Emsland-Teststrecke Mindestens 15 Tote bei Transrapid-Unglück

Bei dem schweren Unfall auf der Transrapid-Teststrecke im Emsland sind heute Vormittag vermutlich 21 Menschen getötet und etliche verletzt worden. 15 Tote wurden bislang geborgen. Der Streckenbetreiber geht von menschlichem Versagen als Unfallursache aus.


Lathen - 15 Menschen wurden bereits tot geborgen. Zehn Verletzte konnten inzwischen in Krankenhäuser gebracht werden und befinden sich außer Lebensgefahr.

Zur Unglücksursache gehen die Angaben bislang weit auseinander. Ob der Besucherzug für den Fahrtzeitpunkt keine Startgenehmigung hatte, oder der Werkstattwagen nicht im Einsatz hätte sein dürfen, ist noch offen.

Nach derzeitigem Erkenntnisstand habe die Unfallursache jedoch keinen technischen Hintergrund, sondern sei auf menschliches Versagen zurückzuführen, erklärte die Betreibergesellschaft IABG. "Wir sind tief betroffen über diesen Vorfall und werden schnellstmöglich die genauen Hintergründe klären", betonte Geschäftsführer Rudolf Schwarz.

Der führerlose Transrapid beschleunigte gerade, nachdem er gegen 10 Uhr vom Versuchsbahnhof in Lathen losgefahren war. Mit steigender Geschwindigkeit näherte sich der Magnetgleiter dem Werkstatt-Wagen. Laut Rudolf Schwarz, dem Sprecher, der Betreibergesellschaft hatte der Zug keine Besucher-, sondern eine Messfahrt unternommen.

Dann, so schildert es ein Augenzeuge, der mit Rettungskräften vor Ort sprach, rammte der Transrapid das Hindernis. Der pfeilförmige Waggon soll den Werkstattwagen angehoben und 500 bis 700 Meter über die Strecke geschoben haben. Nachdem die havarierten Fahrzeuge stehen blieben, brachen den Rettern zufolge zwei Feuer aus. Der Vorderteil des Transrapids sei total zerstört.

Die Rettungsarbeiten gestalteten sich äußerst schwierig, weil die Bahn auf einer Trasse in einer Höhe von fünf bis sieben Metern fährt - daher mussten für die Bergung der Opfer Drehleitern der Feuerwehr angefordert werden. Rund 220 Hilfskräfte sind im Einsatz, um die Menschen zu bergen, fünf Rettungshubschrauber bringen die Verletzten in umliegende Krankenhäuser. Nach einem Bericht von N 24 sollen die Opfer Angehörige von Mitarbeitern der Teststrecke sein, die wie viele andere Besuchergruppen eine Fahrt mit dem Transrapid unternommen hatten.

Inzwischen sind die Verletzten mit Rettungshubschraubern und -wagen in Krankenhäuser gebracht worden, so der Augenzeuge. Jetzt würden zwei Autokräne versuchen, den Werkstattwagen vom Vorderteil des Transrapids abzuheben. Dort werden laut den Rettungskräften weitere Opfer vermutet.

Ein Sprecher des Landkreises Emsland sagte, keiner der Beteiligten in den beiden Fahrzeugen sei ohne Blessuren davongekommen. Die Bahn ist den Angaben zufolge aus der Spur gesprungen. "Die Magnetschwebebahn hängt halb herab", sagte der Polizeisprecher. Mehrere Wrackteile seien von der Trasse gefallen.

Angesichts der Ausmaße des Unglücks hat der eigens beim Kreis eingerichte Krisenstab zahlreiche Notfallseelsorger angefordert. "Wir haben weitere zur Unfallstelle beordert und nun an die zehn Seelsorger vor Ort", sagte Krisenstab-Sprecher Dieter Sturm. Diese kümmerten sich um die Angehörigen der Unfallopfer und um die Rettungskräfte, die bereits seit dem Morgen im Einsatz seien.

Jüngst Transrapid-Unfall in Shanghai

Der Transrapid wird von einem Konsortium aus Siemens und ThyssenKrupp gebaut. Welche Konsequenzen der Unfall für das Projekt Transrapid haben werde, sei noch völlig unklar, sagte ein Siemens-Sprecher SPIEGEL ONLINE. Mitarbeiter seien aber auf dem Weg und würden vor Ort Ursachenforschung betreiben. "Zuerst ist aber wichtig, dass allen Verletzten geholfen wird." Von der ThyssenKrupp Technologies war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Die Versuchsstrecke für den Transrapid zwischen Lathen und Dörpen ist 31,8 Kilometer lang und gilt als weltweit größte Testanlage für Magnetschwebefahrzeuge. In Lathen ist die IABG seit 1985 mit dem Betrieb der Transrapid Versuchsanlage Emsland betraut. Im Schnitt kommen mehr als 1000 Gäste am Tag zur Anlage. Das Unternehmen wollte sich zunächst nicht zu dem Unglück äußern.

SPIEGEL ONLINE

Bereits im August hatte es einen Transrapid-Unfall gegeben. Die Magnetschnellbahn in Shanghai hatte während der Fahrt Feuer gefangen. Die Feuerwehr konnte den Brand nach kurzer Zeit löschen, verletzt wurde niemand.

Die 30 Kilometer lange Trasse zwischen der Innenstadt der chinesischen Metropole und dem internationalen Flughafen ist die weltweit erste kommerzielle Transrapid-Strecke. Die Schnellbahn kann eine Höchstgeschwindigkeit von rund 450 Stundenkilometern erreichen.

Ein zurzeit noch aktuelles, kommerzielles Transrapid-Projekt in Bayern könnte an einer Finanzierungslücke scheitern. In München soll die Magnetschwebebahn den Flughafen Franz-Josef Strauß mit der Innenstadt verbinden.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat wegen des Unfalls seine China-Reise abgebrochen. Der Minister sei "tief besorgt" und habe sofort entschieden, alle weiteren Termine in Peking abzusagen und so schnell wie möglich nach Deutschland zurückzufliegen, sagte sein Sprecher Dirk Inger der Nachrichtenagentur dpa.

Tiefensee wolle sich vor Ort im Emsland ein Bild von dem Unglück machen. Die Nachricht habe den Minister während eines Gesprächs mit dem chinesischen Eisenbahnminister in Peking ereilt. Tiefensee wollte eigentlich bis Sonntag bleiben.

rüd/jto/AP/AFP/reuters/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.