Elterncouch

Elterncouch Warum ich um die Zukunft meiner Kinder bange

Zukunftsängste: Bin ich paranoid? Wahrscheinlich.
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Zukunftsängste: Bin ich paranoid? Wahrscheinlich.

Von Juno Vai


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Juno Vai schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Jonas Ratz.

Wird das Land, in dem meine Kinder leben, auch in Zukunft friedlich und demokratisch sein? Was, wenn sie in einer Diktatur leben müssen? Über eine mütterliche Horrorvision.

Neulich habe ich meine Kinder gefragt, ob sie vor irgendetwas in der Zukunft Angst haben. Sie haben mir ganz furchtbar erwachsene Antworten gegeben. "Ich habe Angst, dass ich irgendwann allein leben muss", sagte mein zehnjähriger Sohn Vito zerknirscht. "Das wäre doof und langweilig."

Meine Tochter Vic ist gerade voll auf Karriere getrimmt: "Ich habe Angst, dass ich keinen Job finde, der mir Spaß macht und mit dem ich viel Geld verdienen kann." Wow, dachte ich, das G8-Turbo-Gymnasium hat ganze Arbeit geleistet. Und erkannte, dass meine Zukunftsängste vollkommen anderer Natur sind als die der Kids.

In letzter Zeit male ich mir Horrorszenarien aus, in denen Vic und Vito in einem Deutschland leben, wie man es vor allem aus Schwarz-Weiß-Filmen kennt: in einer Diktatur, einem nationalistischen, rassistischen, menschenfeindlichen Staat. Sie denken, ich bin paranoid? Möglich. Bis vor Kurzem hätte ich mir so einen Quatsch auch nicht ausgedacht. Also, bevor die politische Landschaft von tektonischen Plattenverschiebungen heimgesucht wurde.

Heute kann ich mir so ziemlich alles vorstellen - und das, obwohl es uns gut geht und ich ein enormes Grundvertrauen in die Fähigkeiten meiner Kinder habe. Sie sind starke Kinder mit einem ausgeprägten, ganz aus ihnen selbst kommenden Gerechtigkeitssinn.

Vielleicht sind die beiden nicht akut von wahnsinnigen Autokraten bedroht, aber: Sie werden auch in Zukunft gegen Dummheit kämpfen müssen, gegen den Zorn der zu kurz Gekommenen, die sich schon jetzt willig in die Hände politischer Gauner begeben. Sie werden lernen müssen, Propaganda zu erkennen und mühsam über Faktenrecherche zu entzaubern. Sie müssen die Tricks der Lügner erkennen können. Und sie werden dagegen kämpfen müssen, dass sich Geschichte wiederholt.

Werden sie das schaffen? In meiner Fantasie sehe ich sie in staubigen Kellern sitzen und konspirative Pläne zum Sturz des Tyrannen schmieden. Vielleicht gründen sie eine außerparlamentarische Opposition oder werden Partisanen. "Wir sind dann aber liebe Widerstandskämpfer", sagt mein Sohn und malt schon mal los.

Vitos "liebe Widerstandskämpfer"
Vito/Toxikdog

Vitos "liebe Widerstandskämpfer"

Aber was, wenn meine Kinder einfach Mitläufer werden? Neulich waren wir bei Freunden in Weißrussland. Vic und Vito kriegten sich kaum ein vor Begeisterung: "Wow, das ist alles so schön sauber hier, so ruhig und aufgeräumt", schwärmten sie. Ich bemühte mich zu erklären, dass der schöne Schein wie eine Theaterkulisse ist, die, wenn man sie mit dem Finger durchbohrt, einreißt. Und den Blick freigibt auf Abgründe, in denen man sich wunderbar das Genick brechen kann. Kam nicht so richtig an.

"An Politik kann man eh nichts ändern", sagte meine Tochter leichthin. Und ich machte mir schon wieder Sorgen.

Dem Kinderreport 2017 zufolge bezweifelt ein Drittel der Erwachsenen, dass sich die heutigen Kinder und Jugendlichen verantwortlich für unsere Demokratie einsetzen wollen oder können. Ich glaube, im Moment sind eher die Erwachsenen das Problem. Das Misstrauen in die Demokratie und das gedankenlose Abnicken ihrer Demontage scheinen nie größer gewesen zu sein - zumindest, seit ich politisch denken kann.

Erst neulich raunte mir wieder ein Bekannter - ein kluger Mann, weder rechts noch Verschwörungstheoretiker - ins Ohr: "Du kannst doch auch nicht schreiben, was du willst, man kennt das ja, die Medien." Ein Lehrer pries im Gespräch die Führungsqualitäten von Wladimir Putin und betonte, die Krim sei halt immer russisch gewesen, da müsse man Verständnis haben, Annexion hin oder her.

Versuchten Demagogen noch vor wenigen Jahren, elegant zu schwindeln und kontrolliert zu vertuschen, lügen sie heute offen in die Kameras - und es ist ihnen völlig egal, ob es auffliegt. Mit dem Populismus kam die Kaltschnäuzigkeit, die Propaganda, das Verdrehen der Wahrheiten wurden salonfähig. Es ist, um es kurz zu machen, kein Makel mehr, ein Gauner zu sein. Es ist ein Zeichen von Stärke.

Mag sein, dass die AfD irgendwann an sich selbst scheitert, dass die Putins und Trumps dieser Welt von ihrer eigenen Gier gefressen werden. Möglich, dass wir in der Abgrenzung zu Rassisten und Neonazis wieder lernen, die Demokratie leidenschaftlich zu lieben. Aber bis es so weit ist, muss ich als Mutter meine Kinder stark machen für den Kampf gegen das Falsche. Mit demokratischer Erziehung, Toleranz und Streitkultur, sicher.

Aber ich werde auch dafür sorgen, dass sie wehrhaft sind. Dass sie sich kein X für ein U vormachen lassen. Dass sie kritisch nachfragen, für Schwächere einstehen und bereit sind, das Gute zu verteidigen. Meine Kinder können Kung-Fu, das ist gut fürs Selbstbewusstsein. Aber auch Zivilcourage will trainiert werden.

Vito mag Kung-Fu - und Aliens
Vito/ Toxikdog

Vito mag Kung-Fu - und Aliens

Laut Kinderreport sehen 90 Prozent der Befragten die Hauptverantwortung für Demokratieerziehung in Familie und Elternhaus. Aber was ist, wenn daheim alle davon überzeugt sind, dass Demokratie etwas Verachtenswertes ist? Natürlich sind wir als Eltern in der Pflicht. Ich wäre aber in Zeiten "alternativer Fakten" froh über verstärkte Aktivitäten in den Schulen. Demokratieerziehung ist seit Langem grundsätzlich Teil des Lehrplans. Es gibt entsprechende Empfehlungen der Kultusministerkonferenz, ein Strategiepapier, "Bildung in der digitalen Welt", das aufzeigt, wie man Schülern den kritischen Umgang mit Daten und Informationen beibringt.

Ich glaube aber, dass es dringend Zeit wird, im Politik-, Sozialkunde- oder Medienunterricht konkrete Projekte zur Enttarnung von Desinformation durchzuführen. Wie erkenne ich Propaganda? Wie entlarve ich Falschmeldungen? Wo kann ich Fakten am verlässlichsten überprüfen? Mit welchen rhetorischen oder medialen Mitteln arbeiten Demagogen?

Ich weiß, dass in den Lehrplänen wenig Raum für noch mehr Stoff ist. Aber ich möchte an alle Lehrer appellieren, denen die Demokratie am Herzen liegt: Geben Sie den Schülern Instrumente an die Hand, mit denen sie Populisten enttarnen können. Denn, ja, es droht Schlimmes: Bis entsprechende neue Projekte von den Kultusministern abgesegnet werden, könnte der eine oder andere Schüler für jede Form von Aufklärung verloren sein. Die Lügenjongleure wird es freuen.

Zur Autorin
  • Michael Meißner
    Juno Vai,
    Mutter von Vic (14) und Vito (11)

    Liebstes Kinderbuch: der Pinguin-Comic von meinem Sohn

    Nervigstes Kinderspielzeug: alles mit komplizierten Anleitungen

    Erziehungsstil: Liebe, Verlässlichkeit, Respekt


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IvicaMarkovic 13.03.2017
erik93_de 13.03.2017
Pango 13.03.2017
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