Schweres Beben in Italien "Ich habe die Hölle gesehen"

Das Erdbeben am Sonntagmorgen war das schwerste in Mittelitalien seit 35 Jahren. Die berühmte Basilika von Norcia stürzte ein, Verletzte werden per Hubschrauber in Krankenhäuser geflogen.

DPA/ ITALIAN FIRE FIGHTERS

In Mittelitalien hat am Sonntagmorgen das stärkste Erdbeben seit 35 Jahren schwere Schäden angerichtet. Todesopfer gab es diesmal, anders als bei einem Beben im August, allem Anschein nach nicht.

In einer ersten Bilanz sprach Zivilschutz-Chef Fabrizio Curcio von einigen Dutzend verletzten Menschen, darunter auch Schwerverletzte. Die Verletzten würden mit Hubschraubern in Sicherheit gebracht. Mehrere Menschen wurden lebend aus Trümmern geborgen.

Regierungschef Matteo Renzi sagte den Menschen in den betroffenen Gebieten am Vormittag sofortige Hilfe zu und sprach sein Mitgefühl aus. "Wir werden alles wieder aufbauen: die Häuser, die Kirchen und die Geschäfte", versprach der Premier in Rom. Die Menschen in der betroffenen Region südöstlich von Perugia lebten seit Wochen in physischer Unsicherheit, Angst und Sorge. Renzi zeigte sich betroffen, dass erneut Orte in dem "wunderschönen Gebiet" von dem Erdbeben verwüstet wurden. Er appellierte an die Politiker des Landes, Streit und Spaltung zu vermeiden.

"Ich habe die Hölle gesehen"

Das Epizentrum des Bebens lag sechs Kilometer nördlich der Kleinstadt Norcia in Umbrien und 68 Kilometer südöstlich von Perugia. Der Erdstoß gegen 7.40 Uhr am Sonntag hatte eine Stärke von 6,5, wie das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie und das Helmholtz-Zentrum in Potsdam mitteilten.

In Norcia wurde die Basilika des heiligen Benedikt größtenteils zerstört, das Dach des Sakralbaus aus dem frühen 13. Jahrhundert stürzte ein. Am Nachmittag wurde der Gebirgszug in den mittelitalienischen Regionen Abruzzen, Latium, Marken und Umbrien auch noch durch Nachbeben erschüttert.

"Es war ein sehr starker Erdstoß", sagte Cesare Spuri vom Zivilschutz in der Region Marken. "Es ist alles eingestürzt", sagte der Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ussita, Marco Rinaldi. In dem Ort hatten bereits die Beben von vergangenem Mittwoch starke Schäden angerichtet. "Ich sehe eine Rauchsäule, es ist ein Desaster, ein Desaster! Ich habe im Auto geschlafen und die Hölle gesehen."

Die Erdstöße waren bis Rom zu spüren. Zwei U-Bahnlinien in der italienischen Hauptstadt wurden vorsorglich gestoppt. Das Beben sei auch deutlich und lange in Städten wie Florenz und Ancona - vor allem in oberen Stockwerken - zu spüren gewesen.

Betroffenes Gebiet um Norcia (Markierung)
Google Maps

Betroffenes Gebiet um Norcia (Markierung)

Der Gebirgszug der Apenninen ist seit jeher stark durch Erdbeben gefährdet. Bei schweren Erdstößen Ende August waren hier fast 300 Menschen gestorben. Die Zerstörung damals war auch der Grund, dass das schwere Beben am Sonntagmorgen nur relativ wenige Opfer forderte. Viele Menschen hielten sich in sicheren Gebäuden auf oder hatten das Katastrophengebiet bereits verlassen. Erst vor wenigen Tagen hatte in der Mitte Italiens die Erde gebebt.

Nach Angaben aus der betroffenen Region hätten viele Menschen als Reaktion auf die Beben der vergangenen Tage allerdings nicht in ihren Häusern geschlafen, sondern in Autos, Zelten oder bei Verwandten in sicheren Gebieten.

Papst Franziskus sprach Betroffenen sein Mitgefühl aus. "An diesem Morgen hat es wieder ein starkes Erdbeben gegeben", sagte das katholische Kirchenoberhaupt am Sonntag beim Angelus-Gebet vor Tausenden Gläubigen auf dem Petersplatz in Rom: "Ich bete für die Verletzten und die betroffenen Familien."

Regierungschef Renzi will am Montag im Kabinett über Maßnahmen beraten. In die Entscheidungen sollten auch die Spitzen der betroffenen Regionen und der Zivilschutz einbezogen werden. Viele Menschen bräuchten eine Unterkunft, sie würden voraussichtlich zunächst in Pensionen untergebracht. "Mit dem Winter vor der Tür können wir nicht an Zelte als Lösung denken."

cht/dpa/AP



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