Erdbeben in Nepal Wo liegt deine Zukunft, Sarita?

Das Dorf Kuwindi in der Bergkulisse Nepals war ein Idyll. Dann bebte die Erde - nirgends sind die Schäden jetzt so groß wie in diesem Distrikt. Eine ganze Generation steht vor dem Nichts.

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Aus dem Sunkoshi-Tal berichtet Ulrike Putz


Bis vor neun Tagen war das Dorf Kuwindi ein Idyll: Die 170 Häuser schmiegten sich an einen Hang, an dem die Bauern mit geduldiger Hand Terrassen angelegt hatten. Eine Quelle versorgte das Dorf das ganze Jahr über mit kühlem Wasser. Mais, Reis und Weizen gediehen so gut, dass viele Eltern im Dorf es sich leisten konnten, ihre Kinder - Jungen wie Mädchen - auf die höhere Schule zu schicken, manche sogar in das vier Autostunden entfernte Kathmandu aufs College.

Abends gab es öfter mal ein Glas Schnaps mit Aussicht: Der über siebentausend Meter hohe Gauri Shankar dominiert in diesem Teil des Sindupalchock Distrikts die Bergkulisse Nepals.

Dann bebte am 25. April die Erde, Kuwindi wurde ausgelöscht: Keines der aus Ziegel, Lehm und Feldstein gebauten Bauernhäuser hat den Erdstößen standgehalten. Kuwindi sieht heute aus, als habe ein Riese mit lockerer Hand Schutthaufen in die Felder gestreut. Was steht, sind zusammengeflickte Zelte: Unter ihnen hocken die Dörfler, einst stolze Selbstversorger, die sich noch lange nicht vom Schock erholt haben.

Keine Hoffnung auf Hilfe

Ab und an klettert einer der Männer in die Ruinen, um ein paar Habseligkeiten zu bergen, doch meistens halten sich die Menschen fern von den Trümmern. "Es bebt ja noch immer, wir können es noch nicht wagen, unsere Häuser wiederaufzubauen", sagt Sherbahadur Tamang. Der Alte hat bei dem Beben einen Enkel verloren, der Dreijährige wurde erschlagen, als das Haus zusammenbrach. Noch am selben Tag wurde seine Leiche verbrannt.

Tamang sitzt seitdem mit acht Angehörigen, Ziegen, Hühnern und einem Hund in seinem Maisfeld unter einer Plastikplane. Er wartet, weiß aber nicht genau, worauf. "Wir wissen, dass wir uns keine Hoffnung auf Hilfe von der Regierung machen brauchen", sagt der 65-Jährige. Von den Hubschraubern, die ab und an über das Dorf hinwegdröhnen, ist noch keiner gelandet. Am Vortag hätten Japaner eineinhalb Reissäcke pro Haushalt abgeladen. Mehr Hilfe sei bisher nicht gekommen.

Der Sindupalchok Distrikt nordöstlichen von Kathmandu hat während des Jahrhundertbebens die schwersten Schäden davon getragen. Bis heute sind hier etwa 3000 Tote registriert worden. Wenn man sich auf den Serpentinen-Straßen entlang reißender Schmelzwasserflüsse in die tiefen Täler hineintastet, wirkt es wie ein Wunder, dass es nicht viel mehr sind: Nördlich der Distrikthauptstadt Chautara zeigt sich inmitten der idyllischen Berglandschaft ein Bild der Verwüstung. Kein Dorf, in dem nicht 70, 80, 90 Prozent der Häuser dem Erdboden gleichgemacht sind.

Zerstörte Zukunft

Und die Gefahr ist nicht vorbei: Am Sonntag kam wieder ein Hang ins Rutschen und verschüttete die Hauptstraße nach Kathmandu. Nur mit schwerem Gerät konnte die Verbindung zur Hauptstadt wiederhergestellt werden. Die anhaltenden Bergstürze behindern die Hilfslieferungen und die Rettung der Verletzten: Noch immer sind nicht alle Erdbebenopfer aus dieser Region geholt worden.

Die Langzeitfolgen des Erdbebens sind noch nicht absehbar. Klar ist, dass die Überlebenden traumatisiert sind. Viele wirken apathisch, verwirrt, hoffnungslos. "Ich habe dreieinhalb Jahre in Saudi-Arabien als Tellerwäscher gearbeitet, um Geld für den Hausbau zu verdienen", sagt Surya Man Tamang, der älteste Sohn von Sherbahadur. Wie viele Nepalesen hatte er all sein Geld in seine Bleibe gesteckt.

Nun fürchtet der 29-Jährige um die Zukunft seiner drei Söhne. "Ich weiß nicht, ob wir es uns leisten können werden, sie auf die höhere Schule zu schicken." Noch mal ins Ausland gehen, um Geld für den Wiederaufbau nach Hause zu schicken, will er nicht: Im Dorf würde jetzt jede Hand gebraucht. In wenigen Wochen beginnt der Monsun, bis dahin müssen regenfeste Unterkünfte gebaut sein. "Dazu benötigen wir Plastikplanen, doch wir brauchen unser Geld, um Nahrungsmittel zu kaufen." Die Gefahr bestünde, dass die Dörfler aus lauter Not ihr Saatgut äßen: Das würde einen Teufelskreis der Abhängigkeit lostreten, der auf Jahre nicht gebrochen werden könnte.

Video: Schwierige Bedingungen für die Retter

Als die Häuser in Kuwindi in sich zusammenfielen, rissen sie die Lebensträume ihrer Bewohner mit sich. Surya Mans Nachbarin Sarita Tamang - die Talbewohner führen alle denselben Nachnamen, weil sie derselben ethnischen Gruppe angehören - sorgt sich darum, ob sie ihre gerade begonnene Ausbildung an einem Management-College in Kathmandu fortsetzen kann. "Ich würde so gern später in einer Bank arbeiten. Aber vielleicht muss ich das aufgeben und meinen Eltern auf dem Feld helfen."

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
archback 04.05.2015
1.
Es ist alles ganz furchtbar. Wenigstens sind wir als privilegierte weiße Westler diesmal nicht schuld. Es gibt übigens auch Völker, die erdbebensichere Städte bauen. Dort haben die Häuser schon Stärke 9 ausgehalten.
Over_the_Fence 04.05.2015
2.
Mir tun diese Menschen, die unverschuldet ihre Existenz verloren haben, sehr leid. Ich habe einer Hilfsorganisation Geld gespendet, weil ich davon überzeugt bin, daß die Bevölkerung trotz des erfahrenen Leids und der wenig rosigen Perspektiven motiviert ist, ihre Heimat wiederaufzubauen, anstatt einfach davonzulaufen (wie es andernorts mal gerne geschieht).
*Travelyunkie* 04.05.2015
3. #1 archback: erdbebensichere Städte?
Welche Völker sind das denn, die so erdbebensichere Städte bauen, dass diese sogar Beben der Stärke 9 aushalten?
prisma-4d 04.05.2015
4. ...warum keine Hoffnung auf Hilfe?
Haben die Menschen wirklich keine Hoffnung auf Hilfe. Stirbt die Hoffnung doch zuletzt! Und besonders bemerkenswert: es wird erwartet das die "Regierung" hilft. Ist es tatsächlich so, das diese Menschen auf die Regierung hoffen? ...oder ein Irrglaube der westlichen Medien weil wir denken es müsste so sein und es deswegen ein Skandal ist weil sie es nicht tun (bzw. können) Keine Frage es ist eine Tragödie. Meine Frage: was ist mit dem Gemeinwesen? Mit Nachbarn, mit Nachbardörfern. Warum wird ein Hubschrauber erwähnt der ein paar Säcke Reis absetzt aber keine Inititative um Lebensmittel zu transportieren (die es sicherlich gibt..) Wir sollten uns angewöhnen "realistisches" Mitleid zu zeigen und zu zelebrieren: Fragen, wo können wir helfen und wie. Und wenn das noch nicht möglich ist, zu erst mal Essen und Trinken... und dann sehen wir weiter. ...wenn es uns überhaupt gestattet wird! Und mit ein wenig Glück und sehr wenig Korruption könnte Nepal in wenigen Monaten besser dastehen als Haiti noch heute!
hansulrich47 04.05.2015
5. Spenden beruhigt das Gewissen.
Die Nachricht, Hilfsgüter werden an den Grenzen und am Flughafen Katmandu aufgehalten, weil Zoll bezahlt werden muss, regt auf. Das erinnert sehr an Haiti, wo der heilige Bürokratius auch die Hand aufhielt. Kann man in solchen Ländern wirklich helfen?
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