Erdbeben in Haiti Als mir die Worte fehlten

Wut, Trauer, Mitgefühl - in dem von einem verheerenden Erdbeben heimgesuchten Haiti wurde SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Marc Pitzke von Emotionen überwältigt. Die Eindrücke von der Katastrophe gehen ihm seither nicht mehr aus dem Kopf.

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Das Mädchen war fünf Jahre alt und trug ein gelbes Sommerkleidchen. Sein linkes Bein war von oben bis unten eingegipst, sein Gesicht schmerzverzerrt. Es schrie und schrie und schrie, wild um sich schlagend: "Maman! Maman!" Neben ihm lag ein Plüschleopard.

Zwei Ärzte und vier Krankenpfleger standen um die Trage und versuchten erfolglos, das Kind zu beruhigen. Keiner wusste, wie das Mädchen hieß oder wer seine Mutter war, nach der es so verzweifelt rief. Schließlich wandte sich ein junger Helfer kurz ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

Er weinte.

Es war der Moment, in dem auch mir unvorbereitet Tränen in die Augen schossen. Tagelang Aufgestautes wallte plötzlich in mir hoch, als ich sah, wie dieser Krankenpfleger von der Situation überwältigt wurde - zumal er ein Krankenpfleger der US-Marine war, ein kriegserprobter Soldat.

Distanz sei gut, heißt es

Fotoapparat, Notizblock und Diktiergerät sind Schutzschilder, hinter denen sich Reporter gerne verstecken. Die ihnen helfen, sich von dem zu distanzieren, über das sie gerade berichten. Distanz sei gut, heißt es, weshalb sie einem in diesem Job antrainiert wird: Journalisten müssten distanziert bleiben, um ihre Arbeit "objektiv" leisten zu können.

Manche Storys aber machen Distanz unmöglich. Sie entlarven Objektivität als einen Mythos. Als Konstrukt unserer Überheblichkeit: Für wen halten wir uns eigentlich, dass wir denken, wir stünden über den Dingen?

Das Erdbeben in Haiti war so eine Story.

Meer der Hoffnungslosigkeit

Ich erblickte das Mädchen im gelben Sommerkleidchen als erstes durch den Sucher meiner Kamera, die ich fest ans Auge gepresst hielt, als könnte sie den Schock dessen mildern, was ich durch den Sucher sah. Das Mädchen war, wie auch ich, Minuten zuvor per Helikopter an Bord des US-Lazarettschiffs "USNS Comfort" eingetroffen, die im Hafen von Port-au-Prince lag - eine Insel der Hoffnung im Meer der Hoffnungslosigkeit.

Dieses schwimmende Stahlmonster wurde zum Mikrokosmos des humanitären Desasters. Hier offenbarte sich nicht nur das Leiden der Opfer, sondern auch das oft zwecklose Heldentum der Helfer - und die Gratwanderung des Journalisten zwischen Berichterstattung, Aktivismus und Voyeurismus.

Eine Gratwanderung, die mir zuvor erstmals an jenem Sommertag bewusst geworden war, an dem ich wider Willen privat Betroffener und professioneller Berichterstatter in einem wurde - am 11. September 2001 in New York City.

Doch nichts konnte einen auf Haiti vorbereiten.

Enormer Adrenalinschub

Der Auftrag begann für mich, wie so oft, mit einem enormen Adrenalinschub. Der Flug in einer winzigen Charter-Cessna von Miami zum US-Militärstützpunkt Guantanamo Bay auf Kuba. Von dort im Laderaum eines Chinook-Transporthelikopters der Armee zum Flugzeugträger "USS Carl Vinson" vor Haiti. Von dort in einem Sechs-Mann-"Helo" der Marine zum zerstörten Port-au-Prince. Von dort weiter zur "Comfort". Island Hopping ins Elend.

Das Abenteuergefühl erstarb schnell - und das Ego duckte sich. Die Katastrophe war schon aus der Luft heraus unermesslich. Am Boden dann fehlten einem die Worte, das Erlebte zu beschreiben, ohne in Klischees zu verfallen.

Wut, Machtlosigkeit, Trauer, Mitgefühl, Ehrfurcht vor dem Einsatz der jungen Helfer: Die Emotionen verdrängten den berufsbedingten Zynismus. Geschichten, die mir erst mal die Sprache verschlagen, sind mir die wichtigsten. Sie rauben mir die falsche Distanz - und den Drang zum "Spin". Sie nisten im Kopf, auch wenn sich die Welt nicht mehr kümmert.

Das Erdbeben von Haiti jährt sich am 12. Januar zum ersten Mal. Die "Comfort" ist längst abgezogen. Die Opfer leiden bis heute. Auch das Mädchen in dem gelben Sommerkleidchen.

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