Italien Zahl der Toten nach Erdbeben steigt auf mindestens 120

Bei dem verheerenden Erdbeben im Zentrum Italiens sind nach Angaben des Premiers Matteo Renzi mindestens 120 Menschen ums Leben gekommen. Die Regierung geht von weiteren Opfern aus.


Mindestens 120 Menschen sind bei dem schweren Erdbeben in Italien nach den Worten von Regierungschef Matteo Renzi umgekommen. "Und diese Bilanz ist nicht endgültig", sagte Renzi bei einem Besuch in der Katastrophenregion. Es gehe um Lebensgeschichten, Menschen und Familien. "Es ist ein grenzenloser Schmerz."

Italien stehe nun solidarisch zusammen, um die großen Herausforderungen nach dem Erdbeben zu meistern. Dutzende Menschen werden noch vermisst. Die Chancen, sie lebend zu finden, sinken.

In der bei Touristen beliebten Bergregion Rieti in Mittelitalien wurden noch etliche Menschen unter den Trümmern vermisst, Tausende verloren ihr Dach über dem Kopf. "Drei Viertel der Stadt sind nicht mehr da", beschrieb der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, die Verwüstung.

Video: Augenzeugen schildern die Katastrophe

REUTERS

Die Bewohner gruben mit bloßen Händen im Schutt nach Verschütteten, bevor die ersten Rettungskräfte eintrafen. Ministerpräsident Renzi mobilisierte die Armee mit schwerem Gerät.

Karte: Wo war das Erdbeben in Italien?

Das Erdbeben ereignete sich in der Nacht zu Mittwoch in der Provinz Rieti und war in ganz Mittelitalien bis nach Rom zu spüren. Sieben Jahre nach dem verheerenden Erdbeben in dem 30 Kilometer Luftlinie entfernten L'Aquila machten die Erdstöße in der Apennin-Gebirgsregion ganze Dörfer dem Erdboden gleich. Unter den Opfern sind auch viele Kinder.

Das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam gab das Hauptbeben mit der Stärke 6,2 an. Die Erdstöße rissen die Menschen in der Nacht aus dem Schlaf. Um 3.35 Uhr schwankten im Dreieck der Regionen Umbrien, Latium und den Marken die Wände, Häuser stürzten in sich zusammen. Auch im etwa 100 Kilometer Luftlinie entfernten Rom wackelte der Boden. Experten wollten dort das Kolosseum - Italiens meistbesuchtes Monument - auf Schäden untersuchen.

Auch tagsüber kam die Erde nicht zur Ruhe, rund 200 Nachbeben versetzten die Menschen in der Region nordöstlich der Hauptstadt Rom immer wieder in Angst. Viele haben alles verloren.

Betroffen sind mehrere kleine Orte in der Nähe des Nationalparks Gran Sasso und Monti della Laga. "Hier gibt es nichts mehr. Nur Trümmer. Es gleicht einer Bombardierung", sagte die italienische Parlamentspräsidentin Laura Boldrini bei einem Besuch in dem vom Erdbeben zerstörten Ort Pescara del Tronto in den Marken. Straßen waren blockiert, vielerorts fiel der Strom aus.

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Provinzen Rieti und Ascoli Piceno: Zerstörung nach dem Erdbeben

Besonders stark sind die Verwüstungen auch in der 2600-Einwohner-Gemeinde Amatrice in der Region Latium. "Die Hälfte des Ortes gibt es nicht mehr", sagte Bürgermeister Sergio Pirozzi dem Sender RaiNews24. Auch die Grundschule stürzte zur Hälfte ein. Ein Einwohner des Ortes sagte dem Sender: "Alles ist kaputt." Der Ort hatte den Ruf als eines der schönsten Dörfer in Italien.

368 Verletzte und Kranke seien seit dem Morgen aus der Gegend von Amatrice und Accumoli weggebracht worden, sagte Renzi. In Amatrice und im Nachbarort Accumoli wurden nach Angaben des Zivilschutzes bis Mittag 27 Tote geborgen, im nahe gelegenen Pescara del Tronto einem Fernsehbericht zufolge zehn. Allein in Arquata del Tronto wurden noch 100 Menschen unter dem Schutt vermutet. Rettungskräfte fürchteten, dass die Zahl der Toten deutlich ansteigen könnte.

Helfer suchten teils mit bloßen Händen nach Verschütteten in den völlig zerstörten Häusern. Immer wieder fanden sie Überlebende - und immer wieder auch Tote. Einige Kinder konnten aus den Trümmern gezogen werden, erlagen dann aber später ihren Verletzungen.

Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .

Für Hunderte Menschen ohne Dach über dem Kopf wurden Zelte aufgebaut, am frühen Abend stand eine erste Zeltstadt für gut 200 Obdachlose in Accumoli. Hunderte Menschen sollen zudem in Sporthallen unterkommen. Im Sportzentrum von Amatrice wurden Liegen aufgestellt. Unter den Menschen, die keine Unterkunft haben, sind auch Feriengäste.

Italien wird aufgrund seiner geografischen Lage immer wieder von Erdbeben erschüttert. 2009 hatte ein Beben die mittelitalienische Stadt L'Aquila unweit der jetzigen Erdbebenregion verwüstet, mehr als 300 Menschen starben. Die Häuser in der Region sind teils jahrhundertealt; bei einem solchen Beben fallen sie rasch in sich zusammen.

Die deutsche Bundesregierung bot Italien die Hilfe von Experten des Technischen Hilfswerks (THW) an. Nun müsse die italienische Regierung entscheiden, ob sie das Angebot annehme, teilte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) mit. Beim bayerischen Innenministerium hieß es, Italien habe keine internationale Hilfe angefordert. Helfer wären in diesem Fall vorzugsweise von Bayern geschickt worden, da von dort der Weg am kürzesten ist.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) drückte in einem Kondolenztelegramm ihr Mitgefühl aus, auch aus anderen Ländern kamen Hilfsangebote und Beileidsbekundungen. Papst Franziskus zeigte sich ebenfalls tief betroffen. Er finde kaum Worte, seinen großen Schmerz auszudrücken, sagte er zu Beginn der wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom. "Den Bürgermeister von Amatrice sagen zu hören, dass der ganze Ort nicht mehr existiert, und zu wissen, dass unter den Opfern Kinder sind, hat mich sehr berührt."

SPIEGEL WISSEN: Erdbeben in Italien
Erdbeben 2009 in L‘Aquila
Am 6. April 2009 bebte in der Region Abruzzen um die mittelalterliche Stadt L‘Aquila nachts um 3.32 Uhr die Erde. Das Beben hatte nach verschiedenen Messungen eine Stärke von 5,8 bis 6,3 auf der Richter-Skala . Mehr als 290 Menschen kamen ums Leben, Schätzungen zufolge wurden rund 17.000 Menschen obdachlos.
2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise)
Bei einem Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richter-Skala starben am 31. Oktober 2002 in San Giuliano di Puglia (Region Molise) 30 Menschen - darunter 26 Kinder, die unter den Trümmern ihrer baufälligen Schule verschüttet wurden.
1997 in Umbrien und Marken
Ein Beben der Stärke 5,7 auf der Richter-Skala beschädigte am 26. September 1997 in den Apennin-Regionen Umbrien und Marken in 77 Orten etwa 9000 Gebäude. Insgesamt starben zwölf Menschen. Schwere Schäden erlitt auch die Basilika San Francesco von Assisi , in der sich weltberühmte Fresken von Giotto und Cimabue befinden. Als ihr Dach einstürzte, starben vier Menschen. Der Gesamtschaden des Bebens wird auf umgerechnet mindestens 2,56 Milliarden Euro beziffert.
1980 in Irpinia
Ein Erdbeben der Stärke 6,8 auf der Richter-Skala erschütterte am 23. November 1980 das süditalienische Gebiet Irpinia . Über 3000 Menschen verloren ihr Leben, rund zehntausend Menschen wurden verletzt.
1976 in Friaul
Bei einem Erdbeben der Stärke 6,5 auf der Richter-Skala in Friaul kamen im Mai 1976 etwa 970 Menschen ums Leben, 70.000 Menschen wurden obdachlos. Die Erdstöße waren bis nach Bayern spürbar.
1915 in Avezzano
Am 13. Janur 1915 gab schon einmal ein schweres Erdbeben in der Provinz L’Aquila . Das Epizentrum lag in der der Stadt Avezzano , die vollständig zerstört wurde. Das Beben der Stärke 7,5 auf der Richter-Skala forderte nach Schätzungen fast 30.000 Todesopfer.
1908 in Messina (Sizilien)
Am 28. Dezember 1908 erschütterte eines der schwersten Erdbeben Europas mit einer Stärke von 7,5 auf der Richter-Skala die sizilianische Stadt Messina und die Region Südkalabrien . Mehr als hunderttausend Menschen starben.
Erdbeben in L'Aquila 2009

cnn/dpa/AFP/Reuters



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