Elterncouch Vom Ego befreit

imago/ UIG


Kennen Sie das Gefühl, sich selbst aus den Augen verloren zu haben? Nichts rückt der eigenen Individualität so radikal zu Leibe wie das Elternsein. Zum Glück ist die Zeit auf unserer Seite.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Vor einigen Jahren besuchte ich den Schriftsteller Luciano De Crescenzo in seinem riesigen, mit neapolitanischem Nippes vollgestopften römischen Palazzo. Der große Aphoristiker war gerade aus dem Mittagsschlaf erwacht, lag in weißem Feinripp im Bett und lächelte verschmitzt. Dann hob er einladend die Decke und rief: "Komm, meine Liebe!"

Ich nahm ihm das nicht übel, denn De Crescenzo war zu diesem Zeitpunkt schon über 80 und sich seiner Hinfälligkeit wohl bewusst. Also lachten wir beide herzlich, und ich setzte mich auf die Bettkante. Wir plauderten ein wenig über seine Bücher und die Philosophie. Dann sagte er völlig unvermittelt: "Weißt du, wir sind alle gleich. Ab und zu gibt es mal einen Hitler, aber eigentlich sind wir alle gleich."

Er meinte damit: Wir Menschen sind in der Regel weder besonders böse noch auffallend gut. Und wir wollen mehr oder weniger dasselbe: Liebe, Geborgenheit, ein bisschen Geld, ein Dach überm Kopf und dass unsere Kinder in Sicherheit aufwachsen können.

Das war eine ebenso banale wie unbequeme Wahrheit. Schon damals dämmerte mir, dass es sich exakt so verhält. Aber in mir war noch ein Rest jugendlichen Widerwillens gegen eine so nivellierende Erkenntnis. Ich, genau wie alle anderen? Genauso impulsgetrieben, gierig, einsam, ehrgeizig, verlogen? Oder, bestenfalls, ein soziales Wesen, verantwortungsbewusst, empathisch?

Tatsächlich hat mir erst das Mutterwerden und Muttersein gezeigt, wie wenig Du und Ich sich unterscheiden. Wenn physiologische Prozesse das Leben regieren, bleibt wenig Raum für Individualität. Alles, was zuvor meine Einzigartigkeit ausgemacht hatte, mein Denken, meine Art zu kommunizieren, löste sich während der Schwangerschaft in einer Wolke von Hormonen auf. Ich fühlte mich wie eine Kuh, und in einem gewissen Sinne war ich es auch - sowohl was meinen Leibesumfang als auch meinen Intellekt betraf.

Immer schneller immer ähnlicher

Ich besuchte Vorbereitungskurse, in denen junge Frauen sarkastisch über ihr neues Körpergefängnis scherzten - genau wie ich. Wir kauften die gleichen Öle und Vitamine, ekelten uns gemeinsam vor Rohmilchkäse und Teewurst, sorgten uns um pränatale Einflüsse auf die Kinder in unseren schwellenden Leibern. Die Vorsorgetermine beim Gynäkologen nahmen wir hin. Wir zweifelten an Sinn und Zweck der Stillberatung. Und wir hassten das enervierende Armkreisen beim Kundalini-Yoga.

Und weil wir alle uns immer schneller immer ähnlicher wurden, kamen mir Frauen, die ihre Schwangerschaft als etwas Außergewöhnliches oder gar als eine persönliche Meisterleistung empfanden, zusehends merkwürdig vor.

Dabei war ich erst am Anfang. Das erste Kind wurde geboren, ich glitt in die Sekretphase ab, wie wir das nannten. Pipikakasabba übernahmen das Zepter im Hause, alles drehte sich nur noch darum. Ganz zu schweigen von der Muttermilch, sakrosanktes Fluidum und Allheilmittel gegen alle Wunden dieser Welt.

Mein Tag verlief überschaubar: Stillen-wickeln-aufräumen-stillen-wickeln-waschen-putzen-stillen-wickeln-kochen-Babybauch massieren-Baby baden-stillen-wickeln-vielleicht schlafen. Ich fühlte mich immer noch wie eine Kuh, mutierte aber langsam zum Roboter, der mit irrem Blick versuchte, sein Programm abzuspulen, von dem er nicht mehr wusste, ob es aufgespielt oder Teil seiner Konstruktion war.

Ich schleppte mich durch überheizte Räume, in denen nackte Kinder sich gegenseitig anpinkelten oder den Finger ins Auge piksten, während schweißgebadete Mütter versuchten, nicht vornüber zu kippen vor lauter Müdigkeit. Die Vertrendung von Eltern und Kindern fing schon beim Pekip-Kurs an. Kaum waren die Kleinen in der Krippe, begann die Elterngleichschaltung von außen: Wohlgemeinte Ratschläge, politische Korrektheit, Perfektionismus, Eltern-Blog-Weisheiten und das ewige Hohelied auf überteuerten Babykram gingen mir unfassbar auf die Nerven.

Einzigartig durchschnittlich

Es gibt Leute, die sind gern wie andere. Ich gehöre nicht dazu. Meine Generation hat die Freiheit - und das Privileg - gehabt, experimentieren zu können. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mein Selbst von allen Seiten zu beleuchten und zu formen. Ich habe massig Energie darauf verwendet, eben nicht zu sein wie der Nachbar, der Freund oder, Gott bewahre, die Eltern. Dieser Kult um das Individuum wirkt im Rückblick ein bisschen bemüht, sehr egozentrisch und, nun ja, peinlich. Es war aber auch ziemlich kreativ.

Als Mutter habe ich mein ach so besonderes Ich dann irgendwie aus den Augen verloren. Es ist wie ein alter Schal immer weiter nach hinten in den Schrank gewandert. Das Muster bekannt, die Farben verblichen. Als Babytragetuch war er ungeeignet, beim Spielen hätte er am Hals gekratzt, er passte auch nicht mehr zum Rest meiner Garderobe. Außerdem war mir eh immer heiß vor lauter Stress.

Verstehen Sie mich nicht falsch - ich liebe meine Kinder, und ich habe sie unter anderem bekommen, weil ich heilfroh war, mich von meinem Ego befreien und endlich mehr geben als nehmen zu können.

Aber inzwischen sind sie elf und vierzehn Jahre alt - sie wachsen und essen wahnsinnig viel, sie entdecken Horizonte, sie streiten, diskutieren und nabeln sich langsam ab. Die Welt hat sich seit ihrer Geburt rasant verändert. Die Globalisierung und die großen Krisen unserer Zeit fordern weit mehr Kollektivität, als ich mir das je habe vorstellen können. Was wir früher ahnten, ist jetzt Gewissheit, die man nicht mehr weglügen kann: Was wir im privaten Rahmen tun, hat sehr konkrete Auswirkungen auf das große Ganze. Das Wir ist auch historisch wieder wichtiger geworden als das Ich.

Es ist eine spannende Zeit, für uns alle. Allerdings kann ich seit Kurzem keine Zugluft mehr ab. Mein Hals fühlt sich irgendwie nackt an. Zeit für einen neuen Schal.

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (14) und Vito (11)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt


Diskutieren Sie mit!
11 Leserkommentare
G. Seiters 26.12.2017
noethlich 26.12.2017
Stöpsl 26.12.2017
sharer1 26.12.2017
LittleBoy 26.12.2017
LittleBoy 26.12.2017
ryumin 26.12.2017
freigeistiger 26.12.2017
lachina 26.12.2017
Nuss&Honig-Fachverkäufer 27.12.2017
Radolph 27.12.2017

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.