Erdbeben in Iran und im Irak "Das Haus der Nächstenliebe wurde zum Massengrab"

Nach dem heftigen Erdbeben in der Grenzregion zwischen Iran und dem Irak kämpfen sich Rettungskräfte durch die Trümmer. Überlebende beklagen Schlamperei am Bau unter der Regierung Ahmadinedschad.

REUTERS

Bei dem Erdbeben der Stärke 7,3 in den südlichen Kurdengebieten sind mindestens 445 Menschen ums Leben gekommen. Derzeit geht das iranische Innenministerium von etwa 7000 Verletzten aus, die Zahl der Opfer könne aber noch steigen.

Das Beben war in der irakischen Hauptstadt Bagdad und in der Stadt Täbris im Nordwesten Irans zu spüren. Im Osten der Türkei schreckte das Beben die Menschen auf. Auch in der kurdischen Millionenmetropole Diyarbakir flohen Bewohner aus ihren Häusern.

Mehr als 230 Tote wurden allein in der iranischen Stadt Sarpol-e Sahab gezählt. Zahllose Häuserblocks stürzten ein, riesige Trümmerberge türmten sich auf. Helfer suchten unter schwerem Beton nach Überlebenden. Eine Frau und ein Baby konnten laut iranischen Medienberichten am Montagmorgen aus den Trümmern gerettet werden.

Für viele andere gab es keine Hilfe mehr. Verzweifelte Angehörige brachen weinend neben Opfern zusammen, wie Bilder der Agenturen Tasnim und Isna zeigten. Krankenhäuser waren überfüllt. Viele Überlebende campierten im Freien, neben Lagerfeuern, nur mit Decken zum Schutz gegen die Kälte.

Bis Montagmittag gab es mehr als 140 Nachbeben in mehreren Provinzstädten - der Aufenthalt in Häusern ist lebensgefährlich. Reza Mohammadi, 51, berichtete, er sei nach dem ersten Beben mit seiner Familie hinaus auf die Straße gerannt. "Ich wollte noch zurücklaufen, um einige Dinge zu holen, aber das Haus brach schon bei der zweiten Welle komplett zusammen."

"Es fühlte sich an wie das Ende der Zeit"

Sarpol-e Sahab liegt in der iranischen Provinz Kermanschah. Hier befand sich laut Geoforschungszentrum Potsdam der Mittelpunkt des Bebens in etwa 34 Kilometern Tiefe. Die Stadt hat auch 20 Stunden nach dem Beben immer noch keinen Strom und kein Wasser.

Besonders hart traf es die kurdische Großfamilie von Ali Agha: Sie feierte am Sonntagabend in großer Runde eine Kinderparty, als die Erde zu beben begann und das Gebäude in wenigen Sekunden einstürzte. 34 Menschen starben unter den Trümmern. "Es fühlte sich an wie das Ende der Zeit und wollte nicht aufhören", sagt einer der wenigen Gäste, die nur leicht verletzt wurden.

AFP/ ISNA

Die Atmosphäre in der Stadt schwankte am Montag zwischen Trauer und Wut gegenüber der Regierung des Ex-Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Der hatte den Menschen dort neue fünfstöckige Wohnkomplexe unter dem Namen "Haus der Nächstenliebe" bauen lassen. Aber auch die hielten dem Beben nicht stand. "Ahmadinedschads Haus der Nächstenliebe wurde zum Massengrab... zum Teufel mit ihm", sagte ein kurdischer Landwirt.

Die amtliche Nachrichtenagentur Irna berichtete über schwere Auswirkungen auch in Städten wie Kasr-e Schirin oder Eslamabad. In der Region um diese Städte leben etwa 259.000 Menschen. In der Provinz bereiteten die Behörden die Einrichtung von Notunterkünften vor. Das staatliche Fernsehen zeigte, wie Zelte, Decken und Essen verteilt wurden.

Die Krankenhäuser in Kermanschah, wo die meisten Verletzten behandelt werden, sind laut Augenzeugen überfordert. Das Gesundheitsministerium in Teheran hat daher mehr als 100 Ärzte in die Region entsandt, um in mobilen Kliniken in den Grenzstädten den Menschen zu helfen. Die Schwerverletzten werden nach Teheran gebracht.

Landesweit suchten Rettungskräfte unter schwersten Bedingungen nach Überlebenden. Straßen seien abgeschnitten, die Gefahr von Erdrutschen sei hoch, berichtete der Chef des Katastrophenschutzes, Pir Hossein Koolivand. Vielerorts fiel der Strom aus. Hunderte Krankenwagen und dutzende Armeehubschrauber wurden laut Medienberichten entsandt. Irans geistlicher Führer Ayatollah Ali Khamenei wies Regierung und Armee an, "alle verfügbaren Kräfte" zu mobilisieren.

Acht Tote und Hunderte Verletzte im Irak

Im Nordost-Irak wurden im Kurdengebiet acht Menschen getötet und mehr als 500 verletzt, wie das Gesundheitsministerium in Bagdad mitteilte. Die Zahl der Toten lag in dem vergleichsweise dünn besiedelten Gebiet deutlich niedriger als in Iran.

Am stärksten getroffen wurde dort die Stadt Darbandichan, in der vier Menschen ums Leben kamen, wie der Gesundheitsminister der autonomen Kurdenregion, Rekot Raschid, sagte.

Die bergige Grenzregion zwischen Iran und dem Irak wird regelmäßig von Erdbeben erschüttert; dort verläuft eine tektonische Bruchlinie. In Nordiran kamen bei einem Erdbeben der Stärke 7,4 im Jahr 1990 rund 40.000 Menschen ums Leben. 2003 erschütterte ein Erdstoß die historische Stadt Bam im Südosten Irans. Dabei kamen mindestens 31.000 Menschen ums Leben. Auch 2005 und 2012 kam es in Iran zu schweren Beben mit Hunderten Toten.

Präsident Hassan Ruhani wird am Dienstag die Erdbebengebiete besuchen. Am Montag versprach er den betroffenen Menschen jede mögliche Hilfe. Das Beben habe für alle Ministerien höchste Priorität, so der Präsident.

ala/dpa/AFP/Reuters



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