Elie Wiesel: "Schuldig sind nur die Schuldigen"

SPIEGEL: Herr Wiesel, wann sind Sie nach Auschwitz gebracht worden?

Wiesel: Am 22. Mai 1944. Ich werde diese Reise niemals vergessen. Am Nachmittag stoppte der Zug nicht weit entfernt vom Bahnhof der Stadt Auschwitz. Uns sagte der Name gar nichts. Dann, nachts, verließen wir den Zug über die berüchtigte Rampe von Birkenau. Es dauerte nur wenige Minuten, und schon waren alle Familien auseinandergerissen. Männer und Frauen wurden getrennt. Ich konnte mich nicht einmal von meinen Liebsten verabschieden. Ich sah nur noch den roten Mantel meiner kleinen Schwester, den sie gerade erst geschenkt bekommen hatte. Mein Vater und ich kamen zunächst für drei Wochen in das Stammlager und dann nach Monowitz.

SPIEGEL: Wie waren die Bedingungen dort?

Wiesel: Es war schrecklich - Hunger, Angst, Quälerei und Tod gehörten zum Alltag. Wenn man selbst so leiden musste, so war das schlimm; aber noch schlimmer war es, das Leiden des eigenen Vaters mitanzusehen. Natürlich wurde ich auch immer schwächer, aber ich war jung. Ich konnte diese Grausamkeiten irgendwie ertragen. Mein Vater konnte das nicht. Ihn zu sehen, wie er fror und hungerte, das war schrecklich. Außerdem war es für ihn schier unerträglich, dass er seinem eigenen Sohn nicht helfen konnte.

SPIEGEL: Viele Menschen haben in Auschwitz ihren Glauben verloren. Primo Levi erzählt davon.

Wiesel: Primo Levi war im selben Block wie wir, aber er war auch vorher nie wirklich gläubig gewesen. Ich selbst war sehr religiös. Wir beide, mein Vater und ich, beteten weiterhin zum Gott Israels. Aber es gab auch Zeiten, wo ich mir die Frage stellte: Wo ist Gott hier?

SPIEGEL: Was passierte, als die sowjetischen Truppen nach Auschwitz kamen?

Wiesel: Mitte Januar 1945 stand die Rote Armee so dicht vor Auschwitz, dass das Lager geräumt werden sollte. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt in der Krankenbaracke. Mein Vater kam dann zu mir, und wir entschieden, dass wir das Lager mit allen anderen zusammen verlassen wollten. Jeder glaubte, dass die Patienten in der Krankenbaracke getötet werden würden, die SS würde keine Zeugen überleben lassen.

SPIEGEL: Was dann aber doch nicht geschah, aus welchen Gründen auch immer.

Wiesel: Aber wir konnten das nicht vorhersehen. Wir machten den Todesmarsch nach Gleiwitz mit. Von dort sind wir auf offenen Güterwaggons abtransportiert worden.

SPIEGEL: Im Januar 1945?

Wiesel: Ja, wir standen die meiste Zeit. Es schneite, viele Gefangene erfroren.

SPIEGEL: Ihr Vater überlebte die Fahrt?

Wiesel: Ja, aber einige Tage später starb er in Buchenwald. Magen und Darm waren zu schwach geworden. Man hatte ihn geschlagen, und ich konnte ihm nicht helfen. In seiner letzten Stunde rief er meinen Namen. Am Ende antwortete ich nicht mehr. Ich fürchtete mich.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich schuldig?

Wiesel: Natürlich fühlte ich mich schuldig. Wenn ich darauf bestanden hätte, dass wir beide in der Krankenbaracke von Auschwitz geblieben wären, hätte er vielleicht überlebt. Ich wollte, dass er mir sagt, was wir tun sollten. Aber er wollte, dass ich ihm sagen würde, was das Richtige sei.

SPIEGEL: Das heißt, Sie mussten die Entscheidung treffen?

Wiesel: Ach, wissen Sie: In Auschwitz traf man keine Entscheidungen, das erledigten immer andere. Klar war eines: Wir wollten uns nicht trennen.

SPIEGEL: Buchenwald wurde erst am 11. April von den Amerikanern befreit. Was geschah bis dahin?

Wiesel: Solange mein Vater lebte, habe ich auch gelebt. Aber was danach passierte, kann ich Ihnen nicht sagen. Bis zur Befreiung dauerte es ja noch etwa zehn Wochen. Ich vegetierte, aber ich nahm nichts mehr um mich herum zur Kenntnis und hatte auch keinen Überlebenswillen mehr.

SPIEGEL: Was waren Ihre Gefühle nach der Befreiung?

Wiesel: Ich war traurig und schwach, zu schwach, um mich zu freuen. Ich erinnere mich, dass wir jüdischen Häftlinge einen Gebetskreis bildeten und für die Toten den Kaddisch beteten. Am zweiten Tag sah ich einen schwarzen US-Soldaten, der erstmals dieses ganze Elend im Lager wahrnahm. Er weinte und weinte hemmungslos - und verfluchte die Nazis zugleich.

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Zur Person
Monika Zucht/
DER SPIEGEL
Elie Wiesel wurde 1928 in Sighet in Siebenbürgen geboren und zusammen mit seiner Familie 1944 nach Auschwitz deportiert. Nach der Emigration in die USA engagierte er sich für die aktive Erinnerung an den Holocaust und erhielt 1986 den Friedensnobelpreis.

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