Bergsteigerin Bierling über Nepal "Das Land wird doppelt getroffen"

Viele Hilfsgüter erreichen Kathmandu - das Weiterverteilen aber stockt. Das berichtet die Bergsteigerin Billi Bierling. Hier erzählt sie, warum die Folgen des Bebens Nepal noch sehr lange belasten werden.

Ein Interview von


Zur Person
  • Die Bergsteigerin und Journalistin Billi Bierling, 47, stammt aus Garmisch-Partenkirchen. Seit 2004 lebt sie in Nepals Hauptstadt Kathmandu, wo sie als Assistentin der Himalaya-Chronistin Elizabeth Hawley arbeitet. 2009 stand Bierling auf dem Gipfel des Mount Everest. Sie war die erste Deutsche, die den höchsten Berg der Welt über die beliebte Südroute erfolgreich bestieg.
SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit zehn Jahren in Kathmandu, nach dem Erdbeben sind Sie für die Schweizer Humanitäre Hilfe an den Rettungsaktionen beteiligt. Was können Sie tun?

Bierling: Ich kümmere mich um die Infrastruktur für die Helfer. Ich organisiere Einsatzwagen, Unterkünfte, Hubschrauber - und vor allem Wasser.

SPIEGEL ONLINE: Ist es schwer, an Wasser zu kommen?

Bierling: Extrem schwer, ich war gerade in mehreren Supermärkten. Die Geschäfte haben kurz aufgemacht, der Andrang war riesig. Ich bin aber stolz auf mich, ich habe zehn von diesen 20-Liter-Kanistern gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Wasserversorgung zusammengebrochen?

Bierling: Wir leben hier vom Grundwasser, das mit Elektropumpen hochgeleitet wird. Dieses System funktioniert nur mit Strom, und den gibt es hier gerade nicht. Die Stromleitungen in Kathmandu wurden schon immer kreuz und quer über die Straßen gespannt. Das Netz ist schon vor dem Beben total instabil gewesen. Jetzt sind viele Gebäude über den Leitungen zusammengebrochen, da war sofort alles aus. Zudem regnet es zurzeit in Strömen, das hilft auch nicht gerade.

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Erdbeben in Nepal: Die schwierige Mission der Retter
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die Gebäude in Kathmandu aus?

Bierling: Die meisten Wohnhäuser haben das Beben sogar überstanden. Sie haben aber große Risse in den Wänden und Fassaden. Viele Leute schlafen draußen, weil sie Angst haben, dass ihr Haus zusammenfällt.

SPIEGEL ONLINE: Kommt genügend Hilfe aus dem Ausland an?

Bierling: Es kommt wahnsinnig viel Hilfe. So viel, dass sich Lebensmittel und Geräte am Flughafen in Kathmandu stauen. Das ist hier kein Flughafen wie in München oder Heathrow, das ist ein sehr kleiner Airport. Viele Hilfsgüter bleiben erst mal dort. Die Nepalesen können mit diesen Massen noch gar nicht umgehen, die Weiterverteilung funktioniert noch nicht. Das Problem ist, dass sich die meisten Opfer in den entlegensten Winkeln des Landes befinden. Wir müssten die Retter und Hilfsgüter eigentlich so schnell wie möglich in die Bergregionen schicken.

SPIEGEL ONLINE: Wo genau wird die Hilfe am dringendsten benötigt?

Bierling: Zum Beispiel im Osten Nepals, nördlich von Bahrabise. Diese Stadt liegt auf der Straße nach Tibet. In dieser Region ist die Zerstörung extrem. Da hat das Erdbeben alles flach gemacht. Mit dem Auto kommen wir da nicht hin, weil ein Erdrutsch die Straße zugedeckt hat. Nepal ist ein zerklüftetes Land, es gibt unzählige kleine Bergdörfer. Die Menschen leben so abgelegen, zu ihnen führen keine Straßen, nur Wege. Morgen wollen wir mit dem Helikopter nördlich von Bahrabise fliegen, um zu sehen, wie es da überhaupt aussieht. Wir müssen uns erst mal einen Überblick verschaffen. Gleichzeitig wissen wir, dass uns die Zeit davonläuft. Ein schreckliches Gefühl.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die Lage der Bergsteiger am Mount Everest?

Bierling: Es gab 18 Tote, vielleicht sogar mehr. Es ist nach dem Beben eine Eislawine am Berg abgegangen. Die Lawine hat eine solche Wucht entwickelt, dass sie bis ins Basislager gerollt ist. So etwas hielt man bisher immer für ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Sind noch Bergsteiger im Basislager?

Bierling: Ja. Die Schneemassen haben zwar die Leitern und Sicherungsseile im Khumbu-Eisfall weggerissen, trotzdem hoffen manche Kletterer, dass es noch die Möglichkeit geben wird, den Everest zu besteigen. Auch auf der Nordseite sind sie noch unterwegs. Mein Gefühl sagt mir allerdings, dass in dieser Saison niemand mehr auf den Gipfel steigen wird. Die Sherpas wollen alle heim. Ihr Land geht gerade unter. Auch einige westliche Bergsteiger sind bereits abgereist.

SPIEGEL ONLINE: Über 200 Bergsteiger mussten vom Everest gerettet werden. Viele wurden mit dem Helikopter ausgeflogen. Reinhold Messner sprach von einer Zwei-Klassen-Rettung. Die Nepalesen bräuchten dringender Hilfe als wenige reiche Bergsteiger, sagte er.

Bierling: Ich bezweifle, dass Herr Messner mehr weiß als die Helfer vor Ort. Es gab auch einige Hubschrauber, die bereits in die Bergdörfer geflogen sind und von dort Menschen gerettet haben. Es gibt in Kathmandu ein Krankenhaus, in dem die Leute aus diesen entlegenen Dörfern behandelt werden. Natürlich werden die Bergsteiger vom Everest auch gerettet. Warum auch nicht? Diese Menschen sind doch auch verletzt.

SPIEGEL ONLINE: Der Bergtourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren Nepals. Was passiert, wenn diese Einnahmequelle nun wegfällt?

Bierling: Die Bergsteiger, Abenteurer und Trekking-Touristen werden hier erst mal nicht mehr Urlaub machen können. Das Land wird dadurch doppelt getroffen. Das Desaster hat Nepal um Jahre zurückgeworfen, ohne die Touristen wird es sich auch nur langsam erholen können. Aber die Nepalesen sind ein resistentes Volk. Man sieht hier trotz allem auf der Straße auch Leute, die bereits wieder lächeln.

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peter_tpp 28.04.2015
1. Handwerker vs. Mundwerker
Anstatt von seiner Burg herab den globalen Moralapostel zu spielen, wie Messner, hat sich Frau Bierling nach Nepal begeben, um dort mitanzupacken. Bringt zwar weniger publicity, hat dafür aber Substanz. Hut ab !
diefreiheitdermeinung 28.04.2015
2. Es ist immer das Gleiche
und anscheinend lernen selbst die grossen NGOs nicht dazu. Hunderte "Helfer" werden losgeschickt, bleiben dann in Delhi hängen, genauso mit hunderten von Tonnen Material das entweder nicht ankommt oder am Flughafen verottet. Meistens weil die logistischen Probleme völlig unterschätzt werden. Eigentlich bräuchte man primär hundert Hubschrauber plus den Treibstoff plus Bagger und Lastwägen. All dies aber stellt eigentlich niemand zur Verfügung und so sitzen die Helfer in Kathmandu herum und das Material auch. Vor einem Jahr auf den Philippinen war es dann das US Militär das die Hubschrauber und schweres Gerät herbeischaffte aber die sog. "internat. Gemeinschaft" ist weiterhin eigentlich schlecht gerüstet wenn nicht schlichtweg unfähig. Und von Koordination zwischen hunderten Hilfsorganisationen, die sich gegenseitig auf die Füsse treten will ich dabei garnicht sprechen.
shooop 28.04.2015
3.
Unter den Nepal-Liebhabern sind viele Menschen mit sehr viel Geld. Ich hoffe, dass es dort viele Projekte von und mit den Bergsteigern geben wird, die helfen, dort wieder aufzubauen. Nepal hat noch Glück im Unglück, dass es ein so sympathisches Land ist. Als in Pakistan vor Jahren eine Naturkatastrophe wütete und ich glaube sogar sehr viel mehr Menschen starben, hielt sich die Welle der Hilfsbereitschaft und des öffentlichen Mitgefühls doch arg in Grenzen.
Ulrike E. 29.04.2015
4. @peter_tpp:
Wie wäre es mit *richtig lesen*. Frau Bierling *lebt seit 10 Jahren* dort, dann ist es wohl kaum zu viel verlangt, wenn sie mit anpackt.
a.b. surd 29.04.2015
5. Wenn man den Artikel richtig liest, ...
Zitat von peter_tppAnstatt von seiner Burg herab den globalen Moralapostel zu spielen, wie Messner, hat sich Frau Bierling nach Nepal begeben, um dort mitanzupacken. Bringt zwar weniger publicity, hat dafür aber Substanz. Hut ab !
erfährt man, dass Frau Bierling seit über 10 Jahren in Kathmandu lebt und arbeitet - sie musste sich nicht dorthin begeben, jedenfalls nicht anlässlich des Erdbebens und um deshalb dort zu helfen.
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