Emanzipation bei Playmobil: Mädels, jetzt wird's kriminell!

Von Daniel Haas

Playmobil-Bankräuberin: Ein Beitrag zur Emanzipation Zur Großansicht
PLAYMOBIL

Playmobil-Bankräuberin: Ein Beitrag zur Emanzipation

Männer begehen Verbrechen, Frauen nicht - was für ein Klischee! Die Leute von Playmobil haben das erkannt: In einem Figurenset ist auch eine Bankräuberin dabei. Mädchen, zückt die Knarren!

Es gibt eine besonders hinterhältige Art des Sexismus, das ist der positive Sexismus. Zum Beispiel, wenn man sagt, Frauen sind prinzipiell die besseren Menschen, Frauen sind moralisch hochstehender als Männer, Frauen würden so etwas niemals tun, wobei "so etwas" von In-der-Nase-Bohren bis Genozid reichen kann. So landen Frauen im Asyl des Gutmenschentums. Man spricht ihnen die Fähigkeit ab, gemein und durchtrieben zu sein.

Die Leute von Playmobil haben das erkannt. Für knapp 30 Euro erhält man: den Schalterraum einer Bank inklusive Tresen und Tresorschrank mit Goldbarren, einen Geldautomaten und als Figuren einen Angestellten im Anzug und eine blonde Frau mit roter Handtasche und Sonnenbrille. "Bank mit Geldautomat" heißt das Spieleset.

Die Frau hat eine Pistole in der Hand, und der Mann sieht in seinem schwarzen Anzug aus, als würde er zu seiner eigenen Beerdigung gehen. Nur seine gelbe Krawatte ist unpassend, aber das ist in empirischer Perspektive vermutlich schon wieder stimmig. Finanzfachkräfte halten es ja nicht so mit der Mode.

Die Frau ist ebenfalls schwarz gekleidet, sie hat den Kragen hochgestellt, es sieht lässig aus und ist dabei vollkommen realistisch. Nur Kriminelle und Leute, die so cool sind, dass sie sich trauen, wie Leute auszusehen, die gerade von einem Spandau-Ballet-Konzert kommen, stellen ihren Kragen hoch.

Ein unglaubliches Luder: total stylish und extrem gefährlich

Dazu trägt die Frau pinkfarbene Turnschuhe, das ist wirklich topaktuell. Die Hipster in Berlin tragen zurzeit alle neonfarbene Sneakers.

Ihre Tasche ist riesig, das ist mindestens ein Birkin Bag von Hermès, da gehen locker ein paar Hunderttausend rein. Insgesamt, muss man sagen, ist das ein unglaubliches Luder: total stylish und dabei extrem gefährlich. Bankraub ist hierzulande immer noch ein Kapitalverbrechen.

Das Spielset ist ein Beitrag zur Emanzipation. Kinder lernen auf diese Weise, dass nicht nur Jungs auf die schiefe Bahn geraten können. Und das ist ok so!

Früher gab es bei Playmobil nur Ärztinnen, Feuerwehrfrauen, Krankenschwestern, Bäuerinnen. Seit letztem Jahr gibt es auch Bankräuberinnen. Und wenn dann auch die Mafia, die Camorra und die Hells Angels irgendwann eine Frauenquote eingeführt haben werden, können sie bei Playmobil sagen: Wir waren die ersten! Wir haben an Frauen immer geglaubt, auch in krimineller Hinsicht.

Lange Zeit mussten selbstbewusste Mädchen beim Playmobil-Spielen den Cowboys die Pistolen entwenden und damit ihre Squaws ausstatten. Mit der Bankräuberin haben sie endlich eine eigene Identifikationsfigur bekommen. Sie sieht ein bisschen aus wie Madonna, was die Frisur angeht. Das ist also keine ganz junge Frau mehr, sondern eine mit Erfahrung. Eine Frau, die schon einige Lebensmodelle durchprobiert und jetzt ihre Schlüsse gezogen hat, was das Dasein im Spätkapitalismus angeht.

Studieren, komplizierte Ausbildungen, lohnt sich das noch?

Denn mal ehrlich: Studieren, komplizierte Ausbildungen, lohnt sich das noch? Wer hat eigentlich Lust, als Rentenmuli für eine vergreisende Gesellschaft zu schuften? Eine BankräuberInnen-Karriere erscheint da nicht als Notlösung, sondern als plausible, ja intelligente Alternative zur konventionellen Erwerbsbiografie.

Das Bankräuber-Set gehört in die Serie "City Action", es gibt auch ein Ensemble namens "Diebstahl im Museum". In Anbetracht eines boomenden Kunstmarkts ist das ein guter Anfang, ein Set zur Kunstfälschung aber wäre schlüssiger. Und es wäre interessant zu sehen, wie die Playmobil-Leute mit der klassischen Moderne fertigwerden.

Oder ein Set zur Drogenherstellung: "Crystal Meth" mit einer Drogenküche, Bodyguards aus Schwellenländern und Bullterriern auf Anabolika. Auch ein Paket "Wall Street" könnte man sich vorstellen, mit vollgekoksten Tradern, die gerade eine Volkswirtschaft abmurksen. Aber das wäre dann schon arg kriminell.

Die Statistik besagt übrigens, dass nur fünf Prozent aller Banküberfälle von Frauen verübt werden. Die Zahl der Blondinen, die Geldhäuser überfallen, dürfte bislang also verschwindend gering sein. Und gerade deshalb ist dieses Set so wichtig. Nur weil du blond bist, was von Mode verstehst und eine Hermès- von einer Bottega-Veneta-Handtasche unterscheiden kannst, heißt das noch lange nicht, dass du nicht zur Verbrecherin taugst.

Mädchen, auch du kannst kriminell werden. Trau dich!

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Genau
jeze 20.02.2013
Zitat von sysopMänner begehen Verbrechen, Frauen nicht - was für ein Klischee! Die Leute von Playmobil haben das erkannt: In einem Figurenset ist nun eine Bankräuberin dabei. Mädchen, zückt die Knarren! Emanzipation bei Playmobil: Spieleset mit Bankräuberin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/emanzipation-bei-playmobil-spieleset-mit-bankraeuberin-a-884228.html)
Klar - einer Gruppe generell gutes zu unterstellen ist genauso Sexismus, Rassismus, "Semitismus", etc. Aber irgendwie sollten wir langsam zu der Erkenntnis gelangen, dass wir nur noch auf der formalen Metaebene argumentieren. Was jemand wirklich denkt oder tut interessiert uns gar nicht mehr - die Mühe das zu erfahren machen wir uns überhaupt nicht - wir leiten aus rein indirekten, formalen Gesichtsunkten ab, ob jemand ein guter oder böser Mensch ist. DAS ist das eigentlich Problem, was wir haben.
2.
Mart-73 20.02.2013
Ein Spielset für den Banküberfall! Playmobil erkennt die Zeichen der Zeit und liefert dazu gleich noch die passende Hardware. So ausgerüstet kann der Bürger, egal ob Mann oder Frau, den Ernstfall spielend erlernen. :-)
3.
KurtFolkert 20.02.2013
Ich steh auf "starke" Frauen. Überfallt mich :D
4. Playmobil
FocusTurnier 20.02.2013
Zitat von sysopMan spricht ihnen die Fähigkeit ab, gemein und durchtrieben zu sein.
Nö, das sprechen sich die Frauen selber ab. Frauen sind toll. Frauen sind gut. Frauen brauchen eine Quote. Der Artikel ist gut. Hätte ich nach den letzten "Feministischen Wochen" beim SpOn gar nicht mehr erwartet. Ein Ausgleich zu einem eher hysterischen Artikel zum selben Thema in der FAZ: Playmobil: (http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/playmobil-damit-verarbeiten-die-kinder-was-sie-tagtaeglich-erleben-12080693.html) Und laßt Kinder spielen, mit was sie wollen (solange es nicht gefährlich wird).
5.
woodstocktc 20.02.2013
Zitat von sysopMänner begehen Verbrechen, Frauen nicht - was für ein Klischee! Die Leute von Playmobil haben das erkannt: In einem Figurenset ist nun eine Bankräuberin dabei. Mädchen, zückt die Knarren! Emanzipation bei Playmobil: Spieleset mit Bankräuberin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/emanzipation-bei-playmobil-spieleset-mit-bankraeuberin-a-884228.html)
finde ich richtig gut. es ist an der zeit das wir uns als gesellschaft über diese angestaubten rollenbilder hinwegsetzen. und das völlig frei und ohne quotenregelungen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Gleichstellung von Frauen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 57 Kommentare