Aus Padang berichtet Thilo Thielke
Sumatra - Über den Dörfern von Gunung Tigo kreisen die Hubschrauber der indonesischen Armee und werfen Pakete mit Nudeln, Milch und Decken ab. Noch immer sind hier, unweit von Pariaman, etliche Ortschaften von der Versorgung mit Hilfsgütern abgeschnitten.
Erdrutsche, ausgelöst von dem Erdbeben am vergangenen Mittwoch, hatten in den Bergen wichtige Verbindungsstraßen unpassierbar gemacht. Hunderte, vielleicht Tausende Menschen benötigen dringend Hilfe, gerade jetzt, wenn die Regenzeit beginnt und die Sturzfluten des Monsun niedergehen.
Die Zahl der Toten auf Sumatra ist offiziell auf mittlerweile 704 gestiegen, und die Angaben zur Zahl der Verschütteten schwanken immer noch zwischen 300 und 5000. Der Bürgermeister von Padang schätzt den Schaden in seiner besonders stark betroffenen Stadt auf 62,4 Millionen Dollar.
"Mindestens zwei Jahre für den Wiederaufbau"
Die indonesische Regierung hat insgesamt 636 Millionen Dollar Hilfe zugesagt. "Dennoch brauchen wir mindestens zwei Jahre für den Wiederaufbau in West Sumatra", sagt Ade Edward, der Leiter einer Hilfseinheit.
Rettungskräfte aus über zwanzig Ländern sind inzwischen eingetroffen. Dabei fällt auf, dass nur wenige islamische Staaten (Malaysia, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Türkei) Helfer geschickt haben - aber die muslimische Welt wird sich möglicherweise später um den Aufbau von Moscheen bemühen.
170.000 bis 200.000 Häuser sollen beschädigt, die Hälfte davon komplett zerstört worden sein, schätzt die indonesische Vereinigung von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond. Aber die Zahlen weichen zum Teil erheblich voneinander ab und scheinen derzeit nicht besonders seriös.
Göttlicher Fingerzeig
Die Islamisten des Landes verbreiten derweil vornehmlich per SMS und Internet ihre ganz eigene Form der Ursachenforschung. Natürlich sehen sie in dem verheerenden Beben der Stärke 7,6 auf der Richterskala einen göttlichen Fingerzeig. Da die Erde um 17.16 Uhr gewackelt habe, machten sich einige von ihnen im Koran unter Sure 17, Vers 16 schlau. Und siehe da: "Und wenn wir eine Stadt zugrunde gehen lassen wollen, befehlen wir denen aus ihr, die ein Wohlleben führen, in ihr zu freveln", heißt es da, "dann geht das Wort an ihnen in Erfüllung, und wir zerstören sie von Grund auf."
Die Katastrophe von West-Sumatra also bloß eine göttliche Strafaktion für Ausschweifungen? Natürlich glaubt nur eine Minderheit im größten muslimischen Land der Erde (insgesamt rund 245 Millionen Einwohner) diesen Hokuspokus. Obwohl Indonesien immer wieder durch spektakuläre Bombenanschläge - etwa auf der Insel Bali im Jahr 2002 mit mehr als 200 Toten oder kürzlich auf zwei Luxushotels in der Hauptstadt Jakarta - in die Schlagzeilen gerät, wird in dem weit ausgedehnten Inselstaat eine eher moderate Form des Islam praktiziert.
Eine Frage, die viele Indonesier quält, ist hingegen, ob die Katastrophe zumindest in diesem Ausmaß hätte verhindert werden können. "Haben schlampige Bauweise und Korruption viele Leben gekostet?", will etwa die Tageszeitung "Jakarta Globe" in einer dicken Überschrift wissen und zitiert den Generalsekretär des indonesischen Roten Halbmonds, Djazuli Ambari mit dem Satz: "Es gibt so viel Korruption in Indonesien, dabei ist Geld vorhanden, und es sollte kein Problem sein, Gebäude mit starken Fundamenten zu errichten - aber das Geld wird missbraucht."
Ein schlimmer Verdacht
Wie viele Indonesier hat Ambari den Verdacht, dass Baufirmen Geld abgezweigt und billiges Material verwendet haben und Baugenehmigungen ohne ausreichende Prüfungen erteilt wurden. Ein Bewohner Padangs glaubt, "dass viele Gebäude zusammenbrachen, weil korrupte Beamte und Bauunternehmer davon profitiert haben, Geld in die eigene Tasche zu stecken und Standards zu verletzen".
Auffällig ist, wie viele Gebäude, die solide gebaut worden zu sein scheinen, in Padang nicht eingestürzt sind, während etwa das 100-Zimmer-"Rocky Plaza Hotel" für viele Gäste zur Todesfalle wurde. Schweizer Katastrophenschützer berichteten bereits zwei Tage nach dem Desaster, dass tragende Elemente in den verschiedenen Stockwerken nicht übereinander, sondern versetzt gebaut worden seien. Tonnenschwere Säulen der oberen Etagen hätten sich so in Geschosse verwandelt, die durch die dünnen Deckenwände ungehindert nach unten gerast seien.
Die offenkundige Schlamperei lässt für die Zukunft Schlimmes befürchten. "Wir müssen davon ausgehen, dass sich in den nächsten Jahren weitere schwere Erdbeben auf Sumatra ereignen", sagte der indonesische Seismologe Wahyu Triyoso SPIEGEL ONLINE, "dieses Gebiet liegt genau an der Schnittstelle zwischen der eurasischen und der indo-australischen Platte, in Indonesien bebt die Erde praktisch täglich."
Tödliche Nachlässigkeit
Triyoso wirft den Baubehörden tödliche Nachlässigkeit vor. Sie hätten zugelassen, dass in dem vermutlich erdbebenreichsten Winkel der Erde mit minderwertigem Material mehrstöckige Betonhäuser errichtet wurden. "In so einem Gebiet überhaupt mehrstöckig zu bauen, überhaupt Beton zu verwenden, stellt ein extrem hohes Risiko dar", sagt der Seismologe, "am besten wäre es, wir würden Holz verwenden, das ist elastisch, und so haben schon unsere Vorfahren gebaut." Die ganze Küste von Aceh im Westen bis Bandar Lampung im Osten sei für hohe Gebäude eigentlich gänzlich ungeeignet.
Denn dass die Gegend um die Großstadt Padang, in der zwischen 700.000 und 900.000 Menschen leben, extrem gefährdet war - so neu ist diese Erkenntnis nicht. "Schon 1833 hatten wir hier ein ähnlich schweres Beben mit einer Stärke von 8,1 auf der Richterskala", so Triyoso, "seitdem bebt die Erde in der Region ständig." Der Grund: "Direkt vor der Küste Westsumatras befindet sich eine Mikroplatte, die spröder ist als die elastische Platte vor der Küste von Aceh."
Während die Platte bei Aceh, deren Bruch im Dezember 2004 den Jahrhundert-Tsunami auslöste, auf einer langen Strecke von 1200 Kilometer zerborsten sei, zerspringe die Mikroplatte vor Westsumatra gewissermaßen in tausend Stücke - "die beiden Beben aus der vergangenen Woche sind nur zwei unter vielen, die zum Glück normalerweise aber nicht die Stärke des Großbebens vor Aceh erreichen".
"Sehr wahrscheinlich einen Tsunami auslösen"
Mehr Sorgen bereitet dem Seismologen aber eine andere Region, auf die sich derzeit noch nicht besonders viel Aufmerksamkeit richtet. "Ich rechne mit mindestens einem schweren Erdbeben in der Gegend von Lampung, am Südostzipfel Sumatras", sagt Triyoso, der alle verfügbaren historischen Erdbebendaten der Region auswertet und daraus die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Erdstöße errechnet, "und diese Beben werden sehr wahrscheinlich einen Tsunami auslösen."
Für Lampung könne das eine Katastrophe bedeuten, die diejenige von Padang und Pariaman bei weitem übersteige. Mehr als eine Millionen Menschen leben in dem "extrem dichtbesiedelten Gebiet". Das Szenario weckt böse Erinnerungen.
Als 1883 der nicht weit von Lampung entfernt liegende Vulkan Krakatau ausbrach, soll man den Knall noch auf der 4600 Kilometer südwestlich gelegenen Insel Rodriguez gehört haben, der Himmel verdüsterte sich, noch im 840 Kilometer entfernten Singapur ging ein Ascheregen nieder. 165 Dörfer wurden zerstört. 36.000 Menschen starben. Die Hälfte von ihnen in einer mehr als vierzig Meter hohen Flutwelle.
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