Erdbeben in den Abruzzen L'Aquila plant den Wiederaufbau

Hunderte Todesopfer, Zehntausende Obdachlose - die Bilanz des schweren Erdbebens in Mittelitalien ist verheerend. Die Innenstadt von L'Aquila liegt in Schutt und Asche. Doch die Einwohner geben ihre Stadt nicht auf: Architekten aus der ganzen Welt sollen sich am Wiederaufbau beteiligen.

Aus L'Aquila berichtet


L'Aquila - Paola Ardizzola kämpft mit den Tränen: "Ich weiß, dass es angesichts der vielen Toten ungerecht ist, aber das Erdbeben hat L'Aquila vernichtet, einen Juwel von Stadt, und das macht mich unendlich traurig", sagt die 41-jährige Architektin aus Navelli, einem mittelalterlichen Dorf rund 40 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Auch hier bebte in der Nacht zum Donnerstag erneut die Erde, mehrfach und heftig, die Menschen fuhren aus ihren Feldbetten hoch und liefen nervös durch die Zeltstädte, die überall in der Region entstanden sind.

Noch immer wagt kaum jemand, in den eigenen vier Wänden zu schlafen, denn die Beben von L'Aquila gelten als unberechenbar und atypisch in ihrem Verlauf. In der Vergangenheit begannen sie den örtlichen Experten zufolge stets völlig unerwartet mit einer heftigen Erschütterung und schwächten sich dann ab.

Dieses Mal jedoch kündigte sich die Katastrophe über Monate mit kleinen Erdstößen an und steigerte sich dann zu dem großen Beben in der Nacht zum Montag. Die aktuellen Nachbeben sind unerwartet stark, dauern allerdings nur bis zu zehn Sekunden, so dass die Schäden nicht so verheerend ausfallen wie am Anfang.

Für Paola Ardizzola, Kunstkritikerin und ehemalige Dozentin an der Akademie der Schönen Künste in L'Aquila, brach am Montag eine ganze Welt zusammen. Jeder kollabierte Kirchturm, jede demolierte Häuserfassade und die kriegsähnlichen Panoramen der Stadt scheinen ihr geradezu körperliche Schmerzen zu bereiten.

"Das Einzigartige der Architektur"

Die Kuppel der Chiesa del Suffragio auf der Piazza Duomo stürzte komplett ein, die Fassade kippte nach vorn. Hier treffen sich seit hundert Jahren jeden Morgen die `L'Aquilaner auf dem Markt, trinken Kaffee, tauschen Neuigkeiten aus und plaudern. Nach dem Erdbeben hat das Herz der Stadt aufgehört zu schlagen. "Es war immer das Einzigartige der hiesigen Architektur, dass sie perfekt funktionierte für den Menschen", erklärt Ardizzola.

1254 wurde L'Aquila gegründet, als Zusammenschluss zahlreicher umliegender Ortschaften, um ein Zentrum in der Region zu schaffen. Ironie der Geschichte: Viele der jetzt zerstörten Gebäude wurden Anfang des 18. Jahrhunderts gebaut - unmittelbar nach einem verheerenden Erdbeben im Jahr 1703, das die Stadt dem Erdboden gleichmachte.

Von den Universitätsgebäuden nahe der Piazza Palazzo ist kaum etwas übrig geblieben, "ein besonders schmerzlicher Verlust, weil man gerade hier die Renaissance greifbar studieren konnte", sagt Ardizzola. "Viele Studenten aus dem Ausland schätzten L'Aquila dafür, dass die Steine hier buchstäblich mit ihnen redeten."

Im Experimentellen Museum für Moderne Kunst hat die Architektin eine Ausstellung organisiert. Jetzt liegen dort wertvolle Kunstwerke unter Schutt begraben - von Joseph Beuys, dem in Rom lebenden griechischen Künstler Jannis Kounellis, dem italienischen Aktionskünstler Michelangelo Pistoletto und Pop-Art-Vertreter Mario Schifano. "Der Schaden ist gar nicht zu bemessen", sagt die Kunstexpertin.

"Historisches Gedächtnis nicht annullieren"

Kurz nach der Katastrophe meldete sich Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu Wort und empfahl, L'Aquila im Stile der "new town" neu zu errichten - mit vielen modernen Wohnhäusern und Mietskasernen. "Man kann doch nicht das historische Gedächtnis einer Stadt einfach annullieren", empört sich Ardizzola. "Fragt doch erstmal die Bürger, was sie wollen." Auch der bekannte italienische Architekt Massimiliano Fuksas wies den Vorschlag als realitätsfern zurück, weil das in den dreißiger Jahren in den USA entworfene Konzept eines sozialen Wohnungsbaus noch nie funktioniert habe.

Fuksas sagte nach der Katastrophe, der Einsturz sowohl des Studentenwohnheim als auch des Krankenhauses von L'Aquila seien "unerklärlich", weil beide Gebäude in den siebziger Jahren aus Stahlbeton gebaut wurden und weit stärkeren Erdstößen hätten standhalten müssen.

Ardizzola fordert die Kulturschaffenden der Stadt auf, sich in Komitees zusammenzuschließen und Konzepte für einen Wiederaufbau zu entwerfen. Diese sollten dann den Verantwortlichen vorgelegt und diskutiert werden. Alles in allem bleibt die Architektin optimistisch: Egal wie die Politiker entscheiden - die Menschen von L'Aquila lieben ihre Stadt und werden sich aktiv am Wiederaufbau beteiligen.

Die fatale Situation nach dem Erdbeben berge auch die Chance für einen Neuanfang. "Wir haben die Möglichkeit, die in Italien typische Angst vor der modernen Architektur zu überwinden, indem wir versuchen, das Alte mit dem Neuen zu verbinden."

Es wäre hilfreich, wenn Architekten aus der ganzen Welt in die Abruzzen kämen und den Verantwortlichen klar machten, wie man das kulturelle Erbe bewahren könne. "Um ein antikes Gleichnis zu bemühen: Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesen - und wir sollten die Giganten nicht vergessen."

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien
Erdbeben 2009 in L‘Aquila
Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.
2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)
Bei einem Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala starben am 31. Oktober 2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise) 30 Menschen - darunter 26 Kinder, die unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule verschüttet wurden.
1997 in Umbrien und Marken
Ein Beben der Stärke 5,7 auf der Richter-Skala beschädigte am 26. September 1997 in den Apennin-Regionen Umbrien und Marken in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Insgesamt starben zwölf Menschen. Schwere Schäden erlitt auch die Basilika San Francesco von Assisi , in der sich weltberühmte Fresken von Giotto und Cimabue befinden. Als ihr Dach einstürzte, starben vier Menschen. Der Gesamtschaden des Bebens wird auf umgerechnet mindestens 2,56 Milliarden Euro beziffert.
1980 in Irpinia
Ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschütterte am 23. November 1980 das süditalienische Gebiet Irpinia . Über 3000 Menschen verloren ihr Leben, rund zehntausend Menschen wurden verletzt.
1976 in Friaul
Bei einem Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala in Friaul kamen im Mai 1976 etwa 970 Menschen ums Leben, 70.000 Menschen wurden obdachlos. Die Erdstöße waren bis nach Bayern spürbar.
1915 in Avezzano
Am 13. Janur 1915 gab schon einmal ein schweres Erdbeben in der Provinz L’Aquila . Das Epizentrum lag in der der Stadt Avezzano , die vollständig zerstört wurde. Das Beben der Stärke 7,5 auf der Richter-Skala forderte nach Schätzungen fast 30.000 Todesopfer.
1908 in Messina (Sizilien)
Am 28. Dezember 1908 erschütterte eines der schwersten Erdbeben Europas mit einer Stärke von 7,5 auf der Richter-Skala die sizilianische Stadt Messina und die Region Südkalabrien . Mehr als hunderttausend Menschen starben.

insgesamt 309 Beiträge
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Seite 1
IsArenas, 06.04.2009
1.
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
In Italien gewiss nicht. Viele neue, als erdbebensicher geltende Gebäude (seit dem großen Beben in Messina /Reggio Calabria von 1908 sind theoretisch sowieso alle Gebäude per Gesetz "erdbebensicher") sind heute Nacht/Morgen eingestürzt wie Kartenhäuser. Außerdem sind Erdbeben einfach zu unkalkulierbar, die Werte auf den Skalen sagen nicht viel aus. Der Zivilschutz geht jetzt davon aus, das Epizentrum habe nur 5 km unter der Erdoberfläche gelegen. Im Übrigen denke ich, dass es gegen die gewaltigen Verschiebungen der afrikanischen Platte gegen Norden (die Alpen wachsen immer noch!) letztlich keinen Schutz gibt, außer vielleicht aus bestimmten Zonen wegzuziehen -- da gibt es in Italien aber noch viel gefährlichere Gegenden als die Abbruzzen, wo es ja ständig bebt...
ntholeboha 06.04.2009
2. Nein!
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
Auch mit modernsten und in der Zukunft noch besseren Instrumentarien sowie vielfaeltigen Vorsorgen wird es keinen ausreichenden Schutz in Europa geben koennen. Sicher Panikmache waere ebenso unangebracht aber wir leben nun einmal quasi auf einem recht aktiven Pulverfass. Eindaemmungen von Gefahren sind sicher weiterhin denkbar. Es gibt jedoch auch Punkte, die es mit zu beruecksichtigen gilt: Warum z. B. muessen sich Menschen am Fusse von Vulkanen ansiedeln? Sind die Einwohner von Gefahrengebieten ausreichend ueber die gegebenen Situationen informiert und wie sind sie auf etwaige Naturereignisse vorbereitet? Wer kann mit absoluter Sicherheit sagen, wie sich das Erdinnere kuenftig auch in sicherer geglaubten Gebieten entwickeln wird? Und nicht zuletzt: warum 'nur' ueber Europa nachdenken im Zeitalter der Globalisierung? Die eigenen Fehlleistungen beim Umgang mit unserer Umwelt sind dabei noch gar nicht beruecksichtigt. Ausserdem mutet es auch seltsam an, Katastrophen dann als solche zu postulieren wenn es um Menschenleben geht - als ein Teil der gesamten Erde, die uns nicht aber die wir brauchen.
ebert 06.04.2009
3. Schäden?
Erstaunlich ist, dass ein Beben mit "nur" 5,7 auf der Richterskala (laut Landeserdbebendienst Freiburg übrigens in 10km Tiefe) solche Schäden verursacht. Das Beben 2004 im Kandelwald hat trotz 5,4 lediglich zu einzelnen Gebäuderissen und herunterfallenden Dachziegeln geführt. Wird in Italien anders gebaut?
Mo2 06.04.2009
4. Und
Berlusconi möchte Atomkraftwerke bauen, schön mit sandigem Mafia-Beton...
Lottofreak 06.04.2009
5. Sicherheit gibt es wohl nur begrenzt in
Zitat von sysopIn Italien sind mindestens 31 Menschen bei einem Erdbeben der Stärke 5,8 auf der Richterskala ums Leben gekommen. Gibt es ausreichenden Schutz in Europa? Diskutieren Sie mit!
statisch korrekten und auf tiefem Fundament gebauten Häusern. Wie man aus dem Süden eben leider nur zu gut weiß wurde und wird dort noch immer beim Bau arg gepfuscht und gespart wo es nur geht.Billigbeton, dünne tragende Wände, schlechter Stahl oder kaum einer... ec. - Bin kein Bau Ingeneur aber soviel sagt mir mein gesunder Verstand, daß ein Objekt welches fast nur auf Sand oder lösigem Boden gebaut ist eben schneller einstürzt als ein Haus fest auf/in Beton verankert. Ich selber wohne in einem 80 Jahre altem 3stöckig. 4 Kant Altbaublock mit Innenhof in Bayern - die Bausubstanz ist erbärmlich verkommen und es gibt schon viele Risse in Wohnungen - außerdem ist der Pfusch unverkennbar, keine Wohnung gleicht der anderen d.h. es haben unendlich viele unterschiedliche Leute hier rumgebaut.... bei einem Edbebeben dieser Stärke - Oh Gnade Gott..... würde hier alles ebenso zusammenbröseln- ein gruseliger Gedanke - ich wohne nämlich Parterre.....
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