Erdbeben in der Osttürkei "Unsere Stadt liegt in Trümmern"

Die Berichte sind dramatisch: Bei einem schweren Erdbeben im Osten der Türkei sind nach Regierungsangaben mehr als 200 Menschen gestorben, mehr als tausend wurden verletzt. Besonders betroffen sind die Städte Van und Ercis.  

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


Menschen rennen schreiend auf die Straße, andere sitzen wie betäubt zwischen den Trümmern ihres Hauses. Große Zementbrocken haben Autos zertrümmert. In der kurdischen Stadt Van, im Osten der Türkei, sieht es aus wie nach einem verheerenden Bombenanschlag. In Van hat am Sonntagmittag die Erde gebebt. Mit 7,2 auf der Richterskala entlud sich ein Erdstoß rund sieben Kilometer unter der Erde - auch im Nachbarland Armenien war das Beben spürbar, in der Hauptstadt Eriwan seien Tausende Menschen aus Angst vor einstürzenden Häusern ins Freie geflüchtet, berichteten örtliche Medien.

Nach Angaben der türkischen Regierung wurden mindestens 217 Menschen bei dem Erdbeben getötet, 1090 Verletzte seien geborgen worden, sagte der türkische Innenminister Idris Naim Sahin in der Nacht zum Montag. Der Leiter der türkischen Erdbebenwarte Kandilli in Istanbul fürchtet, es könnte insgesamt bis zu tausend Todesopfer geben. 1275 Helfer aus 38 Provinzen seien in die Provinz Van entsandt worden, hieß es von den Behörden.

Das Epizentrum liegt gut 20 Kilometer nordöstlich zwischen dem Van See und der iranischen Grenze. Im Epizentrum des Bebens liegt die 75.000-Einwohner-Stadt Ercis. Auch Stunden nach dem Beben hatte es noch kein Fernsehteam bis Ercis geschafft, deshalb kennen die Menschen in der Türkei das Ausmaß der Katastrophe, die Ercis getroffen hat, nur durch die Stimme des Bürgermeisters Zulfikar Arapoglu. Die Lage ist dramatisch - heftige Nachbeben erschwerten zudem die Suche nach den Verschütteten.

"Unsere Stadt liegt in Trümmern"

Auf einer der wenigen nicht zerstörten Telefonleitungen ist die völlig aufgelöste Stimme des Bürgermeisters von Ercis zu hören. "Unsere Stadt liegt in Trümmern, hier gibt es Tausende von Toten und Verletzten. Schickt sofort Hilfe", beschwört er die Behörden in Van. Ercis hat nur ein kleines Krankenhaus. "Wir brauchen Medikamente, Wasser, Babynahrung, Zelte und Helfer, die Verletzte aus den Häusern bergen können."

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Türkei: Viele Tote bei Erdbeben
Bei einem Erdbeben geht es um Stunden. Wer in den ersten acht Stunden nicht gerettet wird, hat zumeist kaum noch eine Chance. Während in Van bereits kurz nach dem Beben die ersten Räumfahrzeuge auf der Straße sind und Erste-Hilfe-Teams die Leute unterstützen, die Verwandte oder Nachbarn aus den Trümmern retten, ist es offenbar schwer, nach Ercis vorzudringen. Der Gouverneur von Van macht sich mit dem Hubschrauber auf den Weg, um sich einen Überblick über die Katastrophe zu verschaffen.

Kurz darauf wird gemeldet, in Ercis seien mindesten 40 Häuser völlig zerstört und mehr als hundert schwer beschädigt. Bürgermeister Arapoglu sagt am Telefon, er fürchte, dass es sehr viel mehr werden könnten. Tatsächlich müssen bei einem Erdbeben die Zahlen der Toten und Verletzten später meistens nach oben korrigiert werden. In Ercis hat es neben einfachen Wohnhäusern auch ein Schülerinternat getroffen. Wie viele Jugendliche zum Zeitpunkt des Bebens im Haus waren, ist noch völlig unklar. Viele Menschen in der Region verbrachten die eiskalte Nacht im Freien, sie fürchteten Nachbeben.

Verwackelte Bilder einer Kraterlandschaft

Unterdessen hat der stellvertretende türkische Ministerpräsident Beshir Atalay in Ankara die Koordination der Hilfsmaßnahmen übernommen. Ein erstes mit Zelten, Medikamenten und Rettungsteams beladenes Flugzeug hob noch am Nachmittag in Richtung Diyarbakir ab, wo sich der nächste größere Flughafen befindet. Auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wollte nach Van fliegen.

Schwere Schäden wurden auch aus der Umgebung von Ercis gemeldet. In Celebibag seien viele Menschen unter Trümmern verschüttet, sagte der Bürgermeister des Ortes, Veysel Keser, NTV. "Menschen sind in Todesangst, wir können ihre Hilferufe hören." Es sei eine große Katastrophe: Häuser, Schülerheime, Hotels und Tankstellen seien zerstört.

Als es in Ercis bereits dunkel geworden ist, hat ein erstes Fernsehteam gemeinsam mit einem Ambulanzfahrzeug die Stadt erreicht. Man hört eine schrille Stimme der Reporterin, die in ihr Satellitentelefon schreit, es sehe "apokalyptisch aus". Dazu sieht man verwackelte Bilder von einer Kraterlandschaft, wo vormals die Betonbauten von Ercis standen. Die ersten 50 Toten werden in Ercis geborgen.

Mit Material von dapd



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Seite 1
1923 23.10.2011
1. ...
1. Ercis ist ein Stadtteil von Van. 2. In Van gibt es einen Flughagen: "Ferit Melen Flughafen" 3. Deutschland war eines der Länder, die Hilfe angeboten haben. Danke!
jos4711 23.10.2011
2. Blöde Vergleiche
"In der kurdischen Stadt Van, im Osten der Türkei sieht es aus wie nach einem verheerenden Bombenanschlag." Ja, oder wie nach einem Erdbeben. Was soll so ein Vergleich? Kennen wir Bombenanschläge aus eigener Anschauung besser, damit wir uns so das Ausmaß der Zerstörung besser vorstellen können? Fehlt nur noch die Angabe, dass eine Fläche in der Größe von x Fußballfeldern betroffen ist ('Fußballfelder' ist die einzige bei Journalisten bekannte Maßeinheit für Flächen).
ashti 23.10.2011
3. piling
Zitat von jos4711"In der kurdischen Stadt Van, im Osten der Türkei sieht es aus wie nach einem verheerenden Bombenanschlag." Ja, oder wie nach einem Erdbeben. Was soll so ein Vergleich? Kennen wir Bombenanschläge aus eigener Anschauung besser, damit wir uns so das Ausmaß der Zerstörung besser vorstellen können? Fehlt nur noch die Angabe, dass eine Fläche in der Größe von x Fußballfeldern betroffen ist ('Fußballfelder' ist die einzige bei Journalisten bekannte Maßeinheit für Flächen).
Angesichts der arabischen Bürgerkriege scheint nur ein Vergleich mit einem verheerenden Bombenanschlag gut vorstellbar zu sein. Ich wünschte, es würden Naturkatastrophen die Bilder verursachen, auf denen seit mehreren Monaten Geisterstädte (siehe Sirte) und tote Kämpfer, viele davon auf den Straßen gefesselt liegend zur Schau gestellt, zu sehen sind.
rap, 23.10.2011
4. Istanbul
In Istanbul wird doch die nächsten 10-20 Jahre ein Mega!beben erwartet. Das iegt genau auf der Bruchzone die schon viele schwere Erdbeben verursacht hat.. Man kann die Todeszahlen wohl leider hochrechnen. Auf 13.000.000 Einwohner :( 85% der Gebäude sollen illegal erbaut sein. Vermutlich nicht erdbebensicher und eventuell mit zuwenig Zement. Das wird wirklich megagrauenhaft. Wir können hier imho dankbar sein daß wir hier keine größeren Erdbeben haben. Und keine Tsunamis und Wirbelstürme etc. Wobei sich das bei den letzteren wohl ändern könnten. Neben anderem. Unserem selbstgemachten Klimawandel sei Dank.
timewalk 23.10.2011
5. Van
In den letzten Tagen gab es heftige Gefechte zwischen dem Türkischen Militär und Kurdischen Kräften. Vielleicht bringt dieses Erdbeben die beiden Streithähne ja etwas näher. Mehr zur Geschichte der Region http://en.wikipedia.org/wiki/Van,_Turkey
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