Erdbeben in Nepal Hunderte Ausländer werden noch vermisst

Sie kamen zum Wandern und Bergsteigen - nun ist ungewiss, ob sie noch leben. Zu tausend Europäern gibt es nach dem Beben in Nepal keinen Kontakt, darunter viele Deutsche. Angehörige bemühen sich um Informationen: Wer hat wann wen gesehen?

Suche nach Überlebenden: Diese israelische Mutter vermisst ihrem Sohn Or Assaraf
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Suche nach Überlebenden: Diese israelische Mutter vermisst ihrem Sohn Or Assaraf

Aus Kathmandu berichtet Ulrike Putz


Dass er das Beben überlebt hatte, konnte Günter Gündisch seiner Familie in Reutlingen nur auf Umwegen mitteilen. "Erst hatten wir gar keine Verbindung zur Außenwelt", sagt der 64-jährige Geografielehrer. Gündisch war mit einem lokalen Führer und einem Träger am nepalesischen Achttausender Manaslu wandern, als sich der indische Subkontinent vor nunmehr einer Woche innerhalb von nur 30 Sekunden nach Norden verschob.

"Als die Erde bebte, sind wir um unser Leben gerannt. Ganze Hänge gingen als Lawinen ab", erinnert sich Gündisch, der am Samstag mit einem russischen Hubschrauber nach Kathmandu evakuiert wurde, nachdem er eine Woche lang in den Bergen festgesessen hatte.

Überlebende Günter Gündisch (Mitte), sein Führer (l.) und ihr Träger: Eine Woche lang saßen die drei in großer Höhe fest
SPIEGEL ONLINE

Überlebende Günter Gündisch (Mitte), sein Führer (l.) und ihr Träger: Eine Woche lang saßen die drei in großer Höhe fest

Das Trio lief schließlich den Bergpfad zurück, auf dem es gekommen war. Zwölf Stunden nach der Katastrophe kamen die Männer in dem Örtchen Lho an, konnten ihren Verwandten endlich mitteilen, dass es ihnen gut ging. "Nach dem Beben flüchteten etwa 60 Ausländer nach Lho. Einer hatte ein Satellitentelefon. Da haben wir dann einer nach dem anderen Bescheid geben können, dass wir leben."

Mit jedem Tag wächst die Sorge

Viele der nach wie vor in den Bergen Nepals vermissten Wanderer hatten nicht so viel Glück: Bis heute besteht allein zu etwa tausend europäischen Staatsangehörigen kein Kontakt, darunter rund 50 Deutsche. Die Zahlen ändern sich ständig, weshalb das Auswärtige Amt in Berlin vage von "einem mittleren zweistelligen Betrag" spricht.

Die Hoffnung, dass viele der vermissten Bergtouristen unversehrt wieder auftauchen werden, besteht auch eine Woche nach dem Beben noch. Doch mit jedem Tag, der verstreicht, wächst auch die Sorge, dass einige von ihnen nie mehr gefunden werden könnten, weil sie in entlegenen Tälern von Lawinen begraben wurden.

Informationsaustausch per Facebook

"Missing in Langtang, Nepal: Isabel Ortiz & Mixel Pizzaro". Die fotokopierte Vermisstenanzeige, die an einer Wand in der Abflughalle des Flughafens von Kathmandu klebt, zeigt ein Selfie eines Paares in Wanderkluft. Die beiden Spanier sind seit dem Beben unauffindbar. "Kommt ihr vom Langtang? Habt ihr diesen Mann gesehen? Er heißt Or Assaraf", fragt eine junge Israelin mit dem Foto eines Landsmanns in der Hand.

Ein Nepalese überquert Trümmer auf einer Straße im Langtang-Nationalpark
AP

Ein Nepalese überquert Trümmer auf einer Straße im Langtang-Nationalpark

Alle Anstrengungen der Familien in der Heimat, der Helfer vor Ort sowie der verschiedenen Botschaften in Nepal konzentrieren sich derzeit darauf, den letzten Aufenthaltsort derjenigen herauszufinden, die man noch nicht kontaktieren konnte. Auf eigens eingerichteten Facebook-Seiten kursieren die Namen von Reisenden und Dörfern: Wer war wann wo, hat wen gesehen?

Handgeschriebene Listen von Überlebenden

Die Nationen, die Staatsangehörige in den Bergen Nepals vermisst wissen, sind mit Konsularbeamten am Flughafen präsent. Wer kommt aus den Bergen herunter, wer steigt in den Flieger nach Hause: Jeder Name, den die Botschaftsangehörigen von ihren Vermissten-Listen streichen können, bedeutet Erleichterung für die von Sorgen geplagten Angehörigen daheim.

Viele derjenigen, die nun verdreckt und müde aus den Bergen gerettet werden, haben handgeschriebene Listen dabei, auf denen sich Wanderer eingetragen haben, die noch auf ihre Evakuierung warten müssen.

Rettung nur per Helikopter möglich

Langsam kristallisiert sich heraus, dass das Wandergebiet im Langtang Tal für viele Bergtouristen zur tödlichen Falle geworden sein könnte. Das Tal ist nach wie vor nicht zugänglich. Zwar wurden im Laufe der vergangenen Woche mindestens 175 Personen mit Helikoptern aus dem Gebiet gerettet. Doch am Samstag wurden noch immer Dutzende Ausländer vermisst, die das Beben in dem Nationalpark überrascht haben soll.

Unter den dort Vermissten sind auch mindestens zwei Deutsche. Von Leonie und Nina aus Lehrte bei Hannover, die während des Bebens im Langtang Tal unterwegs gewesen sein sollen, gibt es bis heute kein Lebenszeichen.

Aus dem Langtang Tal gerettete Wanderer auf dem Tribhuvan International Airport
AP

Aus dem Langtang Tal gerettete Wanderer auf dem Tribhuvan International Airport

Ein Dorf scheint verschwunden

Die Eltern der beiden 20-Jährigen haben sich inzwischen an die deutschen und nepalesischen Medien gewandt und Bilder ihrer Töchter herausgegeben - vielleicht kann sich jemand, der das Beben überlebt hat, an sie erinnern. "Wir können nur spekulieren und hoffen", sagte Leonies Mutter.

Unterdessen zeigen Luftbilder das Ausmaß der Zerstörung in der einstmals idyllischen Berglandschaft nördlich von Kathmandu. Das Dorf Langtang - beliebter Rastplatz für Trekker - sitzt auf den Bildern von vor dem Beben im Schatten einer gewaltigen Felswand auf einem gut einen Kilometer breiten Hochplateau. Auf den Fotos, die Helikoptercrews nach dem Beben aufgenommen haben, ist das Dorf verschwunden. Das Plateau ist von einer meterhohen Schlamm- und Geröllwelle überspült worden.

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Seite 1
roby 02.05.2015
1.
Dieser kleine Verein unterstützt schon ein paar Jahre den Schulbau in Gorkha- Gebiet, der Region die jetzt am ärgsten betroffen ist. Sie wollen die jetzt völlig zerstörten Schulen so schnell wie möglich wieder aufbauen Kinderhilfe Nepal, Kyffhäusersparkasse, BLZ: 82055000, Kto.Nr.: 85007269, oder IBAN: DE44820550000085007269, BIC: HELADEF1KYF, oder paypal: nepalhilfe@freenet.de für Kinderhilfe Nepal eV., www.kinderhilfe-nepal.org
93160 02.05.2015
2. Es ist eine Tragoedie
Fuer die Nepalesen selbst und fuer alle Touristen die sich zu dieser Zeit dort aufhielten. Ich bin auch ehrlich, denn ich selektiere meine Trauer, so schlimm es klingen kann. Die Nepalesen liegen mir am Herzen und auch jeder Tourist der dort hinfaehrt und mit seinem Geld der Wirtschaft dort hilft. Ich wuensche den Eltern der beiden jungen Frauen, das ihr Schicksal noch zu einem guten Ende fuehrt.
koenigludwigiivonbayern 02.05.2015
3. Eine Frage:
Bei allem Mitleid mit den Angehörigen und ohne jemandem zu nahe zu treten: nach dem Tsunami in Thailand haben viele Europäer, die das aus verschiedensten Gründen nötig hatten oder geschickt fanden, sich wider besseres Wissen für tot oder vermisst erklären lassen. Sogar die organisierte Kriminalität hat damit Geschäft gemacht. Ist es vor diesem Hintergrund glaubhaft, daß in so einem kleinen Land wie Nepal fast 25% aller Erdbebenopfer Europäer sind? Das wäre selbst in Regionen mit Hochtourismus ziemlich außergewöhnlich.
93160 02.05.2015
4. @koenigludwig
Zitat von koenigludwigiivonbayernBei allem Mitleid mit den Angehörigen und ohne jemandem zu nahe zu treten: nach dem Tsunami in Thailand haben viele Europäer, die das aus verschiedensten Gründen nötig hatten oder geschickt fanden, sich wider besseres Wissen für tot oder vermisst erklären lassen. Sogar die organisierte Kriminalität hat damit Geschäft gemacht. Ist es vor diesem Hintergrund glaubhaft, daß in so einem kleinen Land wie Nepal fast 25% aller Erdbebenopfer Europäer sind? Das wäre selbst in Regionen mit Hochtourismus ziemlich außergewöhnlich.
Wenn ich Ihnen antworten darf, ja es ist moeglich. Aus einem einfachen, fast menschlichen Grund. In Thailand sind Touristen, die Sie auch auf Malle finden. Der kluegere Teil der Menschheit faehrt eben nicht nach Malle oder Thailand.Ja ich bin so vermessen es so zu sagen.Und in Nepal geht es nicht ausschliesslich um Vergnuegungstourismus. Schreiben Sie doch selbst deutsche Journalisten an, die diese Reise nach Nepal machten und Reportagen und Dokus nach Europa brachten...alle Dokus auf arte zu sehen.Das sind keine Sauftouristen oder Sextouristen Jeder Tourist in Europa, davon bin ich ueberzeugt, der sein Geld fuer Nepal ausgibt, geht dort hin, weil er sich vorher genau schlau gemacht hat, geht dorthin um wissenschaftlich zu arbeiten, geht dorthin um seinen Bergsteigerhobby ausfuehren zu koennen.Aber alle gehen mit Demut und respekt in dieses land, egal woher sie kommen.VGerglerichen Sie dieses niemals mit Malle oder Thailand. Diese Touristen gehen aus Ueberheblichke'it dorthin.
brooklyner 02.05.2015
5.
Zitat von koenigludwigiivonbayernBei allem Mitleid mit den Angehörigen und ohne jemandem zu nahe zu treten: nach dem Tsunami in Thailand haben viele Europäer, die das aus verschiedensten Gründen nötig hatten oder geschickt fanden, sich wider besseres Wissen für tot oder vermisst erklären lassen. Sogar die organisierte Kriminalität hat damit Geschäft gemacht. Ist es vor diesem Hintergrund glaubhaft, daß in so einem kleinen Land wie Nepal fast 25% aller Erdbebenopfer Europäer sind? Das wäre selbst in Regionen mit Hochtourismus ziemlich außergewöhnlich.
Ist das ein Faktum oder Fiktion? Ich hatte mir mal so etwas ausgedacht, ob das passiert ist, aber hier lese ich erstmals davon. Ich wäre für eine Quelle dankbar.
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