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Elterncouch

Elterncouch Wenn der Turnkurs politisch wird

Eklat im Turnkurs: Bei rechtspopulistischen Parolen hört der Spaß auf Zur Großansicht
Michael Meißner

Eklat im Turnkurs: Bei rechtspopulistischen Parolen hört der Spaß auf

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Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.
Kinder werden durch Sport nicht nur fit, im Verein lernen sie auch für das Leben: Wenn ein Mädchen im Turnkurs rechtspopulistische Sprüche raushaut - wie reagieren die Erwachsenen? Ein Lehrstück in zwei Akten.

Der Turn- und Sportverein ist so etwas wie die Lange Anna der deutschen Freizeitlandschaft: Unverrückbar, schroff und kantig trotzt er den Gezeiten. Hat Moden und Trends überlebt, seit Generationen.

Schon als ich Kind war, drehte sich alles um den "Teh-Es-Vau", den Turn- und Sportverein. Mein kleines Mädchendasein war sauber aufgeteilt in Flickflack-Dienstage, Barren-Mittwoche und Leichtathletik-Donnerstage. Irgendwo dazwischen muss noch Zeit gewesen sein für Handball und Jazzgymnastik. Keine Ahnung, wie das funktionierte, aber wir lebten auf dem Dorf, da hatte Kind sonst nicht viel zu tun.

Mein Sohn und meine Tochter sind inzwischen auch beim TSV. Sie haben nicht annähernd so viel Freizeit, wie wir mal hatten. Aber sie gehen gern hin, lernen Handstandüberschlag, ertragen die stinkenden Umkleiden und die obligatorischen Lästermäuler aus dem Dorf. Eines davon ist ein Mädchen aus Vics Klasse. Ein unsympathisches. Mit miesen Demoralisierungs- und Mobbingkampagnen hatte es schon in der Vergangenheit meinen Argwohn auf sich gezogen. Dann geschah etwas Seltsames. Das Kind verschwand aus dem Turnunterricht. War weg, tauchte nicht mehr auf. "Hurra", dachte ich. "Wahrscheinlich umgezogen."

Tatsächlich war die 13-Jährige weiter vorhanden. Aber nicht mehr im Verein. Ich fragte Vic, was geschehen sei. Sie wand sich. "Das kann ich nicht sagen", erklärte sie. "Geheimnis, ich hab es ihr versprochen." Ich fragte rum, bohrte nach. Es stellte sich heraus: Das unsympathische Mädchen hatte beim Sport so lange und nachhaltig über Migranten hergezogen, dass der Kursleiterin die Geduld ausgegangen war. Sie warf das Mädchen ("Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg") aus dem Sportkurs. Der Vater des Kindes war empört, der Vereinsvorstand telefonierte mehrfach mit ihm, von Einigung keine Spur. Da trat das Mädchen auf Wunsch der Eltern aus dem Verein aus.

Eine bürgerliche Institution wird plötzlich politisch

Ups, dachte ich. Was war das? Meine erste Reaktion war: "Chapeau, da zeigen ganz normale Menschen mal Haltung!" Eine durch und durch bürgerliche Institution wird plötzlich politisch und gibt einen Warnschuss ab, Applaus - oder? Ich begann zu zweifeln. Woher mag ein Teenager solche Sprüche haben, wenn nicht von den Eltern, aus dem familiären Umfeld? Sollte man ihn dann mit sozialer Ächtung strafen? Oder lieber die Eltern zur Vereinssitzung laden und die Sache zur Diskussion stellen? Auch in der Gemeinde war das Echo groß, die Reaktionen erwartungsgemäß gespalten. Die "Wehret-den-Anfängen"-Fraktion war ebenso vertreten wie die relativierende "Nu-mach-ma-nich-so'n-Alarm-um-das-arme-Ding".

Die Ambivalenz wäre geblieben, hätte es nicht kurz darauf einen weiteren Eklat gegeben im "Teh-Es-Vau". Es war die Zeit der Pariser Terroranschläge. Das Spiel der deutschen Nationalelf gegen die Niederlande in Hannover war gerade abgesagt worden. Unter den Fußballern des Vereins war die Stimmung aufgeheizt. Gerade hatte die Gemeinde angekündigt, demnächst die kleine Sporthalle zu einer Flüchtlingsunterkunft umfunktionieren zu wollen. Man trank den einen oder anderen Schnaps, gegen drei Uhr nachts soll einer der Fußballjugendtrainer auf Facebook gefragt haben, ob "die Eselficker" jetzt in die Halle einziehen würden oder nicht.

Der Vereinsobmann erfuhr von der Hetze im Netz und war empört. Der fremdenfeindliche Trainer müsse sofort aus dem Verein austreten, sonst werde er selbst sein Amt zur Verfügung stellen, sagte er. Der Facebooker entschuldigte sich, im Verein gingen die Meinungen hin und her. Der Obmann drängelte, war genervt - und hielt es nicht mehr aus. Er ging. Der Jugendtrainer kurz darauf auch.

Der Vereinsvorsitzende, ein besonnener und kluger Mann, hat Verständnis - ist aber genervt, weil ihm jetzt sowohl ein Trainer als auch ein Obmann fehlen. Vic findet, "Rassisten gehen gar nicht" und steht voll hinter dem Rausschmiss ihrer Klassenkameradin. Meine Freunde und ich sind trotz aller Zweifel stolz auf unsere kleinen, provinziellen, aber sehr konsequenten Nazi-Watchdogs. Und den "Teh-Es-Vau", der eben immer auch Gesellschaft im Kleinen ist. Und plötzlich ganz schön zeitgemäß.

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (12) und Vito (9)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt

13 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
hahtse 30.12.2015
taglöhner 30.12.2015
Sleeper_in_Metropolis 30.12.2015
spiegelleser85 30.12.2015
jujo 30.12.2015
spon_3162639 30.12.2015
sawn1979 30.12.2015
821943 31.12.2015
hcau 31.12.2015
spon_3162639 31.12.2015
hugahuga 31.12.2015
1556-548 31.12.2015
dickebank 01.01.2016
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