Letzte Gespräche auf der El Faro "Hilf mir. Hilf mir"

Als das Containerschiff El Faro nahe der Bahamas sank, riss es 33 Menschen in den Tod. Jetzt sind die letzten Gespräche der Crew veröffentlicht worden - ein Zeugnis der Verzweiflung.

Gesunkenes Schiff El Faro (Archivbild)
AP/ NTSB

Gesunkenes Schiff El Faro (Archivbild)


Im Oktober 2015 Jahr sank die El Faro. Das Wrack des Frachters ruht nahe der Bahamas in rund 4500 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund. Nun wurden Aufzeichnungen von Gesprächen veröffentlicht, die die Crewmitglieder in den letzten Stunden ihres Lebens führten.

So ist etwa zu hören, wie die Besatzung angesichts eines immer stärker werdenden Hurrikans mit Besorgnis und beißendem Galgenhumor auf die immer schlimmer werdende Situation reagierte.

500 Seiten stark sind die Transkripte, die einen Einblick in die letzten Stunden der 33 Besatzungsmitglieder geben, die alle bei dem Unglück ums Leben kamen. Einige von ihnen stellten demnach die Entscheidung des Kapitäns in Frage, näher an den Hurrikan Joaquín zu fahren, der sich auf unregelmäßigem Kurs durch den Atlantik bewegte.

Die Audioaufnahmen von der Brücke des Schiffs waren im vergangenen Sommer aus dem Wrack der El Faro geborgen worden. "Niemand, der klar bei Verstand ist, würde da rein fahren", sagte ein Besatzungsmitglied am Nachmittag, an dem das Schiff sank. "Wir schon, juchhu", erwiderte der zweite Maat Danielle Randolph mit einem sarkastischen Lachen.

Stimmrekorder der El Faro (Archivbild)
AP/ NTSB

Stimmrekorder der El Faro (Archivbild)

Statt zurück nach Jacksonville zu fahren, hatte Kapitän Michael Davidson entschieden, den Sturm während der Nacht genauer zu beobachten. Er ging davon aus, dass das Unwetter auf dem Rückweg nach Jacksonville von Puerto Rico aus schlimmer wüten würde.

In einer E-Mail an die Reederei Tote hatte Davidson gefragt, ob eine Kurskorrektur genehmigt werden könnte: "Es sind 160 Meilen mehr. Das ist mehr Treibstoff. Wisst ihr?", schrieb er - worauf ein Tote-Vertreter schließlich mit "autorisiert" antwortete.

"Feiges Hühnchen"

Ermittler der US-Küstenwache stellen sich nun die Frage, ob Davidson unter Zeitdruck stand und daher die gefährlichere Route wählte. Davidsons Frau sagte, ihr Mann sei sehr auf Sicherheit bedacht gewesen. Er habe bei einer anderen Reederei Probleme bekommen, nachdem er sich geweigert habe, mit einem Schiff auszulaufen, das Steuerungsprobleme gehabt hätte.

In einem Statement erklärte die Reederei, man habe keinen Einfluss auf Davidsons Routenplanung gehabt. "Unsere Crews sind darauf trainiert, mit sich entwickelnden Wettersituationen umzugehen und auf Notfälle zu reagieren, während sie auf See sind", teilte das Unternehmen mit.

Auf dem Schiff hatte sich Davidson um acht Uhr abends von der Brücke entfernt, um zu schlafen. Während seiner Abwesenheit äußerte sich die Crew kritisch über die Entscheidung ihres Kapitäns, das Schiff nicht über die sichere, längere Route in die puertoricanische Hauptstadt San Juan zu steuern. "Wahrscheinlich werde ich gerade zu einem feigen Hühnchen, aber ich habe das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren wird", sagte der dritte Maat Jeremie Riehm gegen zehn Uhr abends.

"So ist es jeden Tag in Alaska"

Nach Mitternacht unterhielten sich die Matrosen über ihre Rettungswesten und die Funktionsfähigkeit der Notfall-Leuchten. Die El Faro war zu diesem Zeitpunkt auf einen leicht südlichen Kurs gewechselt, um den Sturm zu umfahren. "Immer wenn wir weiter nach Süden kommen, versucht uns der Sturm zu folgen", sagte Maat Danielle Randolph. Als über Funk die Warnung kommt, dass Joaquín zu einem Sturm der Kategorie drei angewachsen war, sagten sie: "Oh mein Gott."

Drei Minuten später, um 1:15 Uhr morgens, erschütterte eine große Welle das Schiff. Als die El Faro um 2:47 Uhr immer noch von Wellen getroffen wurde, informierte der zweite Maat Kapitän Davidson, der den Transkripten zufolge um 4:09 Uhr auf der Brücke erschien.

"Nun, so ist es jeden Tag in Alaska", sagte der Kapitän laut den Aufzeichnungen zu seinem ersten Maat Steven Shultz. Eine halbe Stunde später informierte Shultz ihn über einen Anruf des Schiffsingenieurs, der angab, die El Faro neige sich und der Ölstand sei problematisch. Ein Besatzungsmitglied bemerkte, die El Faro habe sich noch nie so stark geneigt, doch Davidson antwortete, die Dinge würden sich schon zum Besseren wenden.

"Der Bug ist unten"

Eine Fehleinschätzung. Um 5:43 Uhr trat Wasser in einen der Frachträume des Schiffs ein. Davidson schickte Shultz in den Raum, um ihn leerzupumpen, und versuchte das Schiff zu wenden, um die El Faro zu stabilisieren.

Eine halbe Stunde später verlor das Schiff den Antrieb. Der Kapitän informierte die Reederei über die Situation, während immer noch Wasser in den Frachtraum lief. Um 7:24 sagte Davidson: "Wir sind gerade wirklich in keiner guten Verfassung." Fünf Minuten später ertönten Alarmsirenen, die zur Evakuierung aufriefen. Der Kapitän, Randolph und ein anderes Crewmitglied diskutierten noch über Rettungswesten, aber einen Moment später verkündete Davidson schon: "Der Bug ist unten."

Jeder solle jetzt das Schiff verlassen, rief Davidson auf den Aufnahmen. Ein offenbar völlig verängstigter Seemann sagte zu ihm: "Hilf mir. Hilf mir."

"Keine Panik", antwortete Davidson. "Arbeite deinen Weg hier hoch." Die Entgegnung des Seemanns: "Ich bin geliefert." Davidson widersprach. "Nein, bist du nicht." Um 7:39 Uhr sind auf dem Tonband nur noch Schreie zu hören, bevor die Aufnahme stoppt.

cnn/AP



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