Erdbeben in Italien "Man sah die Lichter von Accumoli nicht mehr"

Das Erdbeben in Italien hat Dutzende Todesopfer gefordert, viele Häuser sind zerstört. Augenzeugen berichten, wie sie aus dem Schlaf gerissen wurden, als die Welt ins Wanken geriet.

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"Ich wachte auf, weil mein Vater brüllend in mein Zimmer kam. Im Hintergrund hörte ich meine Mutter meinen Namen rufen", schreibt eine junge Frau auf Twitter. "Ich kann seit 3.36 Uhr nicht mehr aufhören zu weinen. Ich habe mich zu sehr erschrocken."

Viele Einwohner von Amatrice, Accumoli und Pescara del Tronto wurden am Mittwoch mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen, als das stärkste Erdbeben seit L'Aquila im Jahre 2009 Mittelitalien traf. Es hatte eine Stärke von mindestens 6,0 auf der Richterskala. Es folgten zahlreiche Nachbeben, Dutzende Menschen kamen ums Leben, nach jüngsten Angaben des Zivilschutzes sind es 73, es gab zahlreiche Verletzte.

Vielerorts wurden Häuser zerstört, auch Krankenhäuser wurden beschädigt. Vor allem in weniger dicht besiedelten Gebieten traf es die Bevölkerung hart. Viele müssen ihre Wohnungen und Häuser aufgeben.

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Provinzen Rieti und Ascoli Piceno: Zerstörung nach dem Erdbeben

"Es war ein Albtraum", erzählt ein Mann aus Configno, einem kleinen Ort nahe Amatrice, der lokalen Nachrichtenagentur Adnkronos. Als Möbel umstürzten und die Wände wackelten, seien er und seine Familie schnell auf die Straße gelaufen, wo schon andere Anwohner warteten. Einige hätten in ihrer Unterwäsche dagestanden. "Wir haben dann auf dem Platz ein Feuer gemacht und die alten Leute aus den Wohnungen geholt. Ich versuche die ganze Zeit meinen Vater zu erreichen, aber das Handy funktioniert nicht."

Giuseppe Ercoli, der Korrespondent der Nachrichtenagentur Ansa aus Ascoli Piceno, spricht von einem Dröhnen. "Dann gab es einen sehr langen Erdstoß, der uns aus dem Bett geworfen hat." Er habe sich seine Frau und seine Tochter geschnappt, dann raus auf die Straße. Dort habe er dann festgestellt, dass es keinen Strom gab. In der Ferne seien Krankenwagen zu hören gewesen.

Kaum jemand war wach, als das Erdbeben die Region traf. Wer schon auf den Beinen war, entging womöglich Schlimmerem. "Wie durch ein Wunder ist mir nichts passiert", sagte ein Müllmann aus Amatrice der Zeitung "La Repubblica". "Ich hatte gerade das Haus verlassen und war auf dem Weg zur Arbeit. In dem Moment stürzte alles ein. Zehn Sekunden waren genug, um alles zu zerstören."

Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?

Ein junger Mann Namens Valerio, ebenfalls aus Amatrice, erzählte der Lokalzeitung "RietiLife": "Die alten Häuser sind alle eingestürzt. Die Hauptstraße ist ein Desaster. Ich selbst bin halbnackt aus dem Haus geflohen. Wir sind dann mit dem Traktor rausgefahren, um die Straßen freizuräumen. Jetzt versuchen wir, auf dem Land zu helfen."

Im nahegelegenen Accumoli kam es zu ähnlichen Szenen. Die Journalistin Sabrina Fantauzzi, die sich zum Zeitpunkt des Bebens im nur wenige Minuten entfernten Illica aufhielt, berichtete der Nachrichtenagentur Adnkronos: "Als ich durch den Stoß aufgewacht bin, sah ich einen großen Riss in der Wand." Sie habe dann sofort mit ihren Kindern das Haus verlassen. "Eine junge Spanierin hier im Ort ist gestorben. Sie war die Frau eines Cousins. Sie hatten gerade erst geheiratet. Eine Tante von mir wurde nach vier Stunden aus den Trümmern gerettet."

Gleich nach dem ersten Stoß habe sie sich auf die Straße begeben und sich mit ein paar Decken mit ihren Begleitern auf einer Wiese versammelt, erzählte Fantauzzi. "Was mich am meisten betroffen gemacht hat: Man sah aus der Ferne die Lichter von Accumoli nicht mehr. Nur aufsteigenden Rauch."

Auch Gäste aus dem Ausland waren zum Zeitpunkt des Bebens in der Region. "Es war, als hätte jemand das Bett auf Schlittschuhe montiert", erzählte Michael Gilroy dem amerikanischen Nachrichtensender CNN. "Am Anfang war ich sehr verwirrt. Ich komme aus Kalifornien und weiß, was ein Erdbeben bedeutet." Als die Kronleuchter anfingen zu wackeln, hätte er gewusst, dass er das Gebäude verlassen müsste, berichtete Gilroy.

Zur selben Zeit war auch Emma Tucker, die stellvertretende Chefredakteurin der englischen Zeitung "The Times", als Urlauberin in der Region. Auf Twitter berichtete sie, dass sie ihr Haus mitten in der Nacht evakuieren musste. "Nach einiger Zeit sind wir dann zurück ins Bett, nur um von einem Nachbeben wieder in den Garten gejagt zu werden. Ziemlich angsteinflößend."

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien
Erdbeben 2009 in L‘Aquila
Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.
2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)
Bei einem Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala starben am 31. Oktober 2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise) 30 Menschen - darunter 26 Kinder, die unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule verschüttet wurden.
1997 in Umbrien und Marken
Ein Beben der Stärke 5,7 auf der Richter-Skala beschädigte am 26. September 1997 in den Apennin-Regionen Umbrien und Marken in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Insgesamt starben zwölf Menschen. Schwere Schäden erlitt auch die Basilika San Francesco von Assisi , in der sich weltberühmte Fresken von Giotto und Cimabue befinden. Als ihr Dach einstürzte, starben vier Menschen. Der Gesamtschaden des Bebens wird auf umgerechnet mindestens 2,56 Milliarden Euro beziffert.
1980 in Irpinia
Ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschütterte am 23. November 1980 das süditalienische Gebiet Irpinia . Über 3000 Menschen verloren ihr Leben, rund zehntausend Menschen wurden verletzt.
1976 in Friaul
Bei einem Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala in Friaul kamen im Mai 1976 etwa 970 Menschen ums Leben, 70.000 Menschen wurden obdachlos. Die Erdstöße waren bis nach Bayern spürbar.
1915 in Avezzano
Am 13. Janur 1915 gab schon einmal ein schweres Erdbeben in der Provinz L’Aquila . Das Epizentrum lag in der der Stadt Avezzano , die vollständig zerstört wurde. Das Beben der Stärke 7,5 auf der Richter-Skala forderte nach Schätzungen fast 30.000 Todesopfer.
1908 in Messina (Sizilien)
Am 28. Dezember 1908 erschütterte eines der schwersten Erdbeben Europas mit einer Stärke von 7,5 auf der Richter-Skala die sizilianische Stadt Messina und die Region Südkalabrien . Mehr als hunderttausend Menschen starben.
Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .

gia



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