Endzeitsekte in der Taiga Der Sohn Gottes kommt mit deutschem Nummernschild

Sergei Torop war ein aufmerksamer Verkehrspolizist. Bis zu jenem Tag im Mai 1990 als ihm plötzlich klar wurde, dass er Gottes Sohn ist. Seither lockte er tausende Gläubige in die lebensfeindliche russische Taiga. Auch Deutsche sind unter Vissarions Jüngern. Sektenkritiker befürchten einen Massenselbstmord.

Von Alexander Schwabe


Vissarion, der selbst ernannte sibirische Christus, segnet seine Jünger
REUTERS

Vissarion, der selbst ernannte sibirische Christus, segnet seine Jünger

In Sibirien befindet sich das Herz der Erde, in der Taiga liegt die Rettung. Denn hier lebt der "Meister des Lebens". Jedes seiner Worte, jeder seiner Blicke ist vom Licht der Wahrheit und der Liebe durchdrungen. Hier, so sagt er, ist die Erde noch unberührt vom emotionalen Unrat, der den Planeten umwabert wie ein grauer Schleier.

Wenn demnächst der Komet einschlagen wird und den größten Teil der Erde verwüstet, oder wenn die atomaren Sprengköpfe in der Wüste Nevadas von selbst explodieren werden, wenn ein neues Virus die ungläubige Menschheit auffressen wird, dann werden die Jünger des Meisters für die Jahre der Mühe und Entbehrungen belohnt. Denn, so die Lehre, diese Gemeinschaft in den Wäldern Russlands kann große Umwälzungen am ehesten überstehen, weil sie ein tiefes Verständnis kosmischer Zusammenhänge hat.

Vor den blauen Wassern des Tiberkul wandelt er in samtener, purpurroter Robe und mit langen, braunen Haaren über den Hügel am See. Er lächelt. "Um es einfach zu sagen: Ja, ich bin Jesus Christus." Als Gottessohn baut der 42-jährige Sergei Torop am Menschen der Zukunft, an der "sechsten Rasse".

Rund 5000 Menschen, so die Angaben der Sekte, haben sich um Vissarion, wie sich Torop nennt, gesammelt. Sie leben in rund 40 kleinen Dörfern in einem Gebiet halb so groß wie die Schweiz knapp 4000 Kilometer östlich von Moskau, südlich von Krasnojarsk.

Die religiösen Glückssucher sind hauptsächlich Russen. Unter ihnen viele Intellektuelle, Musiker, Schauspieler und ehemalige Offiziere der Roten Armee. Die meisten waren nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs in ein Sinnvakuum gefallen. Sie haben sich aus dem Chaos der Städte davongemacht und dem neuen Liebeskommunismus in der Taiga verschrieben. Doch Vissarion hat inzwischen auch Anhänger in Bulgarien, Belgien, Italien, Australien, den USA und in Deutschland gefunden.

Klein gewachsener Kitsch-Jesus

Stuttgart am Neckar, Stadtteil Zuffenhausen im Sommer 2001. Der Messias tourt durch Deutschland, um Menschen zu fischen. Der Sohn Gottes kommt im Wohnmobil mit deutschem Nummernschild. Er hat sich für seine Missionsveranstaltung ausgerechnet in ein Haus der Katholischen Kirche eingemietet. Protestantische Mitchristen jedoch warnen vor dem Guru, so dass er ein paar Meter weiter in ein Waldgasthaus umziehen muss.

Sibirien: Die Endzeitsekte wirbt mit ökologischem Leben in reiner Natur
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Im Nebenraum haben sich gut 20 Leute versammelt, um dem Botschafter des "Letzten Testaments" zu lauschen. Als Vissarion und sein Sekretär in Kutten erscheinen und Lieder zu seinen Ehren angestimmt werden, sind einige Besucher irritiert. Sie wollten etwas über ein Ökoprojekt in der Taiga erfahren. Sie wollten sich an Technik-Kritik und Modellen alternativen Soziallebens ergötzen und mehr über nachhaltiges Wirtschaften und ein Leben im Einklang mit der Natur lernen. Stattdessen zeigt sich ihnen ein klein gewachsener Jesus-Darsteller, der so gut wie gar nichts sagt, außer, dass es ganz toll sei, bei ihm zu sein.

"Es war wie ein elektrischer Schock, wie Glockengeläut"

Dem selbst ernannten Christus gelingt es, Menschen in seinen Bann zu ziehen, die von Sektenbeauftragten gerne als psychisch labile Träumer beurteilt werden. Hermann, ein Ingenieur kurz vor dem Rentenalter, berichtet überschwänglich von seiner Berufung: "Er strahlt unglaubliche Liebe aus." Als der Bayer Vissarion traf, war es für ihn "wie ein elektrischer Schock, wie Glockengeläut", so der Techniker.

Vissarion hat auch in David Tanners Leben ein Beben ausgelöst (Name geändert). Ihm nahe stehende Menschen waren dem Guru nach Sibirien gefolgt. Als sie nicht wiederkamen, machte sich Tanner im Sommer dieses Jahres auf die 6000 Kilometer lange Reise, um sie zur Rückkehr zu bewegen.

Holzhäuser in sibirischen Dörfern
Oliver Abraham

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Von Abakan aus erreicht Tanner nach langer Fahrt "über Stock und Stein" die Dörfer Petropawlowka, Tscheremtschanka, Guleiwka und Scharowsk. Am Fluss Kasyr trifft er die ersten Gläubigen - manche hausen in billigen Bretterbuden, andere in etwas komfortableren Blockhütten.

Insekten-Hölle im Sekten-Paradies

Der Alltag in der lebensfeindlichen Taiga, in Häusern ohne Strom und ohne fließend Wasser ist besonders für Westler äußerst mühsam. Im Winter herrschen 40 Grad minus, die Sommer sind unerträglich heiß. Wegen der Hitze können die Menschen die Holzhütten kaum verlassen - mit Handschuhen schützen sie sich vor Millionen Stechmücken. In dieser Insekten-Hölle bauen sie Gemüse an, leben hauptsächlich von Buchweizen. Fleisch- und Milchprodukte sind verpönt. Zur Körperpflege stehen in den Hütten des Sekten-Paradieses Waschschüsseln bereit, fürs tägliche Bedürfnis offiziell als Bio-Toiletten gepriesene Plumpsklos. Am Rande der Siedlungen haben sich große Abfallhalden mit Kunststoffmüll gebildet.

"Es gibt keine Dicken" im Reich des sibirischen Christus, stellt Tanner fest - eine Folge von Vissarions "Ernährungsempfehlungen". Doch das harte Leben in der Taiga härtet längst nicht alle ab. Der Angehörige eines Sektenmitglieds berichtet in den "Berliner Dialogen" von ausgemergelten, unterernährten Menschen, die er am Tiberkul-See traf, von Hirnhautentzündungen und Tuberkulosekranken. Viele Kinder litten unter Rachitis.

Nach elf Tagen soll Tanner in die Sonnenstadt vorgelassen werden. Er hofft, dem "Lehrer der Wahrheit" sein Anliegen vorbringen zu dürfen. Auf einem die Luft verpestenden Unimog geht es eng gepfercht über einen unbefestigten Pfad voller Schlag- und Schlammlöcher immer tiefer in den Wald hinein. "Wenn es regnet, kommt dort keiner durch", berichtet der Bittgänger.

Nach einer Stunde Fahrt ist auch für das Gelände-gängige Militärfahrzeug Schluss. Mit zwei Rucksäcken voller Nahrung und Gastgeschenken plagt sich Tanner zu Fuß zwei weitere Stunden den Wald hinauf bis er endlich das heilige Dorf erreicht. Wer klaren Geistes sein will, um ins neue Reich einzugehen, heißt es bei den frommen Sumpfbewohnern, muss seinen eigenen Körper einschwingen.

Die dreistufige Sonnenstadt

Die von Vissarion erwählten Endzeitvisionäre ziehen das heilige Dorf - Ökopolis oder Sonnenstadt genannt - in drei Stufen den Berg Suchaja ("Heiliger Berg") hinauf. Auf dem untersten Plateau, der "Wohnstätte der Morgendämmerung", leben rund 60 Familien in Holzhütten und Filzjurten.

Hier haben sie auf einem Stück Torfmoor Birken und Zedern gefällt. Das Ökosystem Wald musste für die "Ökosiedlung Ökopolis" bluten: Um ein kleines Haus zu bauen, benötigt man 100 dicke Bäume und mindestens 150 junge Bäume für den Zaun und einen Schuppen. Insgesamt sollen 14 sternförmig zusammenlaufende Wege entstehen mit Namen wie "Milchstraße", "Lustiger Regen" oder "Singende Berge".

Naturnahes Leben in Sibirien: Die Vissarionisti vermeiden den Fleischverzehr
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Die Bewohner der Sonnenstadt haben alles Hab und Gut für die Gemeinschaft aufgegeben. "Um mich anzunehmen, müssen die Menschen alles aufgeben, was sie besitzen", fordert Vissarion. Geld wird abgelehnt, Tauschgeschäfte auch. Vissarion-Jünger beschenken sich. "Die Reichen werden es schwer haben, ins Himmelreich zu kommen, sehr schwer", greift der neue Gottessohn ein Logion des historischen Jesus auf.

Über der "Wohnstätte der Morgendämmerung" erhebt sich die "Himmlische Wohnstätte". Hier lebt der reinkarnierte Christus mit seiner Frau und sechs Kindern. Sein Oberpriester ist ein ehemaliger Oberst der russischen Raketenflotte, ein "Engel", wie er den engsten Vertrauten nennt.

Noch höher, noch näher am Himmel steht der Tempel "Altar der Erde". In einem Anbau hat der Taiga-Jesus seinen Zweitwohnsitz. Ein Holzhäuschen ist für seine Mutter errichtet worden. Sie wird als "Christusmutter" verehrt.

Nach halbstündigem Aufstieg feiern die treuesten Jünger des "Trägers der Wahrheit" dort oben jeden Morgen um acht Uhr die Liturgie. Danach steht Vissarion in der Bergmauer und spricht von der Anhöhe herab auf die Gläubigen wie es Jesus von Nazareth auf dem Hügel der Seligpreisungen am See Genezareth getan haben soll.

Wie aus einem Polizisten der Sohn Gottes wurde

Auf dem Weg von Vissarions Haus zum Tempelgipfel liegt das Farntal. Hier vollzieht sich jeden Tag das hochheilige Ritual der Verschmelzung. Der Meister setzt sich hin und öffnet seinen Geist. Überall, wo es Vissarionisti gibt auf der Welt, setzen sie sich zur selben Zeit ebenfalls zur Meditation, sein Foto vor sich versuchen sie die positive Energie aufzunehmen, die von Vissarion ausgeht.

Früher war Sergei Torop ein gewöhnlicher Verkehrspolizist in Minusinsk - mit neun Belobigungen. Zuvor hatte er zwei Jahre bei der Roten Armee gedient und drei Jahre in einer Metallfabrik gearbeitet. Seit Mai 1990 aber weiß der damals 29-Jährige durch ein "unwahrscheinliches Aufleuchten der inneren geistigen Kraft" von seiner Berufung. Seither zimmert er im entferntesten Winkel der Welt an seiner Arche Torop.

Seine Anhänger behaupten, Vissarions Gedächtnis reiche 2000 Jahre zurück. Sein phänomenales Erinnerungsvermögen gibt Dinge preis, die kein Bibelforscher bisher herausgefunden hat. So weiß nur Vissarion, dass er als Jesus um die Zeitenwende ein Liebhaber von Pfirsichen war, dass Jesus als Maler durch die Lande zog und Blumen und Vögel festhielt, und dass er verschiedene kleine Gegenstände bastelte, die er römischen Soldaten schenkte.

Warnungen vor Blutbad in der Taiga

Tod in Waco: Im April 1993 sterben Angehörige der Davidianer-Sekte
DPA

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Tanner wird in der Sonnenstadt "sehr liebenswürdig und herzlich" empfangen. In den Wohnungen der Sonnenstadt geht es ähnlich spartanisch zu wie in den Hütten des Fußvolks. Hier und da findet man bei den Autarkisten schon mal ein bisschen Maggi-Suppenwürze. Der Religionsvorsteher des Dorfes hat Harry Potter im Regal stehen, auch Tolstoi und Disney-Videos auf Russisch. Von Vissarion heißt es, er habe einen schokoladenbraunen Setter, obwohl Hunde sonst in seinem Reich keinen Platz haben.

Als Tanner am nächsten Tag sein Anliegen Vissarion vorbringen will, muss er mit dem Dorfvorsteher Vorlieb nehmen. Sein Fall wird diskutiert - und nimmt für ihn einen glücklichen Ausgang: Er solle mit den Seinen nach Deutschland zurückkehren.

Tanner ist erleichtert. Dass er möglicherweise deren Leben gerettet hat, ist ihm nicht bewusst. Bedenken von Sektenbekämpfern der Russisch-Orthodoxen Kirche kann er nicht nachempfinden. Diese warnen vor einem Blutbad in der Taiga, wie es die Jünger des Jim Jones vor 25 Jahren untereinander in Guyana anrichteten. Dort starben 914 Menschen der Volkstempler-Sekte. Oder wie es die Weltuntergangssekte des David Koresh vor zehn Jahren im texanischen Waco verübte, als 85 Menschen auf der "Ranch Apokalypse" getötet wurden.



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