Entgleister ICE Polizei will Weichen überprüfen

Nach dem Zugunglück, bei dem ein mit 135 Menschen besetzter ICE in einem Tunnel bei Fulda entgleist war, beginnt die Suche nach den Ursachen. Bislang gilt eine Schafherde als Auslöser. Die Polizei will nun aber auch Weichenstellungen überprüfen. Bei dem Unglück wurden 19 Menschen verletzt.


Hamburg/Frankfurt - Können 20 Schafe einen tonnenschweren ICE zum Entgleisen bringen? Das ist zumindest zum jetzigen Zeitpunkt die Hypothese zum ICE-Unglück im Landrückentunnel bei Fulda. Der Zug raste gestern Abend mit mehr als 200 km/h zwischen Fulda und Würzburg in eine Schafherde, die sich offenbar am Eingang des Tunnels befand. Fest steht, dass der Zug entgleiste, aber noch weiter in den Tunnel hineinfuhr. Erst knapp einen Kilometer von der Einfahrt entfernt kam der ICE zum Stehen, nur zwei der insgesamt zwölf Waggons waren nicht entgleist.

Folge des Unglücks: 19 der insgesamt 135 Passagiere an Bord des Zuges wurden verletzt. Vier von ihnen mussten mit Knochenbrüchen im Krankenhaus behandelt werden, wie ein Sprecher der Bundespolizei Koblenz am Sonntagmorgen mitteilte.

Wie die Tiere auf die Gleise gelangen konnten, war zunächst unklar. Der Schäfer sei jedoch zum Zeitpunkt des Unglücks nicht bei der Herde gewesen, sagte der Polizeisprecher. Gegen ihn werde ermittelt. Ob die Schafe eingezäunt waren oder sich frei in der Nähe des Tunnels bewegen konnten, war zunächst nicht bekannt.

Bahn-Sprecher Torsten Sälinger sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, es sei "Gegenstand der Ermittlungen", ob tatsächlich die rund 20 Schafe den schweren Unfall ausgelöst hätten. In der Tat klingt es erstaunlich, dass die vergleichsweise leichten Tiere einen mit großer Geschwindigkeit heranbrausenden ICE aus dem Gleis gehebelt haben sollen.

Polizeisprecher Reza Ahmari erklärte, nach bisherigem Stand der Ermittlungen seien die Schafe für den Unfall verantwortlich. Über ein einzelnes Reh rolle ein Zug einfach hinüber, bei einer ganzen Herde sehe dies anders aus. "Wir gehen davon aus, dass die geballte Masse der Tiere auch einen ICE aus der Bahn wirft", sagte Ahmari.

Weichen Schuld am Unglück?

Die Bundespolizei Koblenz prüfe jedoch auch, ob bei dem Unglück auch die Stellung der Weichen eine Rolle gespielt habe, erklärte Ahmari. Weitere Angaben dazu wollte er unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht machen.

Das Unglück im Landrückentunnel, dem mit elf Kilometern längsten Eisenbahntunnel Deutschlands, ereignete sich gegen 21.00 Uhr auf der Fahrt der Zuges von Hamburg nach München. Die unverletzten Fahrgäste wurden mit Bussen ins Bürgerhaus Mittelkalbach in der Rhön gefahren und von dort aus zu ihren Zielorten gebracht.

Ein schweres Zugunglück in einem Tunnel gehört zu den schlimmsten Szenarien, mit dem sich Rettungskräfte der Bahn in Übungen beschäftigen. So gesehen ist der gestrige Unfall noch glimpflich verlaufen. Es gab keine Toten, der Zug hat sich nicht im Tunnel verkeilt, und es gab auch keine Kollision mit einem entgegenkommenden Zug.

Trotzdem gestaltet sich die Bergung schwierig, denn große Kräne können in einem nur wenige Meter hohen Tunnel nicht eingesetzt werden. "Wir werden den ICE mit Räumungsgerät wieder aufgleisen", sagte Bahnsprecher Sälinger im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dies werde aber mehrere Tage dauern. Der Tunnel bleibe solange vollständig gesperrt, Züge müssten über eine andere Strecke umgeleitet werden. "Das führt zu einer 30 Minuten längeren Fahrzeit", erklärte Sälinger.

Die Bahn rechnet deshalb auch in den nächsten Tagen noch mit erheblichen Beeinträchtigungen des Nah- und Fernverkehrs. Betroffen sind alle ICE-Verbindungen über die Schnellfahrstrecke Würzburg-Fulda. Dazu gehören unter anderem die stündlich zwischen Hamburg und München verkehrenden Züge.

"Ich dachte, ich ersticke"

Für viele Fahrgäste war der Unfall ein Horrorerlebnis. Eine Augenzeugin berichtete, der Zug habe stark geruckelt, als er über die Schafe fuhr. Danach sei der Wagen, in dem sie saß, aus dem Gleis gesprungen, einige hundert Meter neben den Schienen weitergefahren und schließlich halb gekippt zum Stehen gekommen. Die Fahrgäste hätten den Zug durch die Türen verlassen und seien entgegen der Fahrtrichtung auf dem Rettungssteig aus dem Tunnel gelaufen.

"In der Röhre war ein unglaublicher Qualm und Staub, ich dachte, ich ersticke", berichtete die 47-Jährige. "Ich bin noch immer grau von Kopf bis Fuß wie am 11. September in New York." Etwa 50 Meter vor dem Ausgang traf die Münchnerin auf die Schafe. "Erst sah man nur eine Fleischmasse, später erkannte ich tote Schafe, halbtote Schafe, ein paar haben auch noch gelebt und mich angesehen."

hda/AP/dpa/Reuters



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