Blasphemiegesetz in Pakistan Hass im Namen des Herrn

Die Verhaftung einer jungen Christin wegen Blasphemie sorgt in Pakistan für Aufregung. Weil das Mädchen Seiten eines Koran-Lehrbuchs verbrannt haben soll, verlangen Geistliche ihre Verurteilung. Ähnliche Fälle zeigen: Wer einmal in Verdacht gerät, muss Schlimmstes fürchten.

Von , Islamabad

Passanten vor dem Haus des verhafteten Mädchens: Vorwürfe jenseits der Religion
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Passanten vor dem Haus des verhafteten Mädchens: Vorwürfe jenseits der Religion


Das Armenviertel am westlichen Rand von Pakistans Hauptstadt Islamabad wirkt verwaist an diesem Nachmittag. Wo normalerweise Menschen einkaufen gehen, sich in den Gassen unterhalten, Tee trinken, laufen nur ein paar Männer herum. Die meisten Bewohner dieses Viertels, ein paar hundert, sind verschwunden.

Sie haben sich bei Verwandten und Freunden in Sicherheit gebracht, seit Rimsha Masih vor einer Woche verhaftet wurde. Sie soll Seiten eines Lehrbuchs verbrannt haben, mit dem Geistliche Kindern das Lesen des Korans beibringen. Der Neffe des Vermieters der Masihs will es mit eigenen Augen gesehen haben. Er informierte daraufhin den lokalen islamischen Geistlichen, der Berichten zufolge den Protest gegen diese angebliche Gotteslästerung anfachte. "Was sind eure Gebete wert, wenn sie nicht einmal den Koran schützen?", soll er den Menschen gesagt haben. Auf Nachfrage erklärte er jedoch, er habe das Mädchen zu seinem eigenen Schutz der Polizei übergeben.

Ein wütender Mob zog vor dem Haus der Masihs auf, beschimpfte auch andere Menschen in dem Viertel, die versuchten, die Lage zu entschärfen, und drohte, Häuser anzuzünden. "Dabei ist Rimsha Masih nur elf Jahre alt", sagt Tahir Naveed Chaudhry, der Anwalt des Mädchens. Das Mädchen hat, wie die meisten Menschen in Pakistan, keine Geburtsurkunde. Laut Kirchenpapieren ist sie elf, die Polizei gibt ihr Alter mit 16 an. Nachbarn erzählen außerdem, das Mädchen habe das Down-Syndrom. Andere widersprechen dieser Angabe.

Verhaftung unter dem Druck der Öffentlichkeit

"Wir wollen eine ärztliche Untersuchung, damit das Alter und der Gesundheitszustand von Rimsha Masih festgestellt wird", sagt Anwalt Chaudhry. Seines Erachtens hätte die Polizei das Mädchen nicht verhaften dürfen. Das umstrittene pakistanische Blasphemiegesetz sehe eine Verurteilung nur vor, wenn die Tat wissentlich geschehe. "Glaubt das jemand ernsthaft von einem so jungen Mädchen mit mentalen Problemen?", fragt Chaudhry. Auch führende Menschenrechtsaktivisten verlangen ihre sofortige Freilassung, in Internet kursieren entsprechende Petitionen.

"Wir wollten sie nicht festnehmen", wehrt sich ein Polizist, der seinen Namen nicht genannt wissen will. "Aber der Druck der Öffentlichkeit war groß. Uns blieb nichts anderes übrig, als sie zu verhaften." Auch die Eltern und weitere Familienmitglieder wurden von der Polizei mitgenommen. "Zu ihrem eigenen Schutz", wie der Polizist erklärt.

Die Angehörigen sind inzwischen bei ihrem Anwalt untergebracht. Rimsha Masih aber sitzt seit einer Woche im Adiala-Gefängnis in der Nachbarstadt Rawalpindi, dort, wo Schwerverbrecher ihre Strafe verbüßen. Chaudhry sagt, bislang habe man ihm den Zugang zu seiner Mandantin verwehrt. "Ich habe die zuständigen Stellen angerufen, und man versprach mir, mich innerhalb von zehn Minuten zurückzurufen. Bislang warte ich seit mehr als zehn Stunden."

Angriffe auf Minderheiten nehmen zu

Das Blasphemiegesetz war in Pakistan in der Vergangenheit schon häufiger Thema von hitzigen Diskussionen und sorgte auch international für Besorgnis. Der islamistische Militärdiktator Zia ul-Haq führte es Anfang der achtziger Jahre in der heutigen Form ein, es sieht zwingend ein Todesurteil bei Beleidigung des Propheten Mohammed und lebenslange Haftstrafe bei Schändung des Korans vor. Es richtet sich genauso gegen Muslime wie gegen Nicht-Muslime und sieht auch den Schutz anderer Religionen als des Islam vor.

In der Praxis wird es aber vor allem dazu missbraucht, Streitereien auszufechten und missliebigen Personen eine Straftat anzuhängen.

  • Im November 2010 wurde eine Christin zum Tode verurteilt, weil sie im Streit mit ihren Kolleginnen angeblich den Propheten Mohammed beleidigt hatte. Der Fall stellte sich als Nachbarschaftsstreit heraus, doch Asia Bibi sitzt immer noch in Haft, ihre Familie ist aus Angst vor einem Mob untergetaucht.

Der Gouverneur des Bundesstaats Punjab, Salman Taseer, und der Minderheitenminister Shahbaz Bhatti, die sich beide für Asia Bibi und für eine Änderung des Blasphemiegesetzes stark gemacht hatten, mussten ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen: Sie wurden Anfang 2011 Opfer von Anschlägen.

Die pakistanische Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren in weiten Teilen radikalisiert. Kaum jemand traut sich heute, öffentlich eine Abschaffung oder wenigstens eine Reform des Blasphemiegesetzes zu fordern. Minderheiten werden immer häufiger zum Ziel von Angriffen, Christen, Hindus genauso wie Mitglieder islamischer Minderheiten wie Schiiten oder Ahmadis. Wer nicht der konservativen Ausrichtung des sunnitischen Islam angehört, ist ein potentielles Opfer. Es gibt regelrechte Hasskampagnen gegen alle, die nicht in das Weltbild des wahhabitischen Islam passen.

Erst Entspannung, dann Freilassung

  • Vergangene Woche erschossen Bewaffnete 25 Schiiten nahe der Stadt Mansehra, die auf dem Weg zum islamischen Id-Fest waren.
  • Im Juni wurde eine Menschenmenge in Bahawalpur von Geistlichen angestachelt, einen Mann wegen angeblicher Blasphemie zu bestrafen. Der Mob zerrte ihn aus einer Polizeistation und erschlug ihn.

Auch im Fall Rimsha Masih liegen die Gründe für die Vorwürfe wohl jenseits des Religiösen: Nach Angaben von Nachbarn habe es einige Tage vor der Verhaftung Ärger zwischen dem Neffen des Vermieters und den Masihs gegeben. Worum genau es ging, lässt sich nicht prüfen. Von "Missstimmungen wegen Lärmbelästigung" ist die Rede in der Nachbarschaft.

Ob Rimsha Masih wirklich eine Tüte voller Müll - und darunter Seiten des Koran-Lehrbuchs mit Koran-Versen darin - verbrannt hat, wird sich kaum feststellen lassen. Das ist aber auch zweitrangig. Vielmehr muss die Justiz die Frage klären, wie tolerant und offen die pakistanische Gesellschaft sein soll. Große Hoffnungen haben Menschenrechtsaktivisten in Pakistan nicht, denn in der Vergangenheit wurden Extremisten offen gefeiert. Den Mörder von Salman Taseer - sein eigener Leibwächter - bewarfen Anwälte in Islamabad bei seinem Gang vors Gericht mit Rosenblättern und boten an, ihn kostenlos zu verteidigen.

Hochrangige Politiker vergewissern auf Rückfrage, der Fall Rimsha Masih sei eine "Nichtigkeit". Man werde dafür sorgen, dass das Mädchen freigelassen werde, sobald sich die Stimmung beruhigt habe. Präsident Asif Ali Zardari hat sich eingeschaltet und fordert einen Bericht über den Fall. Paul Bhatti, Berater des Premierministers für nationale Harmonie und Bruder des ermordeten Ministers Shahbaz Bhatti, sagt, er hoffe, er könne die Sache in Gesprächen mit muslimischen Geistlichen klären.

In ihr Viertel von Islamabad wird die Familie Masih aber wohl dennoch nicht zurückkehren können. Einmal mit dem Vorwurf der Blasphemie konfrontiert, droht diesen Menschen, von einem Mob oder von einem Fanatiker umgebracht zu werden. Die Masihs werden sich also ein neues Zuhause suchen müssen, zu ihrer eigenen Sicherheit.

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