EM im Gemüseschnitzen Die ganz große Essthetik

Holz war gestern, gefragt sind jetzt Obst und Gemüse: 21 Leute schnitzen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt - aus Kohlrabi, Rettich, Karotte und Melone. Für besonders gelungene Werke gibt es Preise, gegen die Fruchtfliegen Essigwasser. Besuch bei einer ziemlich abseitigen Europameisterschaft.

Von , Leipzig

dapd

Leipzig - Die Luft ist trocken, die meisten Präsentationen und Fachgespräche noch trockener: Willkommen auf der "Gäste" in Leipzig. Die "Fachmesse für Gastronomie, Hotellerie und Gemeinschaftsverpflegung" ist kein Ort, an dem Historisches zu erwarten ist. Doch für eine bestimmte Gruppe ist Ausstellungsfläche A 20 in Halle 1 der Ort für eine Premiere: "1. Europäischer Gemüseschnitz-Wettbewerb" verkündet ein großes Banner an der Wand - dass auch Obst verarbeitet wird, stört da nicht.

Mittendrin ist Lilia Thobe. Die 45-Jährige aus Emstek in Niedersachsen mit der Startnummer 22 ist zwischen all den Profi-Köchen und -Gastronomen eine Exotin: Sie gibt zwar Kurse im Gemüseschnitzen, arbeitet aber auch als Übersetzerin. Einen Schnitzkurs hat sie nie besucht. Sie nimmt teil, um sich mit den Besten der Zunft zu messen. "Ich bin aufgeregt", sagt sie kurz vor dem Start.

Davon ist kaum etwas zu merken. Sorgfältig schneidet Thobe mit einem Schälmesser die oberste Schicht der Haut einer Melone ab. Die Frucht hat sie kurz vor dem Wettbewerb noch getauscht: Thobe wollte ein Exemplar mit dunklerer Haut - so sind die Farbkontraste beim Schnitzen größer, das sieht besser aus.

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Wettbewerb in Leipzig: Ein Blumenbouquet aus Melone
Thobe - kurze, dunkle Haare, im Gespräch zurückhaltend und freundlich - schnitzt seit 2008 Lebensmittel. Bevor sie 1992 nach Deutschland kam, hatte sie in Russland schon Holz geschnitzt. In Niedersachsen stieg sie auf Obst und Gemüse um, "weil ich nicht wusste, wo ich weiches Holz herbekommen soll".

An ihrem Tisch in der Messehalle hält Thobe das Thaimesser, ihr wichtigstes Werkzeug, wie einen Füller. Millimeter für Millimeter schnitzt sie mit der scharfen Klinge geschwungene Linien und scharfe Zacken aus dem Fruchtfleisch. Vorsicht ist geboten: Was weggeschnitten ist, kann im Gegensatz zum Modellieren nur schwer wieder hinzugefügt werden. Allmählich entsteht aus der Melone ein Blumenbouquet, aus Chinakohl eine Rose.

Rettich? Kenn ich! Melone? Mag ich! Karotte? Ess ich!

An der Königsdisziplin der Meisterschaft nehmen außer Thobe 20 weitere Personen teil. Bei der "Livecarving Komposition" haben die Teilnehmer vier Stunden Zeit, aus vorgegebenen Obst- und Gemüsesorten - Kürbis, Riesen-Papaya, Kohlrabi, Gurke, Rettich, Chinakohl und Karotte - ein Ensemble zu schnitzen. Sieht spaßig aus, ist aber Ernst. Die Richtlinien zu Hilfsmitteln (Klebstoffe sind bei Tierfiguren und anderen 3D-Motiven erlaubt) und Dekomaterial (Platten, Spiegel, Stoffe sind genehmigt) umfassen vier Seiten.

Rose aus Rettich, ein Flamingo aus Karotte, eine Blüte aus Melone - damit lässt sich ein Buffet verzieren und Rohkost vielleicht sogar passionierten Fleischessern schmackhaft machen. Aber die Szene strebt nach Höherem - deshalb die Europameisterschaft. Die Gemüseschnitzer sind froh, sich einem größeren Publikum als Hochzeitsgesellschaften präsentieren können.

Die Messe wiederum ist aus anderem Grund zufrieden: Wenn am Stand nebenan jemand etwas von "kochen - braten - frittieren" erzählt und etwas abseits der Verband der deutschen Imbissgastronomie versucht, Interesse zu wecken, schadet es nicht, zwischen Kaffeeautomaten, Profi-Messern und Industriespülmaschinen etwas Abwechslung zu haben: Obst und Gemüse sind bunt, die Schnitzereien sehen nett aus und haben offenbar großes Identifikationspotential: Rettich? Kenn ich! Melone? Mag ich! Karotte? Ess ich!

Ehrfürchtige Worte über den großen Meister

Vom Interesse der Besucher will auch der Verein "Food-Artistic" profitieren. Er bietet Schnitzkurse an, 389 Euro pro Person für drei Tage. Der Club hat seine Tische direkt neben dem Bereich der Teilnehmer aufgebaut. Die Mitglieder schnitzen zur Unterhaltung der Messebesucher. Ebenfalls anwesend: Xiang Wang. Er ist Ehrenmitglied und als zweifacher Weltmeister der Guru der Szene. Von ihm sprechen die Organisatoren ehrfürchtig: "Der große Meister, fünffacher Buchautor, hat bei Mao Zedong gelernt." Die ständige Wiederholung klingt so, als seien seine Leistungen Teil seines Namens: XiangWangDergroßemeisterFünffacherbuchautorHatbeimaozedonggelernt.

Das Konzept - der Verein zum Plauschen, die Meisterschaft zum Gucken - geht auf. Messebesucherin Silvia Geisenhainer aus Jena schwärmt von der Kreativität, Geduld und Fingerfertigkeit der Teilnehmer. "Das glaubt man gar nicht, dass die das in der kurzen Zeit geschafft haben", sagt die 40-Jährige.

Tatsächlich schnitzen, schneiden und meißeln Lilia Thobe und ihre Mitstreiter hoch konzentriert. "Hierfür muss Vorstellungsvermögen, Fingerfertigkeit, Zeit und Geduld mitbringen", sagt Thobe.

Und eine Sprühflasche. Regelmäßig läuft ein Helfer mit einem Wasserzerstäuber zu den Tischen und sprüht die Schaustücke ein, um sie frisch zu halten. Es riecht ein wenig säuerlich, Essigwasser steht an jedem Tisch, um Fruchtfliegen abzuhalten.

Ich schnitz' mir die Welt, wie sie mir gefällt

Die Exponate bewegen sich irgendwo zwischen Kunst und Kitsch - ich schnitz' mir die Welt, wie sie mir gefällt. Was nicht nur gefällt, sondern auch gewinnt, entscheidet eine vierköpfige Jury. Damit niemand auf die Idee kommt, die Bewertung sei willkürlich, sind die Bewertungskriterien penibel festgelegt:

  • Unter Künstlerische Repräsentation fallen etwa Farbabstimmung, Gesamteindruck und "Servierfähigkeit unter Bewegung".
  • Der Schwierigkeitsgrad gibt die Vielfalt der Elemente und Genauigkeit der Einzelteile an.
  • In der Rubrik Kreativität bewertet die Jury die "Originalität der Dekoration" und die "Komposition der Figuren, Ornamente oder Blumen".
  • Unter Technik finden sich Kriterien wie "Sauberkeit der Schnittführung" und "Plastische Genauigkeit der Gesamtkomposition".

Siebeneinhalb Stunden nach Beginn des Wettbewerbes wird es Zeit, den Gewinner zu küren. Thematisch mag das Schnitzen zur Messe passen - mit der Wärme in der Halle verträgt es sich weniger. Kurz vor der Siegerehrung lässt die Wirkung des Essigwassers nach, auf manchen Exponaten sammeln sich Fruchtfliegen.

Während Vögel aus Rettich einer Besucherin noch ein "die sehen ja zauberhaft aus" entlocken, feiert Russland einen Dreifach-Triumph: Vadim Nefedyev setzt sich vor Olesya Yurova und Anastasia Korsakova durch. Die drei bekommen eine Trophäe und Medaillen, wie es sich für eine Europameisterschaft gehört.

Ein bisschen erinnert die Siegerehrung trotzdem an die Bundesjugendspiele. Man strengt sich an, und am Schluss gibt es für jeden eine Urkunde. Zudem lobt die Jury spontan mehr als ein halbes Dutzend Sonderpreise aus, unter anderem für die "Beste Idee im Bereich Kürbis/Gesicht" und die "Schönsten Blumen". Bei 21 Teilnehmern fällt da für viele etwas ab.

Für Lilia Thobe bleibt es bei einer Urkunde. Trotzdem ist sie zufrieden: "Ich bin froh, dass ich mitgemacht habe." Sie habe an Erfahrung gewonnen, sich von den Konkurrenten einiges abschauen können und auch geschäftliche Kontakte geknüpft. Und sie wurde zu einem Wettbewerb in Tschechien eingeladen.

In der Leipziger Messehalle 1, Stand A 20, zeigt sich: Mit Essen zu spielen ist doch erlaubt - vorausgesetzt, es steckt ein Geschäft dahinter.

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