England Moderner Passagierzug entgleist – viele Opfer

Bei einem schweren Zugunglück im Nordwesten Englands ist mindestens eine Frau gestorben, über 70 Passagiere wurden verletzt. Der moderne Neigetechnikzug entgleiste, Waggons stürzten eine Böschung hinab. Die britische Eisenbahn ist für ihr marodes Schienennetz berüchtigt.


London - Der Polizeichef der Grafschaft Cumbria sagte am frühen Samstagmorgen, bei dem Todesopfer handele es sich um eine ältere Frau. 22 Menschen seien in Krankenhäuser eingeliefert worden, fünf von ihnen seien sehr schwer verletzt. "Wir sind überrascht, dass wir nicht mehr Tote vor Ort hatten. Wir haben großes Glück gehabt", sagte der Chefkommissar der Bahnpolizei, Martyn Ripley. "Das ist fast ein Wunder."

Der Personenzug der Gesellschaft Virgin Trains entgleiste gestern Abend um 21.10 Uhr auf dem Weg von London nach Glasgow in einer einsamen Gegend nahe dem Dorf Grayrigg. Die Armee schickte Hubschrauber an den Unfallort. Auch Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungstrupps aus dem nahe gelegenen Lake District waren im Einsatz.

Der Notdienst von Cumbria sprach von insgesamt 77 Verletzten. Unter ihnen befindet sich auch der Lokführer. Nach Polizeiangaben befanden sich etwa 120 Menschen an Bord. Der moderne Neigetechnikzug soll zum Zeitpunkt der Entgleisung gegen 20 Uhr (21 Uhr MEZ) eine Geschwindigkeit von etwa 150 km/h gehabt haben. Alle neun Waggons entgleisten und stürzten zum Teil eine Böschung hinab.

Einsatzkräfte der Feuerwehr bargen in der Nacht bis zu acht Menschen, die mehrere Stunden lang in zerstörten Wagen eingeschlossen waren. Bergungsteams suchten mit Polizeihunden auch nach Menschen, die möglicherweise im Schockzustand im Dunkeln herumirrten.

Strecke bleibt tagelang geschlossen

Die Unfallursache war zunächst unklar, womöglich gab es aber ein Problem an den Weichen. Am Morgen konzentrierten Unfallexperten ihre Untersuchungen auf mehrere Weichen, sagte Polizeisprecher Martyn Ripley der britischen BBC. Erst in der vergangenen Woche seien dort Wartungsarbeiten ausgeführt worden. Die Zugstrecke bleibt voraussichtlich sechs Tage gesperrt.

Eine leitende BBC-Mitarbeiterin, die sich in dem Zug befand, sagte dem Sender per Mobiltelefon, der Zug sei "ganz schlimm von einer Seite zur anderen geschlingert", bevor ihr Waggon umgekippt sei. Ruth Colton berichtete, die Fahrt sei mit einem Mal "sehr holprig" geworden, und dann sei der Waggon plötzlich umgekippt. Es seien viele Gegenstände durch die Luft geflogen. Die 25-jährige Australierin Vanessa Robinson sagte: "Ich hörte einen plötzlichen Schlag, und ich dachte, ich müsste sterben. Ich wurde gegen die Wand des Wagens geschleudert."

Zurzeit sucht die Polizei weiter nach den Gründen für das Unglück. Während der vergangenen Woche wurden demnach an den Gleisen in der Unfallregion Wartungsarbeiten vorgenommen.

Das Unglück wirft erneut ein schlechtes Licht auf die zwischen 1994 und 1995 privatisierte britische Eisenbahn, die seit Jahren für Sicherheitsmängel und Versäumnisse bei der Wartung von Zügen und Schienennetz berüchtigt ist. Im September 1997 starben sieben Menschen und 150 weitere wurden verletzt, als zwei Züge in Southall im Osten von London zusammenstießen. Bei einer Kollision zweier Züge im Oktober 1999 beim Londoner Bahnhof Paddington wurden 31 Menschen getötet und 245 weitere verletzt.

abl/AFP/AP



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