Emsdetten nach dem Amoklauf "Sebastians Familie braucht uns jetzt"

Wieso konnte sich Sebastian B. unbehelligt sein Waffenarsenal zulegen? Wie kommt seine Familie damit zurecht? Und wie sollen die Schüler das alles je verarbeiten? Überall in Emsdetten dieselben Fragen - und viele Geschichten über den Amokläufer. Angeblich kam er mit Eltern und Geschwistern gut aus.

Aus Emsdetten berichtet


Emsdetten - Tag 1 nach dem Amoklauf. Die Herbstsonne ist hervorgebrochen. Sie steht über Emsdetten, taucht die Stadt in ein sanftes Licht. Kindergartenkinder toben durch die kleine Fußgängerzone. Langsam weicht die Anspannung von der Stadt, die nur knapp einem Schulmassaker entgangen ist. Die Emsdettener scheinen allmählich aufzuatmen. Und haben trotzdem nur ein Gesprächsthema. Am Straßenrand reden Menschengrüppchen über Sebastian B., auch im Café Extrablatt, im Bistro Celona, im Drogeriemarkt, im Lottolädchen: Überall wird spekuliert, getuschelt, geschimpft.

Sebastian B. in der Schülerzeitung: "Nie Stress mit der Familie"?
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Sebastian B. in der Schülerzeitung: "Nie Stress mit der Familie"?

Sebastian B. bekommt endlich die Aufmerksamkeit, nach der er sich so sehnte.

Jene, die ihn nicht kannten, vermuten ein Monster hinter dem 18-jährigen Amokschützen. "Die Eltern müssen doch gemerkt haben, wie brutal der ist", erzürnt sich eine Mutter, deren zehnjähriger Sohn auf dem Schulhof stand, als Sebastian B. das Feuer eröffnete.

Emsdettener, die Sebastians Eltern kennen, halten dagegen: Sie seien "anständige Leute", die nicht an der Perversität ihres Kindes gemessen werden dürften. Auch Matthias (Name geändert) sieht das so. "Sebastians Familie braucht uns jetzt", sagt der Zehntklässler zu SPIEGEL ONLINE. Und fügt hinzu, dass er mit seiner Meinung nicht alleine dasteht. "Die, mit denen ich gesprochen habe, finden auch, dass wir die Familie jetzt unterstützen müssen. Vor allem seine Geschwister, die ja auch Schüler sind, muss man in Schutz nehmen."

"Ja, er war ein Einzelgänger - aber kein Monster"

Matthias kannte Sebastian B., weil er mit dessen jüngerem Bruder im Informatikkurs der zehnten Klasse ist. Sebastian sei im letzten Schuljahr in der Bühnenbau-AG gewesen. Sebastian habe sich bei der Schultheateraufführung einmal zu ihm an die Bar gestellt, als er gerade Getränke ausschenkte. "An diesem Theaterabend habe ich das erste Mal persönlich mit ihm zu tun gehabt", sagt der 16-Jährige. "Ja, er war ein Einzelgänger. Aber ich habe ihn nie als Mobbing-Opfer empfunden - und schon gar nicht als ein Monster." Sebastian habe sich als Security-Helfer für Matthias' Jahrgangs-Abschlussfeier im kommenden Sommer zur Verfügung gestellt. "Das war nett gemeint und sicher nicht so, dass er dort alle über den Haufen schießen wollte."

Sebastian B. habe kein zerrüttetes Verhältnis zu seinen Eltern gehabt, auch nicht zu seiner 15-jährigen Schwester oder zu seinem 16-jährigen Bruder. "Der hatte nie Stress mit der Familie. Ich glaube, die mochten sich alle echt gern." Seinen Bruder habe der Amokläufer am Morgen noch gewarnt, erzählt Matthias. "Du brauchst heute nicht in die Schule, die fällt heute aus", habe Sebastian B. angeblich zu ihm gesagt. Der Bruder habe die Bemerkung für einen Scherz gehalten. Bei ihm muss der Schock besonders tief sitzen: Der 16-Jährige sah seinen Bruder, wie er maskiert und schwer bewaffnet über den Schulhof lief.

Was für ein Leben Sebastian B. führte, weiß Matthias nicht. Der Bruder von Sebastian habe "nie darüber gesprochen, ob er viel vor dem PC sitzt". Sebastian habe sich anscheinend in "seine eigene Welt" zurückgezogen. "Ich habe keinen Hass auf Sebastian, auch wenn er uns alle in Lebensgefahr brachte", sagt Matthias. "Er tut mir rückblickend leid - auch wenn er sich feige aus der Aktion gestohlen hat mit seinem Selbstmord."

"Erste Hinweise, dass er seine Waffen übers Internet bezog"

Die Obduktion hat ergeben, dass sich Sebastian B. mit einer Bleikugel aus einer 15-Millimeter-Vorderladerwaffe hingerichtet hat - das verbrennende Schwarzpulver entstellte sein Gesicht. "Wir haben erste Hinweise, dass er seine Waffen übers Internet bezog", sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer zu SPIEGEL ONLINE. Medien berichten, er habe womöglich bei einer Auktions-Website für "Jäger, Schützen und Angler" seit März 2005 mehrere Waffen eingekauft - und auch auf eine Maschinenpistole aus dem Zweiten Weltkrieg geboten. Schnellstmöglich soll geklärt werden, ob überhaupt jemand wusste, dass sich der 18-Jährige heimlich ein Waffenarsenal aufbaute - und wenn ja, wer.

Viele in Emsdetten finden genau das so schockierend: Wie konnte er ungehindert an solche Waffen gelangen?

Viele Eltern in der Stadt sorgen sich darum, wie ihre Kinder begreifen sollen, was sich in ihrer Schule ereignet hat. Erst jetzt, einen Tag nach dem Amoklauf, zeigt sich, dass die meisten Schüler nur langsam damit zurecht kommen. "Mein Sohn hat erst abends, als er die Berichterstattung im Fernsehen gesehen hat, verstanden, was er eigentlich erlebt hat - und dass er überlebt hat", sagt eine erschrockene Mutter.

"Wer will, wird in den Arm genommen, das brauchen fast alle"

Wie ihrem zehnjährigen Sohn geht es vielen der 700 Schüler der Geschwister-Scholl-Schule. Sie werden im Kulturzentrum "Stroetmanns Fabrik" von Seelsorgern betreut. "Es tut gut, darüber zu reden", sagt Lisa. "Wer will, wird in den Arm genommen - komischerweise brauchen wir das fast alle."

Einige von ihnen kehren immer wieder zum Schulgebäude zurück. Nicht nur aus Neugierde beobachten sie, wie Spezialkräfte mit Spürhunden immer noch jeden Winkel des Geländes unter die Lupe nehmen. "Ich kann das alles einfach nicht glauben", sagt eine Neuntklässlerin. "Vielleicht verstehe ich es hier besser."

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers spricht in der ehemaligen Fabrikhalle mit den Schülern und Lehrern, bevor er die Verletzten im Marien-Hospital besucht. "Ein Junge erzählte mir, er habe eine Tür hinter sich zugeschlagen - und plötzlich sei darin eine Kugel stecken geblieben. Ein Mädchen beschrieb, wie froh es sei, dass es die eine Treppe statt einer anderen genommen habe, weil sie sonst vielleicht verletzt worden wäre", sagt der CDU-Politiker. "Viele hatten einen Schutzengel."

Für morgen hat die Gemeinde Emsdetten einen Gottesdienst angesetzt - um dafür zu danken, dass es nicht schlimmer kam.

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