"Engel der Verfolgten" Emilie Schindler 93-jährig gestorben

Oskar Schindlers Witwe Emilie ist tot. Zusammen mit ihrem Ehemann rettete sie rund 1700 Juden vor dem Holocaust.


Rettete Juden vor dem Konzentrationslager, indem sie sie in der Firma ihres Mannes beschäftigte: Emilie Schindler
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Rettete Juden vor dem Konzentrationslager, indem sie sie in der Firma ihres Mannes beschäftigte: Emilie Schindler

Strausberg - Kurz vor ihrem 94. Geburtstag starb Emilie Schindler am Freitagabend in einem Krankenhaus im brandenburgischen Strausberg bei Berlin. Das Ehepaar Schindler, das während der NS-Zeit rund 1700 Juden vor der Ermordung gerettet hatte, wurde durch Steven Spielbergs Hollywood-Film "Schindlers Liste" weltbekannt. Die Schindler-Biografin Erika Rosenberg nannte Emilie Schindler, die zeitlebens im Schatten ihres Mannes gestanden hatte, einen "Guten Engel der Verfolgten".

Emilie Schindler war Ende Juli wegen eines Schlaganfalls in die Klinik eingeliefert worden, kurz bevor sie in ein Pflegeheim im bayerischen Waldkraiburg am Inn umziehen sollte. Nach seiner Vertreibung aus dem Sudetenland lebte das Ehepaar seit 1949 in Argentinien und betrieb dort eine Pelztierfarm. Oskar Schindler trennte sich Mitte der 50er Jahre von Emilie, ließ seine Frau mittellos zurück und kam allein in die Bundesrepublik, wo er 1974 starb. Der Kaufmann wurde in Israel beigesetzt. Emilie Schindler lebte bis vor kurzem in einem argentinischen Altenheim, kam aber aus Heimweh zurück nach Deutschland.

"Vergessene Frau"

Emilie Schindler rettete nach Recherchen Rosenbergs durch persönlichen Mut kurz vor Kriegsende mindestens 300 jüdische Frauen, Kinder und Männer vor den Nazis. Hinzu kamen noch über 1300 Juden, die ihr Mann in seinen Betrieben in Krakau und Brünnlitz in Mähren durch die Behauptung vor dem Tod bewahrte, dass die Mitarbeiter für die Produktion kriegswichtiger Güter unbedingt nötig seien. Frau Schindler hatte selbst zu entscheiden, ob die in einem Zug Richtung Vernichtungslager eingesperrten 300 Menschen von ihr als Arbeitskräfte angenommen wurden. "Die Leute waren viel zu schwach um zu arbeiten", erinnerte sich später. "Aber ich habe zu den Bewachern gesagt: 'Ja, wir nehmen sie'. Dann haben wir begonnen die Erschöpften zu versorgen und die Toten zu begraben."

"Sie hat in der NS-Zeit durch ihren Einsatz für Juden bewusst das gleiche Risiko für ihr eigenes Leben getragen wie ihr Mann", sagte Rosenberg. Dieser "vergessenen Frau" widmet sie die Biografie "Ich, Emilie Schindler". Das Buch soll kommende Woche im Münchner Herbig Verlag erscheinen.

Aufmerksamkeit zog die Witwe auf sich, als 1999 auf einem Dachboden in Hildesheim ein Koffer mit Dokumenten und der berühmten "Liste" gefunden wurde. Nach einem monatelangen Rechtsstreit erhielt Frau Schindler von der "Stuttgarter Zeitung" im Rahmen eines Vergleichs 25.000 Mark. Das Blatt hatte die Papiere laut Presseberichten ohne Erlaubnis der Witwe veröffentlicht. Der Koffer befindet sich zurzeit in der israelischen Gedenkstätte Jad Vashem. Die Seniorin hatte sich in den vergangenen Wochen dafür eingesetzt, dass der Nachlass in das Haus der bundesdeutschen Geschichte in Bonn transferiert wird.



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