Erdbeben in Nepal Reinhold Messner kritisiert "Zwei-Klassen-Rettung"

Reinhold Messner wirft den Rettern in Nepal falsche Prioritäten vor: Statt sich um die Bergsteiger am Mount Everest zu kümmern, sollten sie lieber den Erdbebenopfern in Kathmandu helfen.

Bergsteiger Reinhold Messner: "Viel größere Katastrophe"
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Bergsteiger Reinhold Messner: "Viel größere Katastrophe"


Reinhold Messner ist sauer. Der Bergsteiger prangert nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal eine "Zwei-Klassen-Rettung" an. Bei den Hilfsaktionen würden die Prioritäten falsch gesetzt, sagte der 70-Jährige dem Radiosender hr-Info. In erster Linie müsse man den Menschen in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu helfen und nicht den Bergsteigern, so Messner. "Im Kathmandu-Tal und in den Schluchten drumherum ist eine viel größere Katastrophe passiert."

Die Bergsteiger benötigten natürlich auch Hilfe, allerdings nicht vorrangig. "Es ist zynisch, dass man um die Bergsteiger am Mount Everest, die sich für 80.000 bis 100.000 Dollar diese Besteigung kaufen können, einen solchen Hype macht", sagte Messner. Am Mount Everest gebe es genügend Ärzte und Essen. Außerdem könne man die Betroffenen mit dem Hubschrauber ausfliegen.

Ähnlich äußerte sich auch der österreichische Extrembergsteiger und Mount-Everest-Kenner Peter Habeler. Er forderte, der Rettung der Ärmsten Priorität einzuräumen. "Diese Leute am Mount Everest zahlen viel Geld und haben alle eine Versicherung und logischerweise werden Hubschrauber sie ausfliegen", sagte Habeler. "Die Agenturen, die diese Hubschrauberflüge betreiben, wissen, dass sie dafür Geld bekommen. Und sie wissen auch, dass sie nichts bekommen, wenn sie irgendwo einfache Nepalesen ausfliegen, weil nämlich die Regierung kein Geld dafür hat."

Nepal ist ein armes Land, das nur über sechs Hubschrauber verfügt, hinzu kommen 20 private. Drei der Hubschrauber wurden bei Rettungsaktionen am Mount Everest eingesetzt. Dort starben mindestens 18 Menschen, als eine Erdbeben-Lawine über das Basislager hinwegfegte. Zum Unglückszeitpunkt waren etwa tausend Menschen im Basislager, darunter 490 Ausländer.

Katastrophenregion: Die Epizentren der Erdbeben
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Katastrophenregion: Die Epizentren der Erdbeben

Das Erdbeben der Stärke 7,8 am Samstag war das schwerste in Nepal seit mehr als 80 Jahren. Das Epizentrum lag etwa 80 Kilometer nordwestlich von Kathmandu. Allein in Nepal kamen nach jüngsten Angaben des Innenministeriums mehr als 3800 Menschen ums Leben - Tausende wurden verletzt. Da es noch keine Kontakte zu einigen der am schlimmsten betroffenen Gebiete gebe, könnte die Zahl der Toten auf 5000 steigen, heißt es vom Innenministerium.

In den entlegenen Erdbebengebieten des Himalaya kommen die Retter nach der Katastrophe nur schwer voran. Hilfsorganisationen berichten, dass Erdrutsche und armbreite Risse viele Straßen des bergigen Landes unpassierbar machen. "Ich habe Berichte, wonach in einigen Dörfern 70 Prozent der Gebäude zerstört wurden", sagte Udav Prashad Timalsina, ein hochrangiger Beamter des Bezirks Gorkha, in dem das Epizentrum des Bebens lag.

Einzelne Flugzeuge mit Hilfsgütern mussten umkehren, weil der einzige internationale Flughafen Nepals überlastet war. Selbst in der Hauptstadt Kathmandu gibt es kaum Strom und Benzin. Tausende Menschen versuchten verzweifelt, Kathmandu zu verlassen. Die Ausfallstraßen waren verstopft.

Unterdessen erschütterten weitere Nachbeben das Katastrophengebiet. Viele Menschen trauen sich aus Angst vor weiteren Einstürzen nicht in ihre Häuser zurück. Zahlreiche Parks und öffentliche Plätze in Kathmandu gleichen Zeltstädten - Hunderttausende schlafen im Freien. Die Angst vor Epidemien wächst. Premierminister Sushil Koirala appellierte an seine Landsleute, alle Läden und Apotheken geöffnet zu lassen, um die Versorgung sicherzustellen.

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Erdbeben in Nepal: Das Leid der Opfer

wit/dpa/Reuters/AP

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insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
Gegengleich 27.04.2015
1.
Wo er recht hat, hat er recht.
spon-facebook-10000131378 27.04.2015
2. Bergsteigerlegende
Eventuell sollte man auf jemanden wie diesen Mann hören, der kennt die Region!
usfriend 27.04.2015
3. Er hat ...
... RECHT!
unglaeubig 27.04.2015
4. Word!
Ich teile Herrn Messners Meinung uneingeschränkt. Die berichterstattenden Medien sollten ihre Prioritäten ebenfalls anders legen, es widert mich an, Interviews mit jammernden Luxus-Touristen zu zu sehen, die ihren ach-so-teuren Urlaub jetzt um eine Woche verkürzen müssen...
culinarius 27.04.2015
5.
Genau das war auch mein Gedanke . . . Nun sind das sicher auch Menschen, aber die Prioritäten sind da wohl etwas falsch verteilt worden. Genauso wenig Verständnis habe ich für die Zeitgenossen, die auf den Ruinen hin und her klettern und Fotos bzw. Selfies machen. Die sollten lieber bei den notwendigen Rettungsarbeiten mit anpacken.
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