Eishauch aus Russland: Kältewelle breitet sich nach Westen aus

Erfrierende Menschen, berstende Rohre, streikende Autos: Unerbittliche Minusgrade haben Russland seit Tagen fest im Griff. Nun breitet sich die Kältewelle weiter nach Westen aus. Vielerorts fielen Gas und Strom aus, und Moskau bibbert angekündigten 42 Grad minus entgegen.

Moskau/Warschau - In der russischen Hauptstadt Moskau sanken die Temperaturen heute auf minus 31 Grad - der niedrigste Wert an einem 19. Januar seit 1927. Innerhalb von 24 Stunden erfroren sieben Menschen, teilte der Chef der Moskauer Rettungskräfte, Igor Elkis, mit. Damit stieg die Zahl der Kälteopfer seit Montag auf mindestens 31.

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Russische Kälte: Erstarrt in Eis und Schnee

Die Zeitung "Gaseta" berichtete, die Kältewelle werde Russland noch bis Ende des Monats fest im Griff haben. Laut der Nachrichtenagentur Itar-Tass herrschten in der nördlichen Region Jamalo-Nenezkij sogar minus 61 Grad. So kalt war es dort noch nie. Die Arbeiten auf einer Ölbohrstelle in der Region mussten eingestellt werden.

Der russische Gasriese Gasprom erklärte, dass er aufgrund des erhöhten Verbrauchs in Russland seine Lieferungen an Kunden in Europa nicht ausdehnen könne. In Italien berief Industrieminister Claudio Scajola eine Krisensitzung mit Vertretern der Energiefirmen ein, weil die Gaslieferungen aus Russland am dritten Tag in Folge zu gering ausgefallen waren.

Der Stromverbrauch erreichte Rekordhöhen, während sich die Regierung bemühte, die Versorgung für Wohnungen und Betriebe aufrechtzuerhalten. Energieminister Viktor Christenko erklärte, der Kreml erwäge die Freigabe eines Teils der strategischen Ölreserve des Landes. Wenig später berichtete die Nachrichtenagentur Interfax, die Freigabe für 60.000 Tonnen Öl sei erfolgt, um die Versorgung der Millionenstadt St. Petersburg zu sichern. Wegen geborstener Warmwasserleitungen waren in einer Ortschaft außerhalb von Moskau und in der sibirischen Region Tschita Tausende Menschen ohne Strom.

Autobatterien übernachten im Warmen

In Moskau sind ungewöhnlich wenige Fahrzeuge unterwegs. Viele Autofahrer blieben offenbar lieber zu Hause oder konnten ihre Wagen nicht starten. Vor einem Wohnhaus bauten Bewohner Autobatterien wieder ein, die sie über Nacht mit in ihre Wohnungen genommen hatten, um sie warm zu halten. An Bushaltestellen liefen die Wartenden auf der Stelle. Viele Schulen blieben geschlossen, an einigen erschienen nur wenige Schüler pro Klasse.

In Sibirien brach ein Bus ein, der über einen vereisten Fluss fahren wollte. Mindestens zwei Menschen kamen ums Leben, wie die Behörden erklärten. 16 Passagiere konnten gerettet werden, weitere sieben wurden vermisst. Es war bereits der zweite Unfall dieser Art in drei Tagen.

Die eisige Kälte konnte jedoch Mitglieder der russisch-orthodoxen Kirchen nicht davon abhalten, ihr Epiphanie-Fest mit einem Bad im offenen Gewässer zu feiern. Viele Gläubige ignorierten Warnungen von Ärzten und Priestern und schlugen Löcher in das dicke Eis auf den Flüssen. Dann sprangen sie in das Wasser und reinigten sich. "Hier drinnen ist es wärmer als draußen", rief ein Mann aus dem Fluss ans Ufer. "Hier sind es vier Grad, draußen minus 30 Grad."

Ein Opfer der Kälte wurde auch der Seelöwe "Jascha", der während der Reise mit seinem Zirkus von Sibirien nach Perm im Ural an einer Lungenentzündung erkrankte. Das Tier werde mehrmals täglich mit Branntwein abgerieben, berichtete das staatliche Fernsehen.

Baltikum zittert bei bis zu minus 30 Grad

Die Meteorologen rechneten für morgen mit einer leichten Entspannung der Lage und wärmeren Temperaturen von minus 20 Grad. Diese könnten sich jedoch wegen des scharfen Ostwindes deutlich kälter anfühlen. Ein staatlicher Fernsehsender berichtete dagegen, die Temperaturen in Moskau könnten weiter fallen und sogar minus 42 Grad erreichen.

Die extreme Kälte breitet sich weiter nach Westen aus. In den drei baltischen Staaten fiel die Temperatur heute auf bis zu minus 30 Grad Celsius. In Estland gaben die Behörden Extra-Rationen Lebensmittel und Kleidung an Obdachlose aus, wie eine Sprecherin des Sozialministeriums mitteilte. Den Menschen wurde erlaubt, in Bahnhofsgebäuden zu übernachten. Obdachlosenasyle, die normalerweise nur nachts geöffnet sind, stehen Schutzsuchenden nun auch tagsüber offen. Am kältesten war es im Südosten Estlands an der Grenze zu Russland, wo das Thermometer minus 30 Grad zeigte.

In Lettland blieben viele Schulen leer, da Eltern ihre Kinder aufgrund der niedrigen Temperaturen zu Hause behielten. Dort gibt es ein Gesetz, das erlaubt, Kinder unter zwölf Jahren bei Temperaturen unter minus 20 Grad nicht zur Schule zu schicken. Im Norden und Osten des Landes betrugen die Temperaturen heute minus 30 Grad. Nach Angaben von Meteorologen werden sie in den kommenden Tagen in einigen Regionen auf bis zu minus 32 Grad fallen, bevor es am Montag wieder etwas wärmer wird.

Vielerorts wird es noch kälter

In Litauen fuhren wegen Problemen mit der Stromversorgung zahlreiche Busse in der Hauptstadt Vilnius nicht. Viele Haushalte klagten über den Ausfall der Gasversorgung bei Temperaturen von bis zu minus 27 Grad. Nach Angaben von Meteorologen solle es dort in den kommenden Tagen noch kälter werden.

In Polen starben in den vergangenen neun Tagen 19 Menschen wegen der Kälte, teilte die Polizei mit. Damit stieg die Gesamtzahl der Kältetoten in diesem Winter auf 122. Davon waren 52 obdachlos. Während die Temperatur in der Hauptstadt Warschau heute mit minus acht Grad vergleichsweise mild war, rechnen Meteorologen für die kommenden Tage mit einem Rückgang auf minus 14 Grad. In der kommenden Woche sollten die Temperaturen sogar auf minus 20 Grad fallen.

Auch in Deutschland wird es nach Angaben des Wetterdienstes "Meteomedia" in den kommenden Tagen empfindlich kalt. Im Laufe des Samstags dringt laut Vorhersage von der Ostsee her extrem kalte Luft arktischen Ursprungs in den Osten Deutschlands. Auch der Beginn der nächsten Woche wird ruppig kalt.

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