuts endlich in die Supermarkt-Regale zu bringen - nächste Woche ist es soweit. Auch ein Eisbären-Computerspiel wurde jüngst herausgebracht.

Es will eben jeder den Knut-Effekt für sich nutzen. Der funktionierte sogar beim jüngsten Sicherheitstreffen zwischen hochrangigen US- und EU-Vertretern. Der US-Justizminister Kenneth Wainstein hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, seinen drei Töchtern kleine Stofftier-Knuts mitzubringen. Doch der Politiker kam zur falschen Zeit: Er stand vor verschlossenen Zootüren. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries ließ daraufhin einen ganzen Beutel voll Plüschtier-Knuts beschaffen - und verteilte die pelzigen Kuscheltiere vor laufenden Kameras an sämtliche Teilnehmer des Treffens. "Ich will Ihnen danken. Dies ist eine wunderbare Geste der Güte und der Diplomatie. Es gibt drei kleine Amerikanerinnen, die Ihnen jetzt für immer dankbar sein werden", erklärte Wainstein verzückt.

Doch es gibt auch Neider. Beim Circus Barelli etwa, der derzeit in Berlin gastiert, beschwert man sich bitterlich, der freche Eisbär stehle den Zirkus-Tieren und -Artisten komplett die Schau. Als der Zirkus vor zwei Jahren in der Stadt war, sei der Besucher-Andrang größer gewesen. Ob dies freilich nur die Schuld eines kleinen Eisbären ist, ist mehr als fraglich.

ase/AP/AFP/dpa/ddp/Reuters



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